Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 38 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 38 Vr. Blortz^s Woorensttzrist. Sette 631 „Ich werde diesem Hadernweibe nichts schenken, vom Wege werde ich sie umkehren lassen." Unabhängig von diesen Drohungen trug Chawa ungestört die Briefe auseinander, sie vernachlässigte auch nicht ihren Handel, was ihr insgesamt ansehnliche, denn manchmal einen halben Rubel übersteigende Einkünfte einbrachte. Wenn sie auch noch nicht das Glück hatte, nach Polanowka, wo nach Aussagen Franck's ein Rubel gegeben wurde, einen Brief hinzutragen, wurde sie trotzdem, dank einer für diese Zeit ausnehmlich reichlichen Korrespondenz und der Mildtätigkeit der Adressaten, deren Gunst sie sich zu erwerben wußte, mit Heiden, Erbsen, Mehl, alten Kleidern und Geld überschüttet. Der beste Beweis hiefür find die fetten Wangen ihrer Kinder, die zweimal tägltch gekochte Speise aßen und außerdem ein kleines Säckchen, das Chawa an ihrer Brust trug. In dem Säckchen befanden sich zehn ersparte Rubel, die Angabe für die künftige, feiertägliche Garderobe der sechs Rubine. Ich sage ausdrücklich sechs: denn Chawa hatte beschlossen, selbst ihrem Manne einen neuen Ueberrock anzuschaffen, was doch ein sehr beredtes Zeugnis für ihre Wohlhabenheit war. Gleichzeitig mit dem Wachsen und Wohlergehen Chawa's senkte fich das Glück Franck's. Eines Tages bemerkte man das Fehlen zweier silberner Löffel in der Kredenz. Die Bürgermeisterin hätte vielleicht nach einer anderen Richtung ihren Verdacht gelenkt, aber der Bürgermeister, der immer wieder gegen den neuen Diener einen polizeilichen Widerwillen hegte, hat ihn sofort davongejagt. Vergeblich beschwor und beteuerte Franck seine Unschuld, das gestrenge Oberhaupt ließ sich nicht besänftigen. „Diese jüdische Schelmin ist an allem Schuld," sprach der gewesene Austräger zum Kollegen, als er den Magistrat verließ. „So lange sie nicht drinsteckte, hielt mich jeder für einen ehrlichen Menschen." Mit dieser gerechten Klage ging er geradeaus ins Wirtshaus, wo er merkwürdigerweise gleichzeitig mit dem Verschwinden der Löffel einen bedeutenden Kredit erlangte. Hier trank er zur Vergiftung seines Schmerzes einige Achtelliter und begann unter bitteren Tränen über sein Unglück und dessen Verschulderin vor der Srulowa zu klagen. „Was ist sie denn schuld?" verteidigte die Schänkerin. „Hat sie Euch hintergangen?" „Warum ist sie in den Postwagen mit dem Stör eingestiegen — he?" brummte Franck. „Ich habe mich bekreuzigt, sie ist doch aufgesprungen. Sofort hat uns nicht mehr ein Pferd, sondern ein Bock geschleppt. Erwürgen werde ich sie — wenn nicht, dann wird sie Hungers krepieren." „Es wird ihr gar nicht sein," sagte die Srulowa streng, „jetzt kann sie Gänse essen. Erst unlängst war sie hier, sie hat einen Brief nach Polanowka." „Nach Polanowka!" schrie mit starren Augen Franck' „Das ist mein Rubel! — meinen Herrn werde ich den Brief abtragen. Nach Polanowka!" Wie ein Wütender rannte Franck aus der Karczma und lief hinter die Stadt. Chawa hatte auch in Wirklichkeit an diesem Tage einen rekommandierten Brief nach Polanowka zu tragen. Aus Ehrerbietung für den Hof, der so großherzig die Boten entlohnte, beschloß sie, fich feierlich-anzukleiden. Gerade damals, als Franck aus der Karczma hinauslief, kehrte sie nach Hause zurück, um sich umzukleiden. Sauber gewaschen, in einem neuen Rock, neuen Schuhen, mit einer reinen, weißen Haube, in ein blaues Tuch gehüllt, sah sie so schön aus, daß man in diesem Augenblicke gut an ihre Arbeitsamkeit vergessen und an ihre Schönheit denken konnte. Zufrieden mit fich, eines guten Verdienstes sicher, küßte sie die Kinder und machte fich auf den Weg. Den Weg nach Polanowka umstellten von der einen Seite mit Sträuchern bewachsene Berge, von der anderen Seite umgürtet ihn die Weichsel. In der Mitte jedoch biegt der Weg auf eine Erhöhung ein und durchläuft das Bett einer kleinen Schlucht. Als Chawa dieser Schlucht näher kam, bemerkte sie einen in der Nähe der Fahrstraße liegenden Menschen. Ein alter Militärmantel, eine zersetzte Pelzmütze. Spuren im Kote erinnerten sie an Franck. Vielleicht ist er's, dachte sie, Am hellichten Tage wird er sie doch nicht überfallen. Wie sie sich um einige Schritte näherte, zweifelte sie nicht mehr, daß es ihr Vorgänger im Austrägerdienste war. Verwirrt durch diese Begegnung wollte sie den Schlafenden ausweichen, aber dieser hatte sie bereits erblickt, denn er richtete sich auf und begann, ihr entgegen zu gehen. Der Schreck machte Chawa das Herz erstarren, aber sie beschloß, standzuhalten. „Wohin denn?" fragte Franck mit heiserer Stimme. „Nach Polanowka," sagte zitternd die Jüdin. „Wozu?" „Mit einem Briefe." „Sofort ihn hergeben!" „No, warum," rief die Jüdin, ist er für Dich?" „Hergeben," brüllte Franck, sie an der Kehle packend. „Chawa suchte fich loszureißen, er drückte sie heftiger, zuletzt hat er einigemale so heftig auf ihre Schläfe dreingeschlagen, daß sie niederfiel. Jetzt begann er ihr von der Brust die Kleider abzureißen und fand dort den Brief und ... ein Säckchen. Es scheint keinem Zweifel zu unterliegen, daß Franck es nicht auf das Leben und Geld Chawas abgesehen hat, doch wurde er trotz seiner ursprünglichen Absicht zum Mörder und Dieb, denn in seiner Erregung hat er ihr furchtbar starke Schläge versetzt und nahm ihr das Geldsäckchen ab. Es war nur ein Stillen seines Rachebedürfniffes. Als er den Brief aufgegriffen hatte, begann er in der Richtung nach Polanowka zu laufen. Erst vor dem Dorfe kam er zur Besinnung und sah ein, daß ihm diesmal die Botschaft gefährlich werden könne. Er kehrte um und von der Fahrstraße abweichend verlor er fich im Gebüsche. Derweilen wartete die halbtote, ohnmächtige Chawa lange auf Hilfe. Der erst nach einer Stunde auf dem Kamierz fahrende Fleischer lud sie, als er noch Lebenszeichen an ihr beobachtete, auf den Wagen und brachte sie nach Hause. Man schickte keine Eilboten aus, es liefen keine Aerzte zusammen, um die Kranke zu retten, nur vier Kinder versuchten durch verzweifeltes Schreien und Jammer vergeblich die Mutter zum Bewußtsein zu bringen und der hustende Mann — seine Frau. Spät kam die Nachricht zu Mütterchen Wlostowicka, das sofort zuhilfe lief und um den Feldscher schickte. Man setzte auf die verwundeten Kopfteile Blutegel, die scheinbar eine gewiffe Beruhigung brachten, doch blieb die Kranke bei starkem Fieber, sie drängt Jemanden von fich, faßte ihn an der Brust, schrie, man soll ihr das Säckchen geben, das leider nicht da war. Das vollständige Fehlen von Geld machte jeden Heilungsversuch unmöglich. Man hat zwar von der Kassierin den Betrag abgenommen, aber der reichte kaum für Kartoffeln für die Kinder und für die Verlängerung der Agonie. Nach zweitägigen Qualen starb Chawa, ohne einmal vor dem Tode angedeutet zu haben, daß Franck ihr zehn Rubeln weggenommen und daß sie dem Mütterchen Wlostowicka die drei Rubel nicht zurückgegeben habe. „Arme Chawa, daß Du in meinem Lande arbeiten und mit seinem Brot Dich und Deine Kinder ernähren wolltest — ich verzeihe es . . . Dir." Neue Bücher. B. Aptowitzer, Wie». Beiträge zur mosaischen Rezeption im armenischen Recht. Aus dem Sitzungsberichte der Kais. Akademie der Wissenschaften in Wien. Philosophisch-historische Klaffe. 157. Band, 4. Abhandlung. Vorgelegt in der Sitzung am 6. März 1907. In Kommission bei Alfred H ö l d er, k. u. k. Hof- und Univerfitätsbuchhändler, Wien 1907. Dr. M. Altschüler. Biertelj ahrsschrift fürBibelkunde. Talmudische und patristische Studien unter Mitwirkung von zahlreichen namhaften jüdischen und christlichen Gelehrten. Verlag „Lumen", Leipzig,