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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-18 · 42 (18.10.1907) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
42 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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wM’fyißmmss N». 42 Dr. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Ilnteressen des Zudentums. Wim, 18. Oktober 1907. Lrscbeint jeden Freitag. Brief-Adresse: Mten. H/L» Lerggssse 39. Telegramm-Adresie: LlocL's Mocbenscbrttt, HlLten. Inhalt: Leitartike l: Der Kaiser. — Arpads Dank.— Totgesagt. — Die Proph-ten als ethische Erzieher. — Erinnerungen an Ludwig Traube. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der deutsche Judentag. Tod des Astronomen Maunce Löwy. Der Großherzog von Baden und Berthold Auerbach. Einfluß der Bibel ans die Kultur Englands. Jüdische Bankiers vor mehr als 23C0 Jahren. Auch ein Jubiläum (1882—1907). Jericho vor 4000 Jahren — Korrespondenzen: Oeffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Theodor Ritter v. Goldschmidt. Wien. Zionisten-Versammlung. Budapest. Ein Pogrom in Ungarn. Lemberg. Essegg. Karlsbad und das Kaiser Franz Joseph-Regierungs-Jubiläums-Hojpiz. Berlin. Odessa. Das Treiben des russi'chen Verbandes. Geschändete Thorarollen. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Wien. Oesterreichisch-Jsraelitische Union. Verein zur Hebung der Gewerbe. Wien-Ottakring. Baden. Czernowitz. Budapest. Ung.-Brod. Salzburg. Triest. Lozd. Konstantinopel. — Feuilleton: Zu Ehren Gottes. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate.;>— -« Bezugspreis für Desterrrirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplars 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. «Sanzjährlg 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzetle 24 Heller. » — - - « »-« B. ft. Postsparftaffen-Amt Lleartng-Verkebr B-lr. S10.976. Drbsklion und Administration: Wir« IX/i, Derggasse Vlr. 39. Telefon Nr. 14.847 *-* Der Kaiser. Alle Herzen in Oesterreich schauen nach dem Theresienschloß in Schönbrunn. Dort gehen statt hoher Geschäftsträger besorgte Aerzte im Zimmer des Kaisers aus und ein. Musterhafte Lebensführung hat dem Monarchen bis in sein gesegnetes Alter die Spannkraft und Gesundheit der Jugend bewahrt. Nun sich dieses Urbild der Pflicht die Arbeit versagen muß, bemächtigt sich bange Unruhe der Bürger. Aller Bürger im Staate. Man mag sozial und politisch wie immer denken, über die Schwelle der kaiserlichen Gemächer drangen niemals kritische Gedanken. Sogar die Sozialdemokraten mußten aus taktischen Gründen zur Thronrede in der Hofburg erscheinen. Weil jede Partei in Oesterreich ausgespielt hat, die den Kaiser beleidigt. Diesen Monarchen, dem im Kreise seiner Familie und zwischen den Grenzen seines Reiches das Glück der anderen jedes Opfer wert gewesen ist, den gütigen Friedenskaiser, dessen Herz und Fühlen, dessen Staatskunst und Grundsätze kaiserliche Größe haben. Mit der Ungeduld des heißen Mitgefühls erwarten besonders die Juden jede Nachricht über das Befinden des hohen Herrn, der dem Throne eine Zierde ist. Sie sind und waren immer dem Kaiser aufrichtig ergeben, immer treue Söhne des Reichs. Aus inneren Gründen, gemäß dem Grundzug ihrer heiligen Bücher, welche der Spiegel der jüdischen Seele sind und welche vor allem die Gesetze streng zu halten gebieten. Aus äußeren Gründen, weil das Recht ihr Schutzwall ist gegen die niedrigen Instinkte der Massen. Und nun leidet zu ihrer tiefen Kümmernis ein Fürst, der nicht nur als Herrscher die selbstverständliche Achtung der Juden besitzt, nicht nur als oberster Hüter des Gesetzes ihre Dankbarkeit, sondern auch als ihres Glückes Förderer und Mehrer ihre Liebe. Franz Joseph I. Bild hängt in der guten Stube des Juden neben dem Porträt des vom schönsten Ruhm umstrahlten Joseph II., neben allen Bildern, vor welchen jüdische Dankbarkeit einen unsichtbaren Altar errichtet hat. Denn unser Kaiser war es, der die Tore des Ghettos aufgerissen hat, unter seiner glorreichen Regierung schritten gedrückte Gestalten aus der Judengasse, um stolze Bürger des Reiches zu werden. Nach dem Märzsturme von 48 kam der Frühling auch für die Juden. Einer nach dem anderen fielen die Schranken, hinter denen man sie als Heloten des Staates gehalten hatte. Abgedankt die zahllosen Behörden, die uns von der Wiege bis zum Grabe Vormund sein sollten und zeitlebens Tyrannen waren. Abgeschafft der verhaßte Zwang zu Geldgeschäften, deren letzte Zinsen der Zorn des Schuldners sind. Nicht nur die freien Berufe, jeder Beruf wurde den Inden frei. Und vor allem das königliche Geschenk: man gab den Juden die Mannesehre. Keine Paßvorschriften, keine Kopfsteuer, keinen angewiesenen Wohnsitz, keine von den Lasten mehr, unter denen das Herz und der Charatter zusammenschrumpfen. Unsere Väter wußten uns viel Leides zu erzählen; daß wir sie anhörten, ohne wie ein leiblicher Zeuge empfinden zu können, verdanken wir der Güte unseres Fürsten, der bereitwilligst und sogleich seine Zustimmung gab, wann immer durch die Regierungen und Parlamente nach vielen Jahrhunderten dem Judenvolke wieder Menschenrechte gegeben werden sollten. Diese Bereitwilligkeit war nicht das Ergebnis kühler Berechnung, nach welcher alle Kräfte im Staate zu nützlicher Mitarbeit herc.ngezogen werden sollten. Sie entsprang der Herzensgute unseres Monarchen, sie folgte dem Verständnis für die Kultur unseres Jahrhunderts. Des Kaisers Edelsinn wies scharf die Zumutung zurück, den Zufall der Geburt einem Manne zum Vorwurf zu machen, und persönlicher Widerwillen trennte ihn weltenweit von den Leuten, welche die Brutalität des großen Haufens gegen die hilflose Minderheit aufstacheln, um eine Rolle spielen zu können. Er mußte schließlich den Wienern ihren Lueger geben, aber zweimal setzte er seine Popularität aufs Spiel, indem er seine Bestätigung als Bürgermeister versagte, zweimal gab er der Vernunft Bedenkzeit, bevor sie dem Matador des Antisemitismus die Herrschaft über die Residenzstadt auslieferte. Vor Jahren schon erstickte ein Kaiserwort die Gefahr rumänischer Zustände, die von so vielen Vertretern germanischer und christlich sozialer Bildung herbeigesehnt werden. „Ich dulde in meinem Reiche keine Judenhetzen" hieß es. Genug Gesindel frevelte gegen dieses Kaiserwort, oft genug lehnten sich dagegen christlichsoziale Verbrecher auf, die für sich den Patriottsmus reklamieren, den sie in Wirklichkeit schänden.

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