Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 718 Dr. JSIodb’s MiocbenscbrM. Nr. 43 Podersam. Nach langem schweren Leiden verschied hier unser hochgeschätzter Rabbiner und Religionslehrer Rudolf Rychnovsky im Alter von 56 Jahren. Er erfreute sich wegen seines einnehmenden Wesens großer Beliebtheit bei jedermann und sein Andenken wird stets gesegnet sein. Budapest. Der Professor am Budapester Landes- Rabbinenseminar Karl Bein ist im Alter von 54 Jahren gestorben. Professor Bein absolvierte seine Universitätsstudien an der Budapester Universität und wurde bereits 1878 an das Seminar berufen, wo er seit dieser Zeit ununterbrochen als Professor der Mathematik und Naturwissenschaften wirkte. Er war auf dem Gebiete der Wahrscheinlichkeitsberechnungen eine Kapazität und bei zahlreichen Versicherungsgesellschaften und Pensionsinstituten als mathematischer Beirat tätig. Er entfaltete auch esiie reiche literarische Tätigkeit, verfaßte mehrere mathematische Lehrbücher, und erst vor Kurzem wurde sein Werk „Politikai szämtan“ (Politische Arithmetik) von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften preisgekrönt. Klattau. Der hiesige israelitische Chor- und Gcselligkcitsverein hielt am 12. d. M. seine 25. ordentliche Generalversammlung ab. Dieselbe war sehr zahlreich besucht und wurde von dem Obmanne Rudolf Fleischer mit einer Ansprache eröffnet, in der er auch des Hingeschiedenen verdienstvollen Mitgliedes Herrn M. Berka gedachte. Auf Anregung des Herrn Baum wurde für den erblindeten Dichter Morris Rosenfeld eine Sammlung eingeleitet, die ein ansehnliches Resultat ergab. Die Berichte des Kassiers Herrn Fritz L as ch a n s k y, des Bibliothekars Herrn Jakob Lederer und des Obmannes der Chanukagruppe Herrn Heinrich Laschansky wurden mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. In den Ausschuß wurden einstimmig gewählt bie Herren: R. Fleischer, Dr. N. Reiser, L. Schleiß«er, B. Vogl, F. Laschansky, I. Lederer und A. Baum. Feuilleton. Kerdirzerrr irr Paris. Draußen lärmt das Leben, Automobile kreischen, Wagen drängen sich, Menschen stoßen und hasten, Zeitungsverkäufer schreien, irgendwoher klingt ein greller unharmonischer Gesang mit einem aufreizenden nervenzerstörenden Refrain, das Ganze eine wilde dämonische Kakophonie: — Paris. Und dann geht man um die Ecke und ist in Berdiczew. Aller Lärm und alles Tosen ist wie abgeschnitten, die hastigen Laute einer fremden Sprache sind verstimmt, man hört nur noch Jiddisch und man ficht nur noch die altbekannten Ghetto-Typen, ein wenig modernisiert, ein wenig znrechtgestutzt, aber doch unverkennbar Ghetto, Ghetto, Ghetto. Wie eine Schnecke ihr Haus mit sich schleppt, einerlei wohin Wind und Wellen sie auch verschlagen, so haben diese Juden das Ghetto mit sich genommen, es um sich ausgebreitet und leben darin ihr Ghettoleben unbekümmert um das Treiben um sich herum, ganz wie in Berdiczew. Wie in Berdiczew geht der Schadchen herum und überredet den einsam Hungernden zu zweifachem Elend; wie in Berdiczew weiß Nachbar vom Nachbar das Letzte und Geheimste, wie in Berdiczew spielt sich das Leben auf der Gaffe ab, wie in Berdiczew ist Freitag ein Rennen und Laufen und Schreien und Schelten und wie in Berdiczew liegt dann,Sabbathruhe über den armseligen Häusern und den finsteren Butiken. Dabei findet sich wohl in ganz Paris nicht so viel Intelligenz auf einem Flecke beieinander wie in diesen engen Straßen, die den Stempel der Ghettowelt so deutlich tragen. Man sieht Gesichter, aus denen nicht nur Leid und Kummer sprechen, sondern ernste Entschlossenheit, Leid und Kummer zu besiegen; man sieht Augen, aus denen Wiffensdurst flammt, Stirnen, auf denen Weisheit wohnt, aber alles ist doch wie mit jahrhundertealtem Staub bedeckt, noch immer lebensftemd, noch immer Ghetto. Viel Schönes ist in dieser seltsamen Welt zu finden; Bethäuser, die ihre altertümliche Schwermut noch nicht mit dem katholifierendeu Prunk moderner Tempel vertauscht haben, Buchhandlungen, in denen schwere, seidene Gebetmäntel hängen, mit seltsam verschlungenen Arabesken bestickt und Gold- und Silberborten verziert, Gebetmäntel, die wie ein fürstliches Prunkkleid aussehen und an den Festtagen die zerschlissene Armut des Alltages verhüllen, versteckte Speisehäuser mit mütterlich aussehenden Wirtinnen, die braunseidene Scheitel tragen und den Gast empfangen, als wäre er ein Kind, das aus der Fremde heimkehrt und vor allem die Menschen, diese wunderbaren, komischen, unverständlichen Menschen. Schlecht genährt, schlecht gekleidet, schlecht unterrichtet in allem, was praktisches Wissen und Können betrifft, scheinen sie wie prädestiniert, im Lebenskämpfe unterzugehen und sind doch von unerklärlicher und unbesiegbarer Tätigkeit und.dem rührenden Mute jener, die dem Volke des Optimismus angehören. Es sind sehr viele russische und polnische Juden in Paris; Juden, die Handel treiben, besonders Edelsteinhändler, jüdische Handwerker. Juden, die studieren wollen, und einige, die ohne Zweck und Grund da zu sein scheinen, nichts besitzen, kaum verdienen und doch leben und doch nicht untergehen. Die jüdischen Studierenden haben sich eine Lesehalle geschaffen; einen Debattierklub, die Geschäftsleute und Handwerker haben wieder ihre Vereinigungen, alles ist wie für die Ewigkeit eingerichtet und doch ist für viele Paris nur eine Durchgangsstation. Sie wollen weiter nach England, nach Amerika. Sie erzählen, daß sie morgen oder übermorgen oder nächste Woche nach London fahren werden oder nach New-Aork. Aber sie irren sich; sie weisen immer wieder nach Berdiczew. Wohin das Leben sie auch verschlägt, ihr Berdiczew schleppen sie mit sich. Mitten in dem wildesten Treiben der größten Städte siedeln sie sich an, vor ihrer Türe hastet und jagt es, aber sie leben das Leben des Ghetto weiter, wie es ihre Ahnen seit Jahrhunderten getan. Erst ihren Enkeln oder Enkelkindern wird es einmal gelingen, aus Berdiczew herauszukommen, erst ihnen wird einmal einfallen, daß es keine Mauern mehr gibt, daß sie nur um die Ecke zu gehen brauchen, um mitten drin zu stehen in dem aufreizenden, nervenzerstörenden, hirnverwirrenden und doch so wundervollen Leben des modernen Tages. Und das wird dann das Ende von alle den Berdiczews sein und das Ende von Berdiczew in Paris. y:" Girre Chasfibinr-Geschrchte. iNacherzählt von Dr. I. R a b b i n o w i c z.) Ec hieß Schmerl ben Chajim Berl. Das war aber nicht sein einziges Verdienst, sondern er besaß auch unermeßliche Reichtümer und von diesen machte er den bestmöglichen Gebrauch; denn er gab mit vollen Händen an Arme und Dürftige ohne nach Rang und Stand zu fragen. Dazu hatte er für jeden hilfeheischenden stets ein gutes, tröstendes Wort. Das wäre natürlich alles sehr schön gewesen. Allein Schmerl ben Chajim Berl war wie alle Sterblichen nicht fehlerfrei und das war hinwieder bös. Der Fehler unseres Helden war, daß er mit seinem großen Besitz allzusehr prahlte. Kam ein Gast zu ihm, wurde er gut bewirtet und reichlich beschenkt. Dann zeigte Schmerl ben Chajim Berl dem Gaste alle Schätze. Zum Schluß pflegte unser Krösus zum Besucher zu sagen: Siehst Du, mein Freund, es ist gar nicht denkbar, daß man bei solchen Reichtümern gänzlich verarme und nicht einmal auf Brot haben solle; oder ist es nicht so? Die Besucher des Schmerl ben Chajim Berl bestärkten ihn nur in seinem Wahne, da sie sich bei ihm einschmeicheln wollten. Die Folge davon war, daß er auf die Sicherheit seines Besitzes felsenfest baute. Was Wunder, daß im Himmel darob große Unzufriedenheit herrschte! Und so wurde das Urteil gefällt, daß Schmerl ben Chajim Berl zvr Strafe für seine Zuversicht das Vermögen verliere und der bittersten Not preisgegeben werde. Dies himmlische Urteil wäre auch vollzogen worden, wenn nicht Schmerl ben Chajim Berl das Glück besessen hätte, ein Zeitgenosse des großen Baalschem gewesen zu sein. Israel Baalschem, der Mann Gottes und der große Wundertäter, wußte jeden Vorgang im Himmel und auf Erden und kein Geheimnis blieb ihm verborgen. Als er daher den