Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr» K » 8I OvIZ §0 Jahrgang UV Zentralorgan für die gesamten llnteressen des Judentums. Wien, 7. Februar 1908. Lrscbetnt jeden Lrettsg.- Brief-Adrefle: Mllen. IX/i, Lerggasse 39. Telegramm-Adrefle: Llocb's Mlo<Z)enscdrttt» MUen. Inhalt: Leitartikel: Die katholische Revolution. — Antisemitismus und Nationaljudentum. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ein politischer Predigttext. Vom Melamed zum rumänischen Nationaldichter. Der nächste Rooscvelt-Prosessor in Berlin — ein Jude, ©in Nietzsche-Urteil. Ein jüdischer Volksdichter. Der Pharao der Bibel. Der „Jude" Hedderich des Herrn Grafen du Moulin-Eckart (München). — Korrespondenzen: Der zionistische Besuch bei Baron Hock. Die Erbauung des Mariendader.Tempels. Zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Die Lage der Juden in bosnischen Dörfern. Israelitischer Bethausverein „Volkert". Der Pogrom- Prozeß in Kiew. Oesterreichischer Knnstverein. Die Großmutter der österreichischen Mimsterpräsidentin gestorben. II ordentliche Generalversammlung des jüdischen Bürgervereines „Jto" in Wien, XV. Prag. Deutschbrod. Kolin. Berlin. Die Juden in Marokko. Danzig. Die „Expropriation" beim Odessaer Rabbiner. Jüdische Soldaten im fernen Osten. Die russischen Webereien der „Jca" geschlossen. Von der jüdischm Brigade in England. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Freiherrlich Rothschildsche Künstlerstipendien. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur. Jüdische Toynbee- Halle XV., Herklotzgasse LI. Wohlverdiente Auszeichnung. Ein Goldfaden-Abend. Wien. Beth-Hamidrasch „Monufiore". Fianzensbad. Nagy- Kanizsa. Der Leibarzt des Sultans. — Feuilleton: An der Grenze zweier Welten. Zwischen Hammer und Ambos. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. *---« VrMgsprris für Vrstrrreirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzetle 24 Heller. %---» K. ft. Postsparftasfen-Ami GI e a r t n g -19 e r ft e b r mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/1» ÄSerggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847. © Ueberftedlungs-Anjeige. Die Redaktion und Administration der „Oesterreich! fchen Wochenschrift" befindet sich von heute ab W“ IX/i, Ibabngasse 15. -W» Die katholische Revolution. Wir Juden sind Revolutionäre, Anarchisten. In den antisemitische» Blättern steht es in allen Tonarten, die rumänische Regierung sagt es, wenn sie Gesetze zur Förderung des Elends im Ghetto erläßt, die russische Regierung sagt es, wenn sie ihre in der Mandschurei gewichsten Regimenter zu tapferer Unterstützung der Hooligane ausschicktdie kaiserlich deutsche und die königlich preußische Regierung sagen es, wenn sie im Germanenzorn ein paar armen jüdischen Arbeitern Deutschland und die Existenz verbieten. Mit entrüstetem Zeigefinger weisen alle diese Schreiber und Redner auf die jüdischen, russischen Studenten und Arbeiter, welche in Wirklichkeit die sanftmütigsten Revolutionäre der Welt sind, nur aus der Uebermacht der Polizei und der von ihrer Umgebung übernommenen, slavischen Uebergeduld psychologisch zu erklären. Wo immer sonst in der Welt ein Mann zwischen achtzehn und vierzig Jahren seine Eltern unter Qualen ermordet fände, die Schwester entehrt, sein Heim verwüstet und geplündert — alles auf Befehl der Regierung, er könnte mit dem Anstifter dort nur bis zur nächsten Schußgelegenheit zusammen weiterleben. Ein paar Regierungen und ein paar Kritzler von der schäbigsten Sorte mögen ihn dafür als aufständischen Verbrecher verleumden. Sei es d'rum; wir Juden wollen dem Schicksal danken, daß unsere Söhne in allem Drange und Elend nicht zu Sklaven herabgffunken sind. Die Verleumder allerdings bleiben bei Kleinigkeiten nicht stehen. Das ganze Judentum muß es sein. Wir alle Inden tragen Bomben mit uns herum, wenn auch nur theoretische, und wenn unsere zersetzenden Gedanken sich nicht gerade mit Anarchie befassen, so beschäftigen sie sich mit der Revolution. Unsere Feigheit hat nichts zur Sache. Sie reimt sich zwar nicht auf die Blutrünstigkeit eines Bombenschützen, aber ein antisemitischer Zeitungsschreiber ist eben nicht zum Dichten da, sondern zum Erdichten. Im letzteren Punkte allerdings muß er besonders beschlagen sein. Woher sollte er sonst denn auch die Beweise für den jüdischen Anarchismus schaffen, da trotz allen verführerischen Zeichnungen jüdischer Petroleure im „Kikeriki" und den dazu gehörenden Besch eibungen im „Deutschen Volksblatt" niemals auch nur ein einziger jüdischer Name aus dem Hintergrund herbeigeschleppt werden konnte, wenn ein anachistisches Verbrechen in Westeuropa geschah. König Humbert fiel seinen Mördern bei einem Turnfest zum Opfer, an weiland Kaiserin Elisabeth wurde eine schuftige Feigheit des Anarchismus verübt, auf Alfons von Spanien wurden zweimal Bomben geschleudert, einmal in Paris und einmal auf seinen Hochzeitswagen, aber niemals kam ein Jude dabei irgendwie in Betracht. Auch jetzt nicht, da die ganze Welt in gerechter Entrüstung den gewaltsamen Tod eines Königs beklagt, der, mochte was immer geschehen sein, sich auf offenem Platze und in offenem Wagen der Großmut seines Volkes anvertraut hatte und nach allen Gesetzen der Mannesehre in diesem Augenblicke unverletzlich war. Tückische Flintenläufe von Verschworenen brachten Dom Karlvs von Koburg-Braganza. König von Portugal, und seinem bildhübschen, klugen und freiheitsliebenden Sohne, dem dreifach beklagenswerten Kronprinzen Luiz Filippe auf dem Handelsplätze von Lissabon einen wenigstens durch seine Schnelligkeit barmherzigen Tod. Es ist eine Lächerlichkeit, in diesem Falle davon zu sprechen, daß man republikanische Freiheitssehnsucht auch im Verbrechen zu achten habe. Nun gibt es schon historische Beispiele genug dafür, daß der Wille des Volkes auch ohne blutige Gewalttat sein Ziel erreicht, wenn er der Gerechtigkeit entspringt und der Freiheit zustrebt. Das waren Mörder, die auf Dom Karlos schossen, nicht Helden, nicht Tyrannenmörder. Man weiß noch nicht, wer sie sind, aber man spricht voll Spaniern, Portugiesen und Italienern, die sich zum schändlichen Werke vereinten.