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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-12-20 · 51 (20.12.1907) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 51 Dr. Llocb's MocbenscbrLtr. Seite 859 Physischen und seelischen Schmerzen sind zu groß, ich vermag es nicht länger zu tragen; betet um meine Erlösung." . Als der Rabbiner das Krankenzimmer verließ, war er tief erschüttert. Auf dem Korridor begegnete er dem Primarius, der ihm den Ernst der Situation schilderte; das Leben dieser Frau zähle nur noch nach Stunden. Nun war keine Zeit mehr zu verlieren, der Rabbiner eilte geraden Weges zu Rosen; um die Mittagsstunde war er ja in seiner Wohnung. Eine Stunde später betraten sie gemeinsam das Krankenzimmer. Als Rosen das Krankenzimmer betrat, lag Pia mit geschlossenen Augen im Halbschlummer; die Unterredung mit dem Rabbiner hatte an ihre geringen Kräfte große Ansprüche gestellt. Ruts Krankenlager war durch einen Vorhang abgeteilt, hinter welchem auch Frieda saß. Mehr als zehn Jahre waren verflossen, seitdem er Pia nicht mehr gesehen, das einst blühende Weib — das sah der Arzt Rosen auf den ersten Blick — lag in den letzten Zügen, im Verscheiden. Tränen traten dem Manne in die Angen, der durch des Lebens harte Schule gegangen und dem Tode gar oft in die Augen geblickt. Er stellte sich ihr gegenüber. Nach wenigen Augenblicken schlug sie die Augen auf, die sie lange auf ihn ruhen ließ. Sie schien den früh gealterten Gatten nicht wieder zu erkennen. Ein dunkles Rot überzog die blassen Wangen, dann öffnete sie die Lippen und flüsterte: „Harry". Sie streckte die Hand aus, er trat auf sie zu und ergriff dieselbe, Pia zog seine Hand an ihre Lippen und küßte sie inbrünstig. „Harry vergib, dann wird auch Gott mir vergeben", flüsterte sie. „Ich habe Dir längst vergeben. Möge Gott uns verzeihen; wir haben schwer gesündigt, aber auch schwer gebüßt", erwiderte er. »Jetzt sterbe ich beruhigt", flüsterte sie, dann verfiel sie in Agonie, aus welcher sie nicht wieder erwachte. Nach dieser kurzen Unterredung schlug Frieda den Vorhang zurück und verließ das Zimmer; Rosen warf ihr einen tieftraurigen Blick nach; dann stürzte er sich auf das Krankenlager seines Kindes und benetzte es mit seinen Tränen. Er wagte es nicht, laut aufzuschluchzen, um den Todeskampf der sterbenden Gattin nicht zu stören. Zwei Stunden später war Pia verschieden; ihr Gatte drückte ihr die Augen zu. Auf Rosens Ansuchen wurde ihm ein Bett im Krankenzimmer seines Kindes eingeräumt, welches er bis zur Genesung seiner Tochter nicht wieder verließ. Das Bewußtsein kehrte allmählich wieder und nach sechs Wochen war sie soweit hergestellt, daß sie das Spital verlassen und unter Friedas Aufsicht in der Residenzstadt bleiben konnte. Frieda hatte die Aufgabe übernommen, Rut von dem Ableben ihrer Mutter zu unterrichten und es gelang ihr auch ohne Gefährdung für Ruts Gesundheit; der Gedanke an den wiedergefundenen Vater verlieh ihr die Kraft, den schweren Schlag zu ertragen. Dr. Harry Rosen war wieder in die Heimat zurückgekehrt und nahm seine ärztliche Tätigkeit, von der er nur schweren Herzens geschieden, wieder auf, nachdem er ja das, was er einst an seinem Kinde sündigen mußte, wieder gut gemacht. Als er in jener verhängnisvollen Nacht, da seine Gattin wiederkehrte, in einem Gasthofe einkehrte, wandte er sich an den berühmten Porträtmaler Tiefenthal, der zu den Bewunderern seiner anatomischen Zeichnungen gehörte, ob er ihn als Jünger aufnehmen wolle. Die Antwort fiel bejahend aus; drei Wochen später traf er bei ihm ein. Nach einem Jahre rüstigen Schaffens entließ ihn der Meister mit den Worten: „Ich kann Sie nicht mehr belehren; nun können Sie schon auf eigellen Füßen stehen". Dr. Harry Rosen, der sich Chajim Rosen nannte, ließ sich in der Residenz nieder, wo wir ihn als angesehenen Porträtmaler wirkend fanden. Nach der dreißigtägigen Trauer um seine Gattin wurde deren Testament, welches bei Rabbi Salmon hinterlegt war. eröffnet. Darin lag auch ein Brief an ihren Gatten und ein umfangreiches, verschlossenes Schreiben an ihre Tochter, welches ihr aber erst bei Erreichung des 18. Lebensjahres übergeben werden sollte. Zur U-niversalerbin ihres bedeutenden Vermögens setzte sie ihre Tochter ein. Frieda erhielt ein ansehnliches Legat ausgesetzt, welches sie in den Stand setzen sollte, ein sorgenfreies Leben zu führen. Ihre Villa sollte in ein jüdisches Spital umgewandelt und ihr Gatte, wann immer er unter die Lebenden zurückkehrte, mit der Leitung desselben betraut werden; bis dahin sollte ein streng religiöser jüdischer Arzt diese Stelle bekleiden. Der Brief an ihren Gatten erhielt nur die flehendliche Bitte um Verzeihung und den Wunsch, an Frieda gut zu machen, was er einst an ihr gefehlt. Ihrer Tochter erzählte sie ihre Lebensgeschichte und mahnte sie, in Demut und echt jüdischer Bescheidenheit zu leben, damit sie nicht so unglücklich werde, wie ihre Mutter. Dr. Harry Rosen hatte der Malerei Valet gesagt und war bald wieder ein gesuchter Arzt. Er versah die Stelle des Primarius in dem von seiner Gattin gestifteten Hospitale; mit Vorliebe aber versah er seine große Armenpraxis. Vier Bilder nur malte er noch, das Bild seiner verstorbenen Gattin, nach vorhandenen Photographien und aus dem Gedächtnisse fürs Spital; Rabbi Salmon, seine Tochter und Frieda für sich selbst zur Erinnerung. Nach dem Trauerjahre erfüllte er auch den letzten Wunsch seiner Gattin und führte Frieda Reich heim. Ende. Krirfkastr«. K. R. Ueber die Haltung des Zaren gegen die unglücklichen Juden liegen sichere Daten vor. Als General Grigorieff einsah, daß seine Bemühungen zur Herstellung der Ordnung nutzlos und die Zustände unhaltbar geworden seien, entschloß er sich, nach Petersburg zu gehen und an höchster Stelle persönlich vorstellig zu werden. In der Hauptstadt angelangt, suchte er um eine Audienz beim Kaiser an. Er hatte den Entschluß gefaßt, seinem kaiserlichen Herrn die ungeschminkte Wahrheit zu enthüllen und ihn um seinen Schutz anzuflehen, auf daß dem verbrecherischen Treiben des Volksverbandes ein Ziel gesetzt werde. Die Audienz wurde bewilligt und in großer Aufregung erwartete der alte General das Erscheinen des Herrschers im Audienzsaale. Als der Zar eintrat, gewahrte General Grigorieff zu seinem Entsetzen, daß die Brust des Kaisers mit dem Abzeichen des Volksverbandes geschmückt war, mit demselben Abzeichen, das er in Odessa so oft an der Brust der Hooligans gesehen, die sich anschickten, in die Häuser der Juden emzudringen, um wehrlose Menschen zu morden und zu berauben. Diese Wahrnehmung machte einen solch tiefen Eindruck auf den Stadthauptmann von Odessa, daß er, seiner mit so viel Sorgfalt einstudierten Rede vergessend, einige untertänige Worte hervorsiammelte und sich verwirrt zurückzog. Unmittelbar darauf wurde General Grigorieff vom Ministerpräsidenten verständigt, daß Seine Majestät der Kaiser ihn von seinem Posten als Stadthauptmann von Odessa in Gnaden zu entheben und zum Generalleutnant zu befördern geruht habe. Dies geschah im Juli 1907. Die Abberufung des Generals Grigorieff und der kaiserliche Gnadenakt, durch welchen bald darauf sämtliche wegen Anteilnahme an den Pogroms verurteilten Volksverbändler in Freiheit gesetzt wurden, war außerordentlich bezeichnend und hatte die natürliche Folge, daß die Mitglieder des Verbandes nur noch mehr ermutigt wurden, ihr Treiben fortzusetzen. Von August bis heute ist Odessa ununterbrochen unter der grausigen Herrschaft des schwarzen Terrors gestanden. „Mark Twain." In New-Iork nennt man Schalem Alechem den jüdischen Mark Twain. Als er vor kurzem in den Vereinigten Staaten eintras, brachten fast alle amerikanischen Zeitungen ausführliche Berichte über ihn, sein Leben und Schaffen, und allgemein wurde ihm jene Bezeichnung beigelegt. An einer Feievsnun, die anläßlich der Anwesenheit des Dichters in New-Aork stattfand, nahm auch Mark Twain teil. Der amerikanische Humorist ging auf seinen Kollegen zu und stellte sich ihm mit den Worten vor: „Erlauben Sie, daß ich mich mit Ihnen bekannt mache: Ich bin der amerikamsche Schalem Alechem."

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