Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Bloch’s Jahrgang XXIV Zentralorgan für die gesamten "(Interessen des Judentums. Wim, 27. September 1907. LrscbeLnt jeden FreLtag. =: Brief-Adreffe: MUen, IX/i* Lerggasse 39. Telegramm-Adreffe: LloÄ)'s Mlocbenscbritt. MUen. »—;-—s K. k. Postspsrk«ffrn-Arnt Llcaring-Ve rkebr Mr. 810.976. Ardkiklion und Administration: Wien IX/1» Lerggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847. »-* »---« Vrrussxrri» für Nestrrrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzetle 24 Heller. 9 ' - . « Inhalt: Leitartikel: Ein Gebetbuch. — Der Komödie zweiter Teil. — Zur Gründung der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen in Wien. — Israel und Europa. — Korrespondenzen: Chewra-Kadischa. Wien I. Ignaz BrM. Floridsdorf-Wien. Zur Abstammung der Familie der Freiherren v. Kubinzky. Klattau. Leipnik. Berlin. Zur Geschichte der Juden in München. Jüdische Katakomben in Rom. Sabbathruhe in — Italien. Jüdische Arbeiter in England. Aus der territorialistischen Bewegung. Die Lage und politische Stellung der Aerzte in Rußland. Warschau. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien. Wien-Hietzing. Israelitische Volksschule Talmud-Thora. Kindergärtnerinnen-Brldungsanstalt. Ein vermißter spaniolischer Großkaufmann. Vöslau. Kaiser Franz Joseph-Jubiläumshospitz für arme Israeliten in Karlsbad. Jüdische Vergnügungsreise nach Palästina. Paris. Bern. — Feuilleton: Chol-Hamoedgäste. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Gm Gebetbuch. Von Julius Bauer.*) Inbrünstig las ich Beruria, Das neue Buch der Gebete, Und sah in ihrer Gloria Poete und Prophete. Es ist ein deutsches Andachtsbuch Für jüdische Mädchen und Frauen, Die, trotzend der Zeiten Haß und Fluch, Dem Gotte der Väter vertrauen. Es singt und klingt aus jedem Blatt, Es flammt wie von tausend Lichtern; Der neu sie angezündet hat, Den zählet mir zu den Dichtern. Er schöpfte lebendige Poesie Und himmlische Glaubenswonnen . Aus einer toten Sprache, die Fortlebt, ein ewiger Bronnen! Beruria, sei gebenedeit! Dein Dichter auf Sangesflügeln Tat gut, das Buch aus der Väterzeit Uns siebenfach zu entsiegeln. Denn leider verstehen das alte Brevier Nur kleine Minoritäten; Uns Andern wird verziehen, weil wir Nicht wissen, was wir — beten! * * * Das erste Gebetbuch, das frei und frumm Mein kindlich Gemüt entflammte, Das war meiner Mutter Eigentum, Ein Siderl in blauem Sammte. *) Anm. der Redaktion. Unsere Anfrage bezüglich des Andachtsbuches „Beruria" hat Julius Bauer mit obigem Gedicht beantwortet. Sie gab es mir nur zweimal im Jahr, An hohen Feiertagen, Zumal es an allen vier Enden war Mit schwerem Silber beschlagen. Und auf dem Vorsetzblatte stand In Zügen blaß und verschwommen Mein Name, von der Mutter Hand, Und wann ich zur Welt gekommen. Vom Geiste des Inhalts war kein Hauch In unserer Schule zu spüren, Man lehrte uns Worte nach Väterbrauch Eintönig zu psalmodieren. Ich surrte vergnüglich Psalm und Spruch, Mich faßte kein dunkles Sehnen . . . Nur einmal entlockte das Sammetbuch Dem Knaben bittere Tränen. Die Silberbeschläge, breit und schwer, Die waren plötzlich verschwunden! Das blaue Buch gefiel mir nicht mehr, Ich weinte mehrere Stunden. Und als ich erfuhr den Grund dafür, Da mußte ich wieder flennen: Die Mutter versetzte das Silber, um mir Schulbücher kaufen zu können! Sie hätte für mich mit frevler Hand Vom Himmel geholt das Blaue . . . Ich küßte die Mutter, ich küßte den Band, Gott segne die gütige Fraue! * * * Mein Lehrer war ein grauer Jid, Gelahrt und immer verdrossen; Wir Kinder büffelten Text und Lied, Doch blieb uns der Sinn verschloffen. Keins konnte aus diesem Sing und Sang Den Zauber der Lieder erlauschen, Die lieblich, wie Davids Harfenklang Und tief wie der Jordan rauschen. Wir stampften täglich mit wilder Lust Im Tempelhofe den Rasen, Wir spielten Alcheten: Klopfandiebrust, Wir spielten Schofarblasen. Wir strichen Scheines, Schlag um Schlag Am Rücken der Kameraden: Wir hielten auf manchen Feiertag Sehr große Stücke — von Fladen. Zu Chanuka goßen wir emfig Blei, Und kaum war Sukkes geboren, Da trieben wir Lulefbeutelei An unbeliebten Ohren. Uns freute mehr der Sederschmaus, Als alles Singen und Beten, Wir tranken heimlich den Becher aus, Elias, des Propheten. Wir wußten nichts, wir ahnten nichts Von all den tiefen Trauern, Die uns aus diesem Buche des Lichts In reiferen Jahren durchschauern. Drum grüß' ich das deutsche Andachtsbuch Für jüdische Mädchen und Frauen, Die, trotzend der Zeiten Haß und Fluch, Dem Gotte der Väter vertrauen. Wie strahlst Du bräutlich, Beruria In Deinem neuen Gewände! Zieh' hin in leuchtender Gloria Durch alle deutschen Lande.