Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 45 Dl*» BIOCil s ♦ f ♦ Jahr,an« XXIV ♦ Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. Wim, 8. November 1907. - LrscbeLnt jeden Freitag. =: Brief-Adreffe: TDdlien, IX/S, Werggasse 39. Telegramm-Adrefse: JSlocb’s THHocöensdbtlft, Wien. 9-« K. k. Po fi spsrks ssrn-Arnt Lleartng-Verkebr «r. 610.976. Nrdsktton und Administration: Wien IX/1. Werggasse Hr. 39. 'Telefon Nr. 14.847. 9-* »-----9 Vrr«K«prr1s für Vrstrrrrktz: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen, wanzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzetle 24 Heller. 9-- » Inhalt: Leitartikel: Die dritte Duma. — Moralpächter. Die „Alliance Jsraelite Universelle" und ihre Gegner. — Eröffnungsfeier der Talmud-Thoraschule. Vom Jahrmarkt des Lebens: D-.e Gräber der Vergessenen. Zu den Wahloorgängen des 3u. Reichsratswahldezirkes in Galizien. Sam. Davis, Sohn des Jak. Davis, emes ruffischen Emigranten in Amerika. Die Bibel in 40o Sprachen. Die Juden in den „Urkunden der Stadt Wien". - Korrespondenzen: Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Israel. Frauen-Wobltätigkeitsverein für Wieden und Margareth-n Lehrerverein im II. Bezirk. Wien. Budapest. Ein. große Stiftung. Preßburg. Aus der lerrilorialistiickeu Bewegung. Berlin. New Aork. — Vermischtes: Wien. Jüdische Toynbeee Halle Akademischer Verein „Jüdische Kultur". Eingesendet. Belhousverein „Mvi tlfiore". Verein der Kinderfreunde für den XVI- und XVII. Bezirk. Graz. Eger. Pakrac. Vorträge des Zerubabetvereines in Virovitica. — Feuilleton: Der Baalteschuwoh. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Die dritte Duma. Brief aus Petersburg. Alle Hoffnungen waren auf sie gerichtet und statt der Erfüllung bringt sie den Schrecken. Man hat in den pessimistischen Rechnungen höchstens eine Duma erwartet, die nichts für die Juden tun wird, aber nun ist eine gekommen, von der man Taten gegen die Juden erwarten muß. Die Ziffern der freisinnigen Abgeordneten sind einfach kläglich. Die Radikalen ziehen ins Haus der Fünfhundert ein als eine Null auf sieben Füßen. Selbst die zahmen Kadetten haben einen Herbststurm erlebt, bei dem die Blatter von den Bäumen fielen. Wenn sich ihnen auch die Oktvbristm — vielleicht — anschließen, so werden sie — vielleicht — mit allen oppositionellen Elementen zusammen die knappe Hälfte der Stimmen haben. Auf der einen Seite eine zusammengeleimte Fortschrittspartei, auf ter anderen die durch natürliche Interessen zusammengehaltenen Monarchisten und erklärten Regierungsleute, die zu Hunderten zählen und anglfeuert werden von ungefähr zwanzig Vertretern des Verbandes russischer Leute, gelernten Baudenführern, die mit der größten Roheit und Verwegenheit arbeiten und die gewiß nicht ruhen werden, bevor sie nicht Maßregeln gegen die Juden herbeigeführt haben. Gewiß ist es jetzt als ein Glück zu bezeichnen, daß die Duma keine gesetzgeberische Gewalt hat. Es wäre sttzt von ihr das Aergste zu erwarten, wenn sich auch schwer vorstellen läßt, wie das Elend im Ansiedlungsrayvn noch gesteigert werden könnte. Doch auch so wie sie ist, wirkt die Duma verhängnisvoll. Solange sie liberalen Ideen gehuldigt hat, bekümmerte sich die Regierung nicht um ihre Beschlüsse. Jetzt aber hat sie an ihr eine moralische Unterstützung bei den reaktionärsten Unternehmungen und alle Hooligans im Reiche haben nun auch parlamentarisch-gesetzliche Beschützer zu ihren regierungs-gesetzlichen und werden sicher noch schrankenloser werden in ihren Zügen zu Raub und Mord. So ist es nach mehrfachen mißlungenen Versuchen der Regierung doch endlich gelungen, Erstrebtes zu erreichen und eine willfährige Duma zu bekommen, die ewiges Leben haben dürfte, da ihre Majorität das Parlament als Unterstützung für die Selbstherrschaft betrachtet. Man darf aber nicht kurzsichtig genug sein, diesen Erfolg ausschließlich Stolypins Künsten zuzuschreiben. Ohne den Willen des russischen Volkes hätte die geheime Wahl doch nicht so viele Erzreaktionäre zutage gefördert. Man hat aber mit Regen und Sonnenschein gearbeitet, mit Belagerungszuständen in den Städten, mit Landzuweisungen an die Bauern (für deren Ermöglichung die russischen Hooligans den jüdischen Bankiers in West uropa nochmals bestens dankt n). Stolypin hat mit kluger Geduld die ärgsten Leuteschinder aus der Armee und Flotte entfernt die Ernte ist nicht schlecht ausgefallen und hat Fabriksbeschäftiaung geschaffen, so ist denn die allgeunine Gereizth.it abgeflaut, und das Bürgertum, dessen Handel und Wandel man mit Ausnahme der Politik ungestört lüß, das Bürgertum, das immer für die Ruhe geschwärmt, hat den Revolutionären auf hunderttau'enden von Stimmzetteln Absagebriefe geschrieben, die ohne ein Wort der Erwiderung zur Kenntnis genommen wurden. Keine Streiks, keine stürmischen Siudeutenversammluugen auf den Universitäten mit flammenden Professorenreden. In Wladiwostok haben ein paar gelangwtilte und sekkierte Matrosen mit den Schinakeln unserer Marine, den Torpedobooten, ein paar Minuten lang Revolution gespielt, aber das war gewiß nur wegen mangelhafter Verpflegung, nicht wegen mangelhafter Dumawahlen. Das Proletariat ist gleichgiltig gegenüber der vom Bürgertum gewählten reaktionären Duma, das Judentum hat jede Hoffnung auf Fortschritt auf gesetzlichem oder revolutionärem Wege verloren. Stolypins Gesetzvorlage über die Juden an Duma und Ministerrat beweist das deutlich genug. Sie ist offenbar unter dem Eindruck der letzten Wahlen entstanden. Damit das Kind einen Namen hat, werden ein paar Prozent Juden mehr an den Mittelschulen und Hochschulen zug. lassen und die Freizügigkeit im Ansiedlungsrayon wird erweitert. Eine Verhöhnung — nichts weiter. Ein paar hundert Leuten kommt diese Verbesserung zustatten, aber im Ansiedlungsrayon, der nicht aufgehoben wurde und nicht aufgehoben werden wird, bleiben Millionen weiter dem Hungertyphus und den Hooligans überlassen. Alle Auswandererschiffe find voll mit Juden. Aber gerade die Aermsten können die Karte nicht erschwingen, gerade die Schwachen und Kranken bltiben zurück und der Gottessegen: Seid fruchtbar und vermehrt