Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Llocb's Mlocvenscdrtn. Seite 723 Dies erklärt zum Teil, warum die Festungswerke Wiens beim Beginn der Belagerung in schlechtem Zustande waren. Fast um dieselbe Zeit verlangten die Stände vom Kaiser Waffen und Munition aus den kaiserlichen Vorräten zur Verteidigung ihrer Schlösser und Klöster. Es war eben jeder nur bedacht, seine Interessen zu wahren, seinen Kirchturm zu schützen ohne sich um das Allgemeine zu kümmern, und selbst den Schutz des Eigenen wollte man gern Anderen aufladen. Das Ideal einer Interessenvertretung. Am 20. Jänner 1683 erhob der Hofkriegsrat beim Kaiser Beschwerde: „Es haben die Stände die der Einquartierung wegen an sie ergangene Verordnung gar nicht acceptirt, den Service zu geben, expresse verboten, und die Quartier aufgehebt, da dann bei solcher Bewandtniß der Soldat daraus vertrieben worden und bei dieser kalten Zeit gleichsam ohne Logirung crepiren muß." So lange die Gefahr ihnen nicht unmittelbar drohte, wollten die Stände keine Soldaten bei fich haben, als die Türken ins Land rückten und die Soldaten ausmarschierten oder zum Entsätze Wiens eilten, petitionierten die Stände um Schutz für ihre Provinzen und nach Beendigung des Feldzuges wollten sie wieder den Soldaten keine Winterquartiere gewähren. So wie es im Jahre 1683 war, so war es auch 20 Jahre später, und mit bitteren Worten hat fich Prinz Eugen von Savoyen darüber geäußert: „Am meisten aber wundern mich unsere Herren Landständt, als welche, wan die Gefahr ihnen auf. den Hals kommet, erbärmlich schmählen und lamentiren, und nachgehends, wan solche einen Tag gewichen, sogleich wiederum wider das a^Aravio der Miliz protestiren, wollen keinen Unterhalt geben und gleichwolen bedecket und beschützet sein." *) Die Stände Niederösterreichs waren schon im September 1682 von der Regierung auf den unvermeidlich gewordenen Krieg mit den Türken aufmerksam gemacht worden, um rechtzeitig auf dem flachen Lande die erforderlichen Vorfichtsmaßregeln zu ergreifen. Sie suchten aber jede damit verbundene Auslage von sich abzuwälzen; sie durchforschten die Akten, um sich darin Rats zu erholen wie in ähnlicher Lage die Vorfahren vorgegangen waren, sie „deprezierten" fort und fort und suchten die ablehnende Haltung durch lange Schriftstücke zu rechtfertigen. Endlich am 30. Mai 1683 faßten sie den Beschluß, die nötigen Verteidigungsmaßregeln in den Monaten Juni, Juli, August und September auszuführen, „in welcher Zeit die benötigte Einrichtung des Werks hoffentlich vollbracht sein wird". Aber erst am 19. Juni wurde die Ausführungsverordnung hiefür erlassen. An diesem Tage standen die Türken schon vor Stuhlweißenburg, und die österreichischen Stände hofften noch, der Großvezier werde so höflich sein, ihnen bis Oktober zur Einrichtung ihres Verteidigungswerks Zeit zu lassen! Sehen wir nun, wie es mit der Ausführung der gefaßten Beschlüsse aussah. Es war beschlossen worden, 5000 Landleute durch Drillmeister im Gebrauch der Waffen abzurichten. Diese sollten nicht etwa gegen die Türken ins Feld rücken oder Wien besetzen; sie waren nur zur Besetzung der Zufluchtsörter auf dem Lande bestimmt, also speziell zum Besten des Adels und der Landbevölkerung. Trotzdem zeigten sich auch hier böser Wille und Nachlässigkeit: Als der Drillmeister am 30. Juni (die Türken standen an diesem Tage schon vor Raab) in Schranäwand eintraf, versprach ihm der Richter, die Leute am 2. Juli nach Ebreichsdorf zum Exerzieren zu schicken. Aber der Gutsherr, Graf Cavriani verbot seinen Untertanen, zum Exerzieren zu gehen, „es habe niemand anderer mit seinen Untertanen zu schaffen, er habe weder von der Regierung noch von der löblichen N. O. Landschaft derentwillen einen Befehl bekommen". In gleicher Weise benahm fich der Prälat von Heiligenkreuz; die Weigelsdorfer schützten einen ähnlichen Befehl ihrer Herrschaft vor und „die Auer hatten gleich im Anfang rund abgeschlagen". ') Brief vom 22. September 1704 an den Hofkriegsrat von Locher, bei Heller, Militärische Korrespondenz des Prinzen Eugen von Savoyen, II, 232. Auf dringendes Ansuchen der Regierung hatten die Stände am 18. Jänner 1683 zu den Fortifikationsarbeiten vor Wien 3000 Bauern auf zwei Monate bewilligt, „gegen dem, daß dem Roboter wie dem (gleichfalls an den Fortifikationen arbeitenden) kaiserlichen Soldaten 6 Kreuzer täglich gewiß entrichtet werden, jedoch ohne Präjudiz wider der löblichen Stände althabendem Herkommen". Wegen langwieriger Verhandlungen mit der Stadt Wien kam dieser Beschluß erst Mitte März zur Ausführung. Nach Ablauf der zwei Monate, als die Befestigungen noch nicht vollendet waren, ersuchte der Hofkriegsrat die Stände, die Bauern noch auf einige Zeit zu laffen. Er erhielt eine abschlägige Antwort. Hierauf schrieb der Kaiser am 25. Juni und ließ die „treugehorsamsten Stände hiemit gnädigst und aufs Beweglichste erinnern, sie wollen die Notwendigkeit, daß dieser Defenfionsbau in eine Vollkommenheit mit Eifer und aufs bäldigste gesetzt werde, in fernere reife Konfideration ziehen und zu solchem Ende die weitere Landrobot der Untertanen noch auf etliche Wochen anordnen und hierdurch des lieben Vaterlandes Hauptretirada und Zuflucht in verläßliche Perfektion stellen helfen". Die Stände beschloffen am 28. Juni die Extenfion der Landrobot omni meliori modo zu deprezieren"! Wir find neugierig, zu erfahren, wie die Vertreter Wiens in der Landstube bei diesem Beschluffe stimmten. Nach dem bisher Erzählten wird man fich wohl eine Vorstellung machen können, wie fich die Stände benahmen, als es sich um die eigentliche Geldbewilligung handelte; allein die Wirklichkeit übertrifft hier jede Vorstellung. Nach dem vom Hofkriegsrate aufgestellten, vom Kaiser am 26. Februar 1683 genehmigten Voranschläge wurden für die aufzustellende Armee von 80.000 Mann 5,739.514 fl. gefordert. Hievon entfielen nach dem damals giltigen Verteilungsmaßstab 3,746.000 fl. auf Böhmen und seine Nebenländer; 996.000 fl. auf Steiermark, Kärnten und Krain; 664.000 fl. auf Nieder- und 332.000 fl. auf Oberösterreich. Hiezu kam noch ein (freilich sehr hoher) Beitrag zu den Kosten der Gesandtschaften in Regensburg und bei allen christlichen Höfen, so daß von Niederösterreich im Ganzen 875.000 fl. verlangt wurden. Nach langen Verhandlungen beschloffen die Stände, am 31. März für das Jahr 1683 im Ganzen 650.000 fl. zu bewilligen. Davon wollten sie jedoch 220.000 fl. sofort zahlen, gegen eine Zinsenvergütung von 6 Perzent, den Rest von 430.000 fl. erst zu Lichtmeß und Ostern des Jahres 1684. Es ist sonderbar, daß die Stände die Bezahlung von Zinsen verlangten, wenn sie einen Teil der bereits fälligen Steuern bezahlten. Die Stände von Oberösterreich wollten auf die geforderten 332.000 Gulden anfangs nur 80.000 Gulden bewMgen. Als die kaiserlichen Kommiffäre sie zur Bewilligung einer größeren Summe bewegen wollten, machten sie einen parlamentarischen Strike, verließen in aller Eile Linz und ließen den Kommiffären das Nachsehen. Infolge wiederholter kaiserlicher Vorstellung gelang es endlich, sie Mitte März zur Bewilligung von 180.000 Gulden zu bewegen, die sie in mehreren Raten bis Ende des Jahres zu zahlen versprachen. Zugleich baten sie, der Kaiser möge sie „mit fernerer Replik allergnädigst verschonen". Die Hofkammer (Finanzministerium) ließ fich aber durch diese eigentümliche „Adreffe" nicht abschrecken und verlangte, die Stände sollten wenigstens 230.000 fl., wie im vergangenen Jahre bewilligen. Die weitern geradezu peinlichen Verhandlungen verhallten förmlich unter dem bald hereinbrechenden Waffengetöse. Am 11. Februar war ein kaiserlicher Erlaß an die Kärntner Stände ergangen, sie mögen zur Erhaltung der das Land schützenden Truppen eine Quantität Korn und Hafer in natura, beitragen. Sie erteilten am 6. März eine ablehnende Antwort. Wenn fich die der türkischen Invasion am ersten ausgesetzten Provinzen so benahmen, so kann man leicht schließen, wie es die Stände der entfernter» Provinzen machten. Newald teilt keine Details über die Verhandlungen der Stände von Böhmen und Jnnerösterreich mit; aber aus dem Gesamtresultat