Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 37 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bloch’s Iahrza«, XXIV Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Zudentums. Wim, 13. September 1907. - Lrscbeint jeden zfreitng. 11 Brief-Adreffe: Mlten» IX/i, Lerggasse 39. Telegramm-Adresse: »locb's Mocbenscbritt, Mlien. O-.-« Vrprgsprris für Vrstrrrrirtz: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare Sv Heller. Für'« Ausland: Halbjährig lv Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. »■ ■ — ■ A »-« K. ft. Po flsxarftassrn-Aml Cleartng-Verkebr Mr. S10.S76. KrdakNon und Administration: wirn IX/1, Werggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847. %-* Inhalt: Leitartikel: Hertzka und die Gräfin Tarnowskaja. — Kol Nidre. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Aufruf des engeren Aktionskomitees. Eine Kritik des achten zionistischen Kongresses. Die Bibel in der Esperanto-Weltsprache. — Aus der C.,_. V' Jugendzeit von M. Lazarus — Wie ein Gotteshaus entsteht. — Die Juden in Bulgarien. — Korrespondenzen: Leo „....... .... Herzberg-Fränkel. Ein Zwischenfall in den Salzburger Hochschulkursen. Emil Freiherr von Kubmzky. Bodenbach. Hilfsverein der deutschen Juden. Der Zar als „russischer Mann". Russischer Fortschritt. Palästina-Handelsgesellschaft. — Vermischtes: Wien.; i ^IGöding. Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalt. Groß-Enzersdorf. Berlin. — Feuilleton: Chawa Rubin. — Neue Bücher. — Literatur — Inserate. Hertzka mrd die Gräfin Tarnowskaja Wir Juden sitzen mit jedem einzelnen unserer Verbrecher auf der Anklagebank. Vor Kurzem bescheerte uns das Schicksal diesen Automobilräuber Hertzka, dem zwischen phantastischen Reisepläneu und philosophischen Studien eine Schraube im Gehirn losgegangen war und der dann auf der Landstraße einen dilettanteuhaften Raubmordversuch beging, um sich in den Besitz eines Kraftwagens zu setzen, der ihn in jeder Viertelstunde Weges dreimal verraten hätte. Wäre dieser Hertzka nun Buddhist gewesen oder meinetwegen Feueranbeter, so hätte außer dem Gerichtssaalreporter und dem Psychiater weiter kein Hahn nach ihm gekräht. Der Herr Zeitungsleser hätte beim Frühstück oder beim Kaffee vom Nachmittag einfach den Kopf zum Zeichen der Entrüstung mißbilligend geschüttelt und vielleicht noch mit der Frau Gemalin ein wenig darüber philosophiert, wieso es kam, daß einer von den vielen merkwürdigen Kasperln, aus denen sich die Menschheit zusammensetzt, allen Ernstes einen großen Hammer nahm und ohne Scheu und Furcht riskierte, wovor wir alle am meisten zu zittern gelernt haben, nämlich den Galgen. Da aber dieser Hertzka, der Schwerverbrecher mit der gediegenen akademischen Bildung, ein Jude war, so ließ man ihn nicht einen Wegelagerer auf eigene Rechnung sein, der sein Konto vor Recht und Gesetz allein zu begleichen hatte, sondern, in jener edlen Zunft, in welcher die Wegelagerer der Moral organisiert sind, die vom Raub der Ehre, dem Diebstahl des guten Rufes, von der tückischen Verleumdung leben, in der antisemitischen Preßbande nämlich, begrüßte man die Mordtat mit schlecht verhehltem Jubel. Endlich einmal in Jahrzehnten eine Illustration zu der täglich, aufgetischten Lüge über die Verbrechernatur der Juden! Außer dem Gerichtssaalrefereuten erschöpfte auch der agitatorische Leitartikler der Banditenpresse wochenlang sein Tintenfaß und sein Gehirn, um diesen Hertzka aüs die Rechnung des Gesamtjudentums zu setzen. Einmal in Jahrzehnten vergaß ein Jude die allen Juden besonders stark eingeimpfte Heiligkeit des Menschenlebens, des ersten göttlichen Gesetzes, aber das genügte, um die Anklage von ihm auf alle Juden auszudehnen, alle Juden als eine Rasse auszugeben, in denen die unstillbare Sehnsucht nach dem Raubmord schlummert und die man deshalb mit allen Mitteln verfolgen müsse. Wahrlich, an unseren christlichsozialen Hooligans der Feder und an der unendlichen Geduld, Milde und Nachsicht unseres Staatsanwaltes war es durchaus nicht gelegen, wenn der Straßenpöbel nach ver Tat von Hertzka nicht ein Verfahren mit Aexten und Steinen gegen alle Juden in Oesterreich einleitete. Wir müssen uns das vorderhand gefallen lassen. Wo Geßmann die Regierung regiert, wird kein Staatsanwalt den Vergani mit dem bürgerlichen Gesetzbuch auf die Finger klopfen. Wir müssen uns lediglich mit einem Kampf der Logik begnügen, da uns der gebührende Schutz des Staates im Stiche läßt, müssen denselben Staatsanwälten und Behörden zeigen, deren Schweigen die antisemitischen Preßbestien für Einverständnis nehmen, wie groß die Gemeinheit und der Blödsinn sind, die in Oesterreich protegiert werden. Wie wäre es denn, wenn einmal zwei dasselbe täten, wenn wir Juden auch mit allgemeinen Beschuldigungen anfingen und den sensationellen Kriminalsall der Gräfin Tarnowskaja dem Christentum und den Christen vorwerfen wollten? Der Hertzka war einer von jenen großstädtischen Juden, denen ihr Judentum nur noch eine Aeußerlichkeit ist, eine aus der Kindheit stammende, erblaßte Erinnerung, die lästig empfunden wird, so oft sie auftaucht. Aber im Kriminalroman der modernen Messalina Tarnowskaja sind alle Schuldigen und Mitschuldigen treue Christen. Sie selbst, die pch zu den inoffiziellen Liebhabern 'drei offizielle hielt, deren skandalöses Leben ganz Rußland kannte, die kaltblütig ihren Bräutigam vom dritten Liebhaber niederschießen ließ, um den zweiten zu heiraten und schneller erben zu können, sie stammt aus dem gut katholischen Irland und ließ sich nach dem Geständnis einen geistlichen Tröster in den Kerker kommen. Der Mörder selbst küßt in der Zelle fortwährend ein goldenes Kreuz, Prilukow, der wie Raumow Frau und Kind im Stiche ließ und außerdem defraudierte, dieser verschlagene Feigling sucht Zuflucht im Gebet. Einen Abgrund der Verworfenheit füllen die Taten dieser Drei, die Geschichte des ermordeten Grafen Komarowsky. Des tierischen Genusses, des Sinnentaumels und des Bargewinnes wegen werden von diesen arischen Sensationsver-