Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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^r. 44 Dv. B?och°S 2e-'vHeU;chLN^ Seite 739 aufgeschlossen für alle jüdischen Interessen, bist du jetzt teilnahmslos, es mache auf ihn den Eindruck, als übtest du nur gezwungen noch heiligen Väterbrauch; du zeigest auch keine Lust mehr beim Studium des Gotteswortes. Sage mir doch, was dich bedrückt." „Kannst du es nicht erraten, teure Mutter?" fragt Harry, indem er die großen glänzenden schwarzen Augen auf die Mutter heftete. „Die schauderhafteste Langeweile ist es, die mich plagt." Vor einem halben Jahre schon habe ich aller Welt sichbar und deutlich angekündigt: „Dr. med. Harry Rosen, emeritierter Assistent des k. k. allgemeinen Krankenhauses, Spezialist für interne Krankheiten. Sprechstunde täglich von 11—12 Uhr, Arme unentgeltlich," und außer ein paar polnischen Juden nimmt kein Mensch meine ärztliche Hilfe in Anspruch." „Aber Kind, sei doch still!" fiel ihm die Mutter ins Wort. „Hast du denn Nahrungssorgen? Du bist doch unser Einziger und das Einkommen des Vaters reicht doch hin, um uns reichlich zu nähren. Und erwirbst du mit deinen Zeichnungen für die pathologischen und anatomischen Zeitschriften nicht mehr als du brauchst?" „Isis denn Alles, wenn man zu essen und zu trinken hat. Wenn ich bedenke, daß ich, die rechte Hand des Herrn Hofrates, trotz des guten Klanges, dessen sich mein Name in der wissenschaftlichen Welt erfreut, als beschäftigungsloser praktischer Arzt herumgehen muß, Meine Kenntnisse nicht im Dienste der leidenden Menschen betätigen kann, dann muß ich alle Lebenslust einbüßen. Siehst du, im Nachbarhause wohnt Dr. Voigt, in Studentenkreisen nannte man ihn Kürbisschädel, weil sein Kopf so wie ein ausgehöhlter Kürbis aussicht, in dem eine brennende Kerze hineinzustellen der liebe Gott übersehen hat. Voigt hat seine Prüfungen mit Ach und Krach bestanden, saß mehr in der Kneipe als im Kolleg und bildete als Sekundarius mit seinen falschen Diagnosen das Gaudium der Kollegen, und er ist ein gesuchter, vielbeschäftiger Arzt. Nicht daß ich ihm sein Einkommen neide, bei Gott nicht, aber die Zurücksetzung schmerzt mich." „Um des Himmels willen, Harry, kränke Dich doch nicht so." „Mutter, Du mißverstehst mich. Ich war in der Klinik der langjährige erste Assistent, doch als die Stelle eines Primarius vakant wurde, verlieh man sie einem Hintermann, ich aber ward moralisch gezwungen, das Spital zu verlassen, in die Praxis zu gehen, trotzdem man in meine Fähigkeiten das größte Vertrauen setzte, mich in die Kongresse entsandte, mich mit der Vertretung des Hofrates betraute, und das alles, weil ich Jude bin. Es gilt nicht mehr Wissen und Erkenntnis, sondern man muß das richtige Bekenntnis haben; halbes Können, halbes Wissen genügt auch, wenn man statt Bildung doppelte Einbildung hat und mit Schlagworten und wissenschaftlichen Brocken herumfluukern kann, wenn einem nur kein Geburtsfehler anhaftet. Ich bin ein Märtyrer meines Glaubens, leide für den Namen Jude, denn — ich stehe nicht mehr auf dem Boden positiven Glaubens" — die letzten Worte hatte er in den Bart gemurmelt, so daß sie der Mutter entgingen. „Und doch darfst Du nicht verzagen, Dein Talent, Deine Fähigkeiten werden zum Durchbruche gelangen." „Aber was ist das," unterbrach sie sich selbst; „ich glaube wahrhaftig, es tastet Jemand nach der Nachtglocke." Harry eilte an's Fenster, öffnete es, in demselben Augenblicke wurde die Nachtglocke heftig in Bewegung gesetzt. „Wer ist unten?" fragte er. „Sind Sie es, Herr Doktor," tönte es von unten zurück. „Ja wohl, was ist denn los?" „Bitte, kommen sie rasch zu uns, zu Bergmanns, unser Fräulein ist plötzlich schwer erkrankt, der Hausarzt ist nicht aufzufinden; bitte, kommen Sie rasch, es ist Gefahr im Verzüge." Dr. Rosen griff rasch nach Hut und Ueberrock und j schritt in wenigen Augenblicken hinter dem Mädchen her, welches ihn eilend in das Bergmännische Haus führte, j Die Glastür ins Haus öffnete sich knarrend, und als 1 der Doktor auf die Schwelle trat, kam ihm der Hausherr \ Josef Bergmann entgegen und führte ihn ins Krankenzimmer. j Pia Bergmann halte sich am vorhergehenden Tage auf der Eisbahn belustigt und dabei eine Erkältung zugej zogen, wurde vom Frostschütteln, welches mit starker Hitze wechselte, befallen und mußte sich zu Bette begeben. Nach j genauer Untersuchung der Patientin traf der Doktor seine ‘ Anordnung, die er strikte zu befolgen befahl; dem Vater $ sagte er auf sein Verlangen, daß eine starke Lungenentzündung im Anzuge sei, dann verabschiedete er sich und versprach, die weitere Behandlung der Patientin zu über- \ nehmen. : Dr. Rosen hatte sich durch sein sicheres Auftreten, : durch sein bescheidenes, aber vornehmes Wesen das Vertrauen r! im Hause Bergmann im Fluge gewonnen. Josef Bergmann * war ein erfahrener und weltkluger Mann, der Ernst und 1 die Bescheidenheit des jungen Arztes imponierten ihm, so idaß er ihm sein teuerstes Kleinod gerne anvertraute. Und Harry Rosen war auch dieses Vertrauens würdig. Schon \ als Sekundarius erregten seine präzisen Diagnosen das " größte Aufsehen, er war zum Arzt geboren, seinem feinem Gehöre entging auch das leiseste Rascheln nicht, dabei hatte er \ ein so ausgebildetes Tastgefühl, so reiche anatomische Kenntf nisse, daß er die kranke Stelle ohne langes Suchen fand. j (Fortsetzung folgt). f Krirfkastr«. Ko. in Budapest. Als vor einiger Zeit die neuerbaute große Kirche Budapests, die Basilika, ihrem Beruf übergeben wurde, konnte der Akt nicht feierlicher begangen werden, als durch die Massentaufe der hoffnungsvollen Stämmlinge der nebbichnochjüdischen Finanziers, die sich dort ihren „Glaubenswechsel" eskomptieren ließen. Und auch die erste Trauung in jenen Hallen war eine deprimierende Manifestation der Selbstüberwindung der sogenannten Großen in Israel. Die Tochter Reimanns, des Direktors des S. T. Bergwerks G. m. b.H., die unter „geregelten konfessionellen Verhältniffen" zum Altar geführt wurde, dürfte sich rühmen, daß mit Ausnahme des amtierenden Geistlichen kein Raffeuarier das erbauende Bild im Kirchenschiffe trübte. S. in Paris. Der Kommandant Alfred Dreyfus, der bekanntlich jüngst in den Ruhestand getreten, wurde soeben zum Chef der Reserve-Artillerie-Eskadron ernannt und als Majorstellvertreter des Generalstabes dem Militärdistrikte von Paris zugeteilt. „Bemion." Muß das Maturitätszeugnis eines Gymnasiums sein. B B. in N. I. Die Geschichte einer glänzenden Karriere, die vom Ghetto ihren Ausgang nahm, erzählt die New-Aorker „Times". Bor ungefähr 25 Jahren verließ die Familie Moiffieff das Ghetto einer russischen Stadt uud kam nach New-Iork. Sie hatten nicht so viel Geld bei sich, um einem „Floh ein paar Blindklappen zu kaufen", wie der Amerikaner sagt. Ihre erste Arbeit war, in einer der Schwitzbuden Arbeit zu finden, um von dem Verdienste das Geld zurückzuzahlen, das ihnen gute Freunde für die Reise vorgestreckt hatten. Leon Moiffieff, ein Junge von kleiner, schwächlicher Gestalt, mußte den übrigen in der Arbeit helfen. Seine Kinderhände waren den ganzen Tag beschäftigt. Aber auch stacht um Nacht mußte er arbeiten, bis er müde einschlief, um aber ebenso rasch wieder von seinem Arbeitgeber wachgerüttelt zu werden. Beim Morgengrauen stand die Familie Moiffieff wieder auf, um zu Scheere und Nadel zu greifen. Aber Leon Moiffieff war ambitiös. Wie so viele junge Juden verzehrte auch ihn ein unauslöschlicher Wiffensdurst. Kaum war er in der englischen Sprache so weit, „United States" englisch aussprechen zu können, trat er auch schon in eine Schule ein. Er fiel seiner Familie nicht zur Last und durfte es auch nicht. Wenn er nicht mithalf verdienen, konnten sie ihm auch nichts zu essen geben. So veddelte er denn früh Morgens nnd spät Abends mit Schuhschnüren, verkaufte Briefpapier, führte kleinere Aufträge aus oder half die Geschäftsläden scheuern und auskehren. Auf diese Weise kam er durch Elementarschulen. Dann trat er in das Kollege der New-Iork City ein, während er zur selben Zeit seinen Unterhalt durch Stallarbeiten und Verrichtung von Laufburschendiensten deckte. Frühzeitig zeigte sich seine Vorliebe für das technische Studium. Die außerordentliche Begabung und der unermüdliche Fleiß des jungen Menschen erweckten die Aufmerksamkeit des berühmtem Professors der technischen Abteilung der Columbia Universität, Carl S. Burr. Dieser nahm sich nun seiner an. Dank dessen Intervention