Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 742 Dr. MoiL's MocbenscbrM. Nr. 46 euch! hebt allen Abgang durch Auswanderung wieder aus und vermehrt das Elend. Die Juden haben keinen Anwalt und keinen Wortführer, nicht einmal aus den eigenen Kreisen. Man kann es nicht fassen, aber es ist die Wahrheit. Noch ist es fraglich, ob der Ansiedlungsrayon auch nur einen jüdischen Abgesandten in der Duma haben wird. Denn der höchste Grimm des Schicksals will es, daß sich die Juden im Golus zur höchsten Freude ihrer Feinde erbittert bekämpfen und zerfleischen. Als die Wahlen zur zweiten Duma stattfanden, begannen wütende Kämpfe im Ansiedluugsrayon. Bundisten, Zionisten, Kadetten und noch eine Menge Parteien stritten sich um Mandate-, die dann naturgemäß christlichen Bewerbern zufielcn. Dadurch wurde das Gros der jüdischen Wählerschaft so gründlich und für die Dauer angeekelt, daß es über den Willen der Regierung hinaus nicht einmal zur Wahl ging und den Kandidaten der Regierung willenlos das Feld überließ. Nun stehen wir da, ratlos und hilflos, zitternd vor der Regierung, zitternd vor dem Erfolg der Revolution der Duma, zitternd vor Elend. Ueber unserem Ghetto liegt die Atmosphäre bleiern und giftig. K. G. Moralpachter Der erste Teil des Hardenprozesses ging vorüber. Endlich. Er wat so voll von Jntriguen, Schmutz und Gemeinheit, daß sich jede-gute Empfindung sträubte. Wir Bürger haben einen Grund mehr zur Gegnerschaft gegen Byzantinismus und die Selbstüberhebung der Kriegerkaste, das ist alles. Daß ein Capua überall entsteht, wo Reichtum und Untätigkeit Zusammenwirken, ist bekannt und für niemanden große Kümmernis. Wer gerade nichts zu tun hat, mag sich immerhin mit Damen, deren Intelligenz bis zum Zeitunglesen geht, am Kaffeehaustisch darüber streiten, ob Eulenburgs Politik schlechter war als Bülows. Die Juden nur sind gezwungen, dem Prozesse einige Aufmerksamkeit zuzuwenden. Nebenher hat nämlich Harden zu einer bekannten Sitzung des preußischen Landtages das Wort ergriffen. In dieser Körperschaft hat man seinerzeit den preußischen Minister des Innern interpelliert, (v. Hollemann hieß der Edle, wenn das Gedächtnis nicht irrt), ob er nicht gegen Maßnahmen des Berliner Polizeipräsidenten von Borries einschreiten wolle, der ohne jeden Anlaß eine große Anzahl ausländischer Juden über Nacht aus der deutschen Hauptstadt ausgewiesen hatte, darunter bettlägerige Kranke und Leute, die seit Jahren in Berlin notorisch nichts taten, als arbeiten und Steuern zahlen. Unter dem stürmischen Beifall der krautjunkerlichen Majorität antwortete der Minister mit dem üblichen Brustton der Ueberzeugung, die Maßnahmen des Polizeipräsidenten seien angebracht gewesen gegenüber Elementen, welche für die preußische Moral eine Gefahr bedeuten. Borries humane Reckentat hat ein Diplom bekommen. Nun wurde diesem polizeilichen Moralwächter im Laufe des Prozesses nachgesagt, ohne daß er den mindesten Widerspruch getan hätte, daß er von allen Vorgängen gewußt, alle die Tutus gekannt hätte, daß er Mitwisser aller Geheimnisse in den Mannschaftskasernen und Offiziersvillen der Garde gewesen wäre, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen über die Lippen zu bringen. Kourage am unrichtigen Fleck ist eben eine Dummheit. Man hat sie armen Juden gegenüber, die keine Rosenlieder singen können und nicht jeden Tag mit Liebchen zusammenkommen, aber eine große Gefahr für die preußische Moral bedeuten, aber man läßt sie vorsichtig zuhause, wenn man zum alleruntertänigsten Vortrag ins Neue Schloß berufen wird. Vielleicht wird v. Hollemann jetzt noch einmal über die Judenausweisungen interpelliert, von denen sich in neuerer Zeit wieder einige und wieder sehr brutale in Preußen ereigneten. Wir wären verflucht neugierig, ob sein Brustton der Ueberzeugung nicht in vollständige Heiserkeit umgeschlagen hat und mit welcher Antwort er jetzt seine Judenseindschast begründen wollte. Er und alle Andern, die von jüdischer Unmoral schwätzen und ihnen mit dieser Lüge den Zugang zu allen Vertrauensstellungen des Staates verrammeln wollen. Es war eine böse Woche für diese Verleumder. Im katholischen Italien wurde aufgedeckt, daß man die Hilfsgelder für die unglücklichen Opfer der Erdbebenkatastrophe von 1905 unterschlagen hat, beim amerikanischen Bankenkrach mit seiner ungeheueren Korruption waren durchwegs pietistische Angelsachsen germanischen Stammes die Schuldigen und nun mußte auch noch Harden kommen und im Herzen des Preußischen Staates eine Mistgrube aufdecken! Das Höchste, was der Preuße hat, ist das Militär und der Adel und die höchste Blüte von beiden ist die Garde und ihre Offiziere — und von denen gerade mußte nachgewiesen werden, daß die Moral keine standesgemäße Beschäftigung sei! Wir sind weit davon entfernt, strenger zu sein als die Mediziner, die längst schon die Abnormalen aus den Strafanstalten für die Krankenhäuser reklamieren, aber in diesem einen Fall liegt tatsächlich ein Verbrechen vor, nicht gegen die Sittlichkeitsvorschriftkn, aber doch gegen die militärische Disziplin. Was ist von einem Regiment zu erwarten, dessen Soldaten zu ihren Offizieren in zärtlichen Beziehungen stehen? Der feinsten Elite eines berühmten Landheeres wurde diese stark verbreitete Tatsache nachgewiesen, weil zufällig ein Zusammenhang mit großen Staatsmännern bestand, deren Sturz nicht ohne Lärm vor sich gehen konnte.- Viel mehr aber noch verschwindet in einem barmherzigen Dunkel, im Schweigen, dem letzten Geschenk der Kameraden an so manchen ausgestoßenen Offizier, der durch Verirrungen die Würdigung für seinen Stand verlor. Nicht nur in der preußischen Armee — jedes Heer hat seine Uebeltäter, jedes stark besetzte Gefängnisse für ehemalige Offiziere und eine Menge vorzeitig Beurlaubter, für deren Abschied keine Gesundheitsgründe maßgebend waren. Niemand wird daraus der bewaffneten Macht des ganzen Reiches einen Vorwurf machen, nicht einmal der russischen Armee, in der Juden nicht einmal einen Chargengrad erreichen können. Nur uns Juden gegenüber will man von einer krassen Ungerechtigkeit nicht lassen. Wo find die Beweise dafür, daß es unsere Soldaten in Kriegszeiten an Tapferkeit haben fehlen lassen, in Frieden an patriotischer Dienstfertigkeit? Die Regimenter des österreichischen Korps in Galizien genießen einen vorzüglichen Ruf. Man höre nur und staune! Die Regimenter, in denen die jüdischesten Juden dienen, die polnischen, und in denen sie einen hohen Perzentsatz ausmachen, oft dreißig vom Hundert. Wir haben auch, wenn auch wenig, aktive Offiziere und eine Menge jüdischer Reserveoffiziere und keine Klage ist über sie laut geworden. Denn der Jude, der im Militärdienst steht, weiß genau, daß er auf Herz und Nieren geprüft wird, daß man ihm die soldatischen Fähigkeiten am wenigsten zutraut und er ist umso mehr darauf bedacht, durch tadellose Dienstführung und Männlichkeit alle Vorwürfe zu entkräften. Der jüdische Offizier, der sich die militärische Laufbahn zum Lebensberufe macht, weiß genau, daß er als Jude den schwereren Stand hat und nur durch höhere Tüchtigkeit die größeren Hindernisse überwinden kann. Es mag sich ja in der Zukunft — in der Vergangenheit ist es niemals geschehen — der seltene Fall ereignen, daß ein in der Armee aktiver jüdischer Offizier zu Klagen oder gar zu Anklagen Veranlassung gibt. Wer aber haargenaue Prüfungen vornimmt, wird zugeben müssen, daß der Jude in der Armee nicht durchschnittlich schlechtere, sondern durchschnittlich bessere Leistungen aufzuweisen hat als jeder andere. Dasselbe in allen staatlichen Berufen. Der Jude ist sichs bewußt, daß er unter erhöhter Kontrolle steht, besonders tüchtige Arbeit machen muß. Trotzdem ist die antisemitische Lüge stärker als die Wahrheit. Man ahmt überall das preußische Beispiel nach, die Juden nicht Beamte und nicht Offiziere werden zu lassen, und schützt überall die preußischen Gründe vor, wonach sie eine Sondermoral, geringerer Sorte besäßen. Die Orden an der Brust unserer hohen Staatsbeamten und unserer Generale sind klare Gegenbeweise gegen die Leute, welche mit der Juden-