Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr JSloeb’s MlocbenscbrtN. S»ü» 88 Dom Jabrmarfet des Lebens. Dr. Eduard Bacher. Durch den Tod des Chefredakteurs der „Neuen Freien Presse" Dr. Eduard Bacher hat nicht nur die Journalistik einen ihrer wissensreichsien und hervorragendsten Vertreter und das fortschrittliche Deutschtum in Oesterreich einen mitunter allzueifrigen selbstaufopfernden Kämpfer verloren, auch die Juden haben Ursache, den zu frühen Heimgang dieses ausgezeichneten Glaubensgenossen zu beklagen. Denn hatte auch Dr. Eduard Bacher im jüdischen öffentlichen Leben niemals eine Rolle gespielt, so schlug doch in der Brust dieses Kämpfers für Freiheit und Fortschritt ein gut jüdisches Herz, an das man sich stets getrost wenden konnte, wenn es sich um die Förderung jüdischer Anstalten durch das unter seiner Leitung stehende Wellblatt handelte. Dr. Bacher stammte aus der alten jüdischen Gemeinde Postelberg in Böhmen und war demnach ein engerer Landsmann des berühmten österreichischen Justizministers Dr. Glaser, der die hervorragenden Fähigkeiten Dr. Bachers rasch . erkannte und ihn auch, wo er nur konnte, förderte. Dr. Bacher genoß im Elternhause eine religiöse, altjüdische Erziehung und er pflegte oft zu erzählen, daß er seinem Vater das Versprechen habe geben müssen, bis an sein Lebensende seiner angestammten Religion treu zu bleiben und wenigstens einen Feiertag im Jahre, den Jomkippur, durch Fasten und Beten zu halten. Und er habe dieses Versprechen bis an sein Lebensende gehalten. Er blieb nicht nur selbst Jude, sondern als ihn eine tiefe Herzensneigung mit seiner Frau verband, die dem Christentume entstammte, wußte er in ihr eine solche Achtung vor dem Judentume wachzurufen, daß sie vor der Eheschließung zum Judentume übertrat, und es ist bezeichnend für den Einfluß, den Dr. Bacher auf seine Frau in dieser Beziehung ausübte, daß die so schwer betroffene Witwe zu einem intimen Freunde des Hauses, der der gramgebeugten Dame Trost zusprach, äußerte, sie wolle das Andenken, des geliebten Gatten am besten dadurch ehren, daß ffe dem Glauben, dem ersiezugeführt, auch immer treu bleibe. So oft eine jüdische Wohlfahrt?anstatt in Not geriet und Dr. Bacher davon erfuhr, öffnete er dem Unternehmen die Spalten seines Blattes und gar groß sind die Summen, die auf diese Weise jüdischen Institutionen zuflossen. Zu dem verewigten Doktor H e r z l stand er in mehr als kollegialem Verhältnisse. Er gehörte zu den größten Bewunderern Herzls, obgleich er bissen zionistische Politik nicht billigte. Aber Bacher gehörte niemals zu denen, die die eigenartigen Pläne des Verfassers des „Judenstaat" mit einem verächtlichen Lächeln abtun. Im Gegenteile, er ging auf die Ideen Herzls ein, disputierte oft stundenlang mit ihm über die Möglichkeit siner Lösung der Judenfrage und, wie das bei zwei gleichbegabten, großen Idealisten immer sein wird, ein jeder hat die Ueberzeugung des anderen zu schätzen gewußt, aber von der seinigen nichts aufgegeben. Wer von den beiden nunmehr verstorbenen Kollegen in der Redaktion der „Neuen Freien Presse" Recht gehabt hat, wer kann es heute bestimmen? Die Geschichte hat bis heute auf diese Frage noch keine endgiltige Antwort gegeben. Aber eine tief betrübende Empfindung kann man beim Ableben des Dr. Bacher nicht los werden: Diesem Juden, der sein ganzes Können und Wissen, seine physische und geistige Kraft dem Deutschtum geopfert, der auch dann nicht aufhörte, für die Rechte der Deutschen in Oesterreich mit seiner glänzenden Feder den Kampf zu führen, diesem Juden, um dessen Einfluß und Rat, so lange er seine erprobte Waffe zu führen vermochte, die deutschen Parteien bettelten, diesem Juden verweigern dieselben deutschen Parteiführer den Tribut der allerelementarsten Ehrenbezeigung. Die meisten von ihnen hielten es nicht einmal für ihre Pflicht, das zu tun, was fie sonst bei dem Ableben des gewöhnlichsten Wahlagitators nicht zu tun verabsäumen würden, ihrem Beileid Ausdruck zu geben und diejenigen, die es getan, taten es in gedämpftem Tone, der mehr Angst vor dem Lebenden, als die schuldige Dankbarkeit für den Verstorbenen verrät. General-Oberstabsarzt Dr. Ritter von Uriel über die jüdischen Militärärzte. Wiederholt wurde von der jüdischen Oeffentlichkeit Klage darüber geführt, daß, seitdem Ritter von Uriel Chef des militärärztlichen Offizierskorps ist, die jüdischen Militärärzte in der österreichisch-ungarischen Armee stets präteriert werden, trotzdem, wie jetzt öffentlich zugegeben werden mußte, in der Armee eine empfindliche Aerztenot herrscht. In einer Unterredung, welche ein Vertreter der „Oesterr. Volksztg." mit Dr. von Uriel über den Mangel an Militärärzten hatte, sagte dieser u. a. : „Ich möchte bei dieser Gel-genbeit noch bemerken, daß die Ansicht, das konfessionelle Moment spiele bei der Aufnahme von Militärärzten eine Rolle, absolut nicht zutrifft. Ich frage niemals, welcher Religion meine Herren angehören. Für mich ist einzig und allein die Qualifikation als ArU entscheidend. Die Zusammensetzung des militär-ärztlichen Offizierskorps beweist das auch. Ich betone diesen Umstand, weil in jüngster Zeit öfters die irrige Ansicht Verbreitung fand, die Besitzung militär-ärztlicher Stellen würde von der Konfeffion des Bewerbers irgendwie abhängig gemacht." Zum Schluffe der Unterredung deutete der General- Oberstabsarzt an, daß die Reorganisierung des militär-ärztlichen Offizierskorps in ungefähr zwei Monaten in Angriff genommen werden wird. Aendert auch diese Versicherung des Herrn General- Oberstabsarztes nichts an der Tatsache, daß vorzüglich qualifizierte jüdische Militärärzte in den letzten Jahren nicht vorwärts kommen konnten, so darf die Bedeutung dieser Zuficherung wenigstens für die Zukunft in keinem Falle unterschätzt werden. Vielleicht wird sich die Reorganisation deS militär-ärztlichen Offizierskorps auch auf eine gerechtere Berücksichtigung der Juden erstrecken. Kann ein Angestellter wegen antisemitischer Aeußerungen entlassen werden? Diese Frage unterlag der Entscheidung des Kaufmannsgerichtes Berlin in einem Rechtsstreit, dem folgender Sachverhalt zugrunde lag. Der Kläger Herm. B. war Verkäufer in der Werkzeughandlung von M. und O., deren beiden Inhaber Juden sind. Eines Tages kam er mit einem jüdischen Angestellten einer anderen Firma, der zum Einkauf geschickt war, wegen Benennung einer bestimmten Zange in eine Meinungsverschiedenheit, und als ihn ein Mitangestellter daraus aufmerksam machte, daß er sich im Unrecht befand, erwiderte er: „Ich werde mir doch von dem Judenbub nichts sagen lassen?" Kurze Zeit darauf kam derselbe junge Mann wieder in das Geschäft des Beklagten, um einzukaufen. B. bediente aber erst die anderen Kunden, die später als jener gekommen waren, und ließ ihn bis ganz zuletzt stehen. Als der Mitangestellte dem Kläger über das Ungerechte seines Verfahrens Vorhaltung machte, erwiderte dieser: „Ach was! Erst kommen wir Christen und ganz zuletzt die Juden. Ich bin Antisemit und Mitglied des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes. Den Judenbub bediene ich überhaupt nicht mehr." Die Geschäftsinhaber verfügten, nachdem fie von dem antisemitischen Gebühren in Kenntnis gesetzt wurden, die sofortige Entlassung des Angestellten und das Kaufmannsgericht entschied, daß diese Entlassung zu recht erfolgt sei. Das Wort .Judenbub", das der Kläger gegenüber dem jüdischen jungen Mann gebraucht hat, war zwar nicht direkt gegen die Chefs des Klägers gerichtet, jedoch liegt es auf der Hand, daß diese Aeußerungen eine Mißachtung der jüdischen Konfession im allgemeinen in sich schließe. Das bestätigt auch seine später erfolgte Aeußerung, er sei Antisemit, die Inhaber brauchten sich derartige, gegen ihre Konfeffion sich richtende Aeußerungen nicht bieten zu lassen, es kann ihnen auch nicht zugemutet werden, einen Angestellten weiter zu beschäftigen, der in ihrem Geschäft in Gegenwart von Personal und Kundschaft sich antisemitischer Aeußorungen bedient.