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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-07-19 · 29 (19.7.1907) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
29 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 29 Dr- JSlocb’s Mocbenscbrm. Seite 477 von sich gaben, erhielt auf die Bitte um Auskunft, was das zu bedeuten habe, die sie beglückende, einer Pythia würdige Antwort: „Oraqasmkot hzwtöriqns"! Eine Kranke bekam auf die Klage, daß ihr der verordnete Badeort nichts genutzt habe, den Bescheid: Wissen Sie denn, was passiert wäre, wenn Sie diese Kur nicht gebraucht hätten?" Ein an Migräne aufs schwerste leidender Patient erhielt von ihm schriftlich das Ehrenwort, daß die Migräne eines Tages nicht mehr wieder kommen würde. Er hat Hunderte gratis behandelt, ihnen nie eine Rechnung geschrieben. Das ungeschriebene Gesetz, das den Mitgliedern der Königlichen Gesellschaft der Aerzte zu London untersagt, Honorarprozesse vor Gericht zu führen, galt auch für ihn. Auch der Humor war diesem im Grunde so ernsten Arzte nicht fremd. So als er erzählte, er habe einen Vortragenden Rat aus einem — balkanstaatlichen Ministerium, der au beginnender Hirnerweichung litt, geraten, seine Stellung „ruhig und ohne Sorge" noch einige Jahre beizubehalten. Recht angeregt und frisch konnte man den trefflichen Gelehrten haben, wenn man die Rede auf die Politik brachte. Mendel vertrat Pankow und den Nieder-Barnimer Kreis durch zwei Legislatur-Perioden im Reichstag. Er stand natürlich — „Wo das Herz schlägt. Auf der Menschheit frohen Linke, Auf des Frühlings großer Seite." Da konnte er von Bismarck erzählen, wie dieser bei einer Thronrede des alten Kaisers, als die Worte stockend wurden, „wild" geworden sei und zu den Abgeordneten gewendet halblaut gesagt habe: „Mit dem Lesen geht es auch schon nicht mehr!" Und wie Bismarck bei einem parlamentarischen Abend sich an die Fortschrittlichen mit den Worten wandte: „Meine Herren! Sie ärgern mich ja manchmal in den Reichstag, aber das ist ein Kinderspiel gegen die Kämpfe, die ich mit den Unterröcken am Hofe auszufechten habe." Aber auch werktätig förderte Mendel im Reichstag, was zu seinem Ressort gehörte. Der § 51 von der Zurechnungsfähigkeit verdankt ihm Fassung und Kommentar. Und an den Vorbereitungen zum bürgerlichen Gesetzbuch, soweit es sich auf Entmündigung und Geisteskranke bezieht, nahm er tätigen Anteil. Die Unfallsneurosen beschäftigten ihn literarisch und in seiner Gutachtertätigkeit jahrelang. Als die dem Liberalismus ungünstigen Zeiten anbrachen, da klagte er oft über den mangelnden Nachwuchs in der Jugend und über das Strebertum der „üls äe kamiUs". Einen Ersatz fand er in dem Wirken für Pankow, dessen Krankenhaus ihm seine Entstehung und Ausführung verdankt und in dem brandenburgischen Provinziallandtag für die Geisteskranken der Mark. Ebenso trefflich waren seine rein menschlichen Eigenschaften! Er war ein Virtuose der Freundschaft. Eines Tages erschien er in Wiesbaden, spontan, frühzeitig nach durchfahrener Nacht, nur um eine junge nervenkranke Dame zu besuchen und um dann deren reiseunfähigen Eltern, die in Berlin lebten und ihm von Jugend auf befreundet waren, zu beruhigen. Jeden Sonntag fand sich das junge medizinische Studienvölkchen — seine Assistenten und Zuhörer — in Pankow ein; es war eine Art „Familienkirmes"! So behaglich war die gewährte Gastfreundschaft! Mit Seelenruhe sah Mendel seinem eigenen „Abgang hinter die Kulissen", wie er schmerzend sagte, entgegen. Der Puls war in den letzten Jahren unregelmäßig und hüpfend geworden. „Eines Tages wird der Faden ganz reißen" meinte er. Er ist denn auch in diesen Junitagen gerissen. Ueber die Trauerfeier in Pankow wird gemeldet: Nach dem Wunsche des Dahingeschiedenen, dessen scharfer Verstand zu sehr in die Weite ging, um leere Aeußerlichkeiten zu dulden, ist die Dekoration der Trauerfeier lediglich auf die Zutat beschränkt worden, die die Natur liefern konnte. Man sieht keine umflorten Lüsters, keine verhängten Fenster, aber im dunkelgoldenen Schein der Glühlichtkerzen Blumen, Blumen, Blumen. Als breite, grüne Mauer steigen die Palmen fast bis zur mittleren Höhe der Saalrückwand empor. Friedlich hebt sich von ihrer satten Farbe der blasse Kopf der Emanuel Mendel-Büste ab, in grelles Licht gesetzt durch die flackernden Flammen der Silberleuchter. Und auf dem Sarge, an dem die buntgekleideten Chargierten der studentischen Vereinigungen mit gestickten Bannern und blanken Schlägern die Ehrenwacht halten, liegt eine Bürde von dunklem Lorbeer und weißen Blüten. Beim Vorbeigehen lese ich auf den schweren Schleifen der Riesenkränze die Inschriften „Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie", „Deutscher Verein für Psychiatrie", „Aerztekammer", „Freisinnige Volkspartei". Die wissenschaftlichen Vereine Berlins, speziell die der medizinischen Wissenschaft, sind ausnahmslos vertreten. Unter ihren Deputierten sieht man die Geheimräte Landau und Leffer, den General-Oberarzt Leuthold und andere. Auf den Stuhlreihen, die den Sarg umgeben, läßt sich nach und nach der dem Toten verwandtschaftlich nahestehende Teil der Trauergäste nieder; in ihrer Reihe der Sohn Mendels mit dem scharf geschnittenen, klugen Gelehrtengesicht und die schluchzende Witwe.... Die Redner geben ein erquickendes Maß von warmer Empfindung, die das leere Pathos verabscheut; sie enthalten mehr gute als viele Worte. Der Bürgermeister von Pankow, Herr Kuhr, sagt im besonderen dem treuen Sohne seiner Gemeinde den Abschiedsgruß; ihm, der vierzig Jahre der Gemeindeverwaltung mit vorbildlicher Arbeitskraft zur Seite stand, als ein Anreger moderner Einrichtungen und ein nie rastender Helfer. Als er davon spricht, daß Mendel wissend, in voller Erkenntnis seiner Loge, dem Tode entgegenschritt, kommt in das harte Ostpreußisch des Redners der Akzent aufrichtiger Ergriffenheit Die Schlußworte werden ganz von Tränen erstickt. Und der guten Freundesrede klingt — von einem Chor gesungen — Schubert's „Ueber allen Wipfeln ist Ruh" wehmütig nach. In die gewaltige berufliche Leistling des Toten vertieft sich dann eingehender Professor Liebmann von Mendels Poliklink. Er senkt die Fahne vor dem Forscher, der es versuchte, „da die Krankheit zu sehen, wo sich dem unkundigen Blick nur Laster und Verbrechen zeigten". Er rühmt auch das warme Herz und den nie verletzenden Humor, die Schlichtheit und Anspruchslosigkeit des Menschen Emanuel Mendel, der ebenso ein Mann der Wissenschaft, wie ein „Mann des Lebens" war. Er gedenkt auch Mendels kriegerischer Tätigkeit, die er in drei Feldzügen erprobte und deren Lohn das Eiserne Kreuz wurde, seiner volitischen Arbeit als Reichstagsabgeordneter im Dienste der Fortschrittspartei. Und das Lieblingswort des Verstorbenen: „was vergangen, kehrt nicht wieder — Ging es aber leuchtend nieder, leuchts lange noch zurück." ist der gute Abschluß dieser schönen Gedenkrede. Immer neue Sprecher treten vor, um der Persönlichkeit Emanuel Mendels die letzten Grüße ihres Respekts zu entbieten. Doktor Munter bringt den Dank der früheren Assistenten an den Sarg. Die Pankower Aerzte, die Berliner „Medizinische Gesellschaft", die „Gesellschaft für soziale Medizin", die „Friedrich Wilhelms-Akademie", sie alle haben ihren Abgesandten, der Blumen und ein paar Worte mitbringt. Dann, während sie drinnen noch „Es ist bestimmt in Gottes Rat" singen, fährt unten der finstere Leichenwagen vor. Die Equipagen der Studenten, an deren Bannern die Sonne die Kraft ihres Glanzes erprobt, ordnen sich zum Geleitszuge. Und hinter mir sagt ein alter Pankower, als schon die Trauergäste in dichten Scharen die Rathauspforte verlassen, heiser und ernst: „Det war'n feiner Kerl... 'n feiner Kerl!" Und er wischt eine Träne aus dem Auge... . Die Leiche Emanuel Mendels wurde nach der Trauerfeier nach dem Lehrter Bahnhof geleitet, um mit der Eisenbahn nach Hamburg gebracht zu werden. Dort erfolgt, wie bereits gemeldet, die Einäschei ung. Wie aus Berlin berichtet wird, haben die städtischen Behörden der Berliner Vorstadt Pankow beschlossen, dem verstorbenen Psychiater Geheimrat Mendel, der in Pankow fast fein ganzes Leben verbracht bat, ein Denkmal zu setzen. Korrespondenzen. Vorschlag zur Errichtung eines „MuKer-Gewrrbeheims" anläßlich des 60jährig. Regierungs-Jubiläums Seiner Majestät unseres Kaisers von S. Brod Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe, Vize-Präsident des Wiener Kredit- und Vorschuß-Vereines. Die seit mehr als 16 Jahre von lohnendem Erfolge begleiteten Bestrebungen unseres Gewerbevereines würden in unvergleichlich höherem Maße zur Geltung kommen, wenn die erforderlichen Mittel aufzubringen wären, das von mir im Jahre 1898 in einer eigenen Broschüre angestrebte Gewerbeheim, sowie eineZentralisation allerFaktoren des Gewerbe st andes ins Leben zu rufen. Das Gewerbehaus, wie ich es mir denke, soll, um mich hier nur möglichst kurz zu fassen, folgende Hauptabteilungen umfassen: 1. Das Lehrlingsheim. Diese Institution besteht bereits in Wien unter dem sorgfältigen Patronat des alten, ehrwürdigen und unter rühriger Leitung tätigen Handwerkervereines. Dieses soll auch in Zukunft seine bewährte Verwaltung und seine statutarischen Tendenzen unverändert beibehalten. Nur ergänze es seine praktische Tätigkeit im gewerblichen Zentralpunkte, da hier für die wichtigsten Gewerbezweige Werkstätten geschaffen werden sollen, an welchen tüchtige Meister die Lehrlinge entweder vollständig ihrer praktischen Befähigung zusühren oder praktische Winke für deren Zukunft zu erteilen haben. Auch eine Vorschule für jene Knaben aus den Provinzen, deren Vorbildung mangelhaft, für einen Handwerker der Zukunft gewiß nicht ausreichend, soll im Gewerbehause angelegt werden. Jeder Lehrling muß vor seinem Freispruche ein Arbeitsstück im Hause anfertigen.

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