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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-06-21 · 25 (21.6.1907) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
25 (21.6.1907)
Date
1907-06-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Helte 414 Vr. Llocb s Mocdenscbrttt. Nr. 86 erfreulicher ist, als unter den Gewählten eine so bedeutende Persönlichkeit wie Dr. Mahler sich befinde. Durch seine Wahl sei die Scheidemauer zwischen Ost- und West-Judentum in Oesterreich gefallen und seine Person bürge dafür, daß die trennende Mauer nicht wieder aufgerichtet werde. Redner schloß, während sich die Versammlung erhob, mit dem Eide der Treue namens der Studentenschaft. Nun wechselten Bundeslieder und Reden ab. Herr Ingenieur Struck sprach namens der Ruthenen. Er legte in knappen Worten die Ziele seines Volkes dar. Ebenso wie die Juden werden die Ruthenen als selbständige Nation nicht anerkannt und gegen ihren Willen dem polnischen Volke zugezählt. Die Ruthenen seien aber auch wie die Juden kampfbereit und opferfteudig, hierin Wandel zu schaffen. Als der Redner im Verlaufe seiner Ausführungen erwähnte, daß fünf der im Saale anwesenden ruthenischen.Studenten den Hungerstreik in Lemberg mitgemacht hätten, ertönte minutenlanger Beifall und die Korona erhob sich zur Ehrung der Fünf. In treuester Kampfgemeinschaft sei es Juden und Ruthenen gelungen, sich ihre eigenen Volksvertreter zu erstreiten. Ihm erwiderte Kouleurbruder Jng.-cand. Sztencel in polnischer Sprache. Es folgten launige Toaste des Alten Herrn Dozenten Doktor Welleminsky und des Herrn Direktor Dr. Brody; hierauf folgten die Reden der Vertreter der anwesenden Korporationen. Nachdem noch für. H a i d u k e v i 6 namens seiner ruthenischen Kommilitonen gesprochen hatte, sangen die Ruthenen ihr Bundeslied. Kouleurbruder Löwy ergriff dann nochmals das Wort. Er sprach über die Waffenbrüderschaft der Ruthenen und Zionisten, die Schulter an Schulter gegen Korruption und Bedrückung gekämpft haben. „Im Kampfe für die Freiheit der Völker werden wir immer zusammenstehen." — Zum Schluffe nahm Abgeordneter Doz. Dr. Mahler das Wort zu einer längeren Rede, in der er auf die verschiedenen Ovationen und Toaste reagierte und sodann in programmatischer Weise den Weg klarlegte, den die jüdisch-nationalen Abgeordneten zu gehen hätten. Dieser Weg laufe im Wesen auf eine Konzentration der jüdischen Parteien und Klejnorganisationen hinaus. Ferner führte er aus, wie die innerpolikische Betätigung nicht nur keine Schädigung, sondern vielmehr eine Förderung der zionistischen Idee sei. Als die würdige Feier nach Mitternacht zu Ende war, folgte eine inoffizielle, gemütliche Kneipe, bei der jüdische und allgemein studentische Lieder mit ruthenischen abwechselten. Telegramme und Begrüßungsschreiben waren eingelausen u. A. von: „Kadimah", ..Jvria", „Makkabäa" (Wien), „Beritas" (Brünn), ..Hasmonäa" (Czernowitz), „Jordania" (München), Verein „Jüd. Kultur", Wien, Volksvereine Pisek, Pilsen usw., zionistische Mittelschulen Prag, Karlsbad, Teplitz, Saaz, Reichenberg und von vielen Anderen. Die Predigerfrage der Preßburger orthodoxen Judengemeinde. Die Probepredigt des Rabbiners Slusterlitz. Preßburg 18. Juni. Die altehrwürdige Kanzel der hiesigen orthodoxen Kultusgemeinde hatte Samstag einen ereignisvollen Tag. Ein exzellenter Redner von blendender Sprachgewandtheit, der noch jugendliche Rabbiner Austerlitz aus Somorja, hielt seine Probepredigt. „Seit über 30 Jahren verwaist, war sie jährlich zwei-, höchstens dreimal das Podium, von welchem herab, entweder dem Zwange äußerlicher Notwendigkeiten gehorchend oder durch den imperativen Muß des Versöhnungs-, Oster-, Pfingst- und Hüttenfestes, eine armselige Predigt erfolgte. Das allwöchentlich vou dieser geheiligten Stätte zu erschallende Gotteswort aber, wie es jüdischer Brauch und 2000jährige Tradition vorschreibt, war verbannt. Was Wunder also, wenn das religiöse Gefühl und der religiöse Sinn durch diese 30jährige geistige Hungersnot alle Merkmale des Hungertyphus aufweisen und dieselbe einen geistigen Marasmus gezeugt hat, der dem gänzlichen Verfall gewöhnlich vorauszugehen pflegt?! Bresche um Bresche wurde dadurch in das religiöse Leben geschlagen, und nun, da nur mehr noch einige Trümmer dieser einstigen Hochburg jüdischen Glaubens und jüdischen Gemeingeistes aufrechtstehen, erkennen die diplomierten und diplomatischen Aeizte des Volkes den nahezu hoffnungslosen Zustand. Werden sie dem tiefeingeriffenen Uebel Einhalt zu gebieten im Stande sein? Mit prophylaktischen Mitteln, wie die Gründung des Vereines zur Sabatheiligung, allein ist angesichts der schweren Krankheit herzlich wenig gedient. Besonders aber dann nicht, wenn dieser^Verein, der die gesunkene Religiosität wieder aufrichten soll, eine Exklusivität tendiert, welche die große Mehrheit derer, deren Seelenheil gerettet werden soll, nachgerade ausschließt. Uebrigens hat dieser gewiß unterstützungsbedürftige Verein in weiser Erkenntnis der unumgänglichen Notwendigkeit sich auch die hehre Aufgabe gestellt, dem Volke die lange, nur allzulange vorenthaltene geistige Nahrung zu schaffen, und fürwahr, dieser einzige Programmpunkt nur in lebendige Tat umgesetzt, würde ihm das unvergängliche Verdienst sichern. Denn täuschen wir uns ja nicht; während der letzten 30 Jahre ist eine Generation emporgewachsen, welche von der innerhalb dieses Zeitraumes sich mächtig entwickelnden wissenschaftlichen Geistesströmung noIen8 volene influiert worden ist, und daher, gleichviel wie der Einzelne zu religiösen Fragen sich verhält, vor allem geistige Nahrung.fordert. Das römische Volk rief einst dem Kaiser Oktavianus zu: Panem et Circenses ~ Gib uns Brot und Belustigungen. Ist es denn wirklich zu unbescheiden, wenn der Mensch der wissenschaftlichen Zeitrichtung die gleiche Forderung, allerdings nicht im römisch-materialistischen, sondern im ideal-geistigen Sinne aufstellt? Die Zeitströmung anerkennen, sich ihr aber gleichzeitig entgegenstellen, ist ein Unding, weil selbst die brutalste Gewalt nichts über sie vermag. Unerbittlich reißt sie alle, die sich ihr entgegenstellen, in den finstern Abgrund und überantwortet sie dem gerechten Schicksale der Vergessenheit. Nur gewaltige Geistesheroen, die ihrer Zeit um Jahrzehnte oder Jahrhunderte vorauseilen, können sich diese Kraftprobe gestatten, aber auch solche haben, wie die Geschichte der menschlichen Entwicklung: beweistdurchihren Wagemut schwer gelitten. Und deshalb ergeht an Euch Ihr Großen und Kleinen unserer Gemeinde mein Mahnruf: Räumt auf mit den Halbheiten, mit den Zweideutigkeiten, die Euch so lieb geworden. Erfüllet Eure Pflicht und löset Euer gegebenes Wort ein, denn sonst würde das Hochgericht der bevorstehenden Wahlen das unausbleibliche — Schuldig über Euch fällen." In formvollendeter Rede brachte Rabbiner A u st e r l i tz Vielen, die es bloß instinktiv fühlten, zum klaren Bewußtsein, was die Macht der Sprache vermag und wie das Gotteswort zum lieblichen, herzerfreuenden und geisterhebenden Menschheitsbedürfnis gestaltet werden kann. Berlin. Wir werden um Aufnahme folgender Zeilen gebeten: Erklärung: Gegenüber den in den letzten Wochen von verschiedenen Seiten aufgestellten unwahren Behauptungen über die Stellung der Rabbiner in der hiesigen jüdischen Gemeinde sehen wir uns zur Wahrung unserer Ehre zu folgender Erklärung veranlaßt: 1. Es wird behauptet, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin im Jahre 1905 „die durch eine tausendjährige Entwicklung geheiligte Institution des Rabbinats" aufgehoben habe. Diese Behauptung beruht auf einer unbegreiflichen Verwechslung des in einzelnen Fällen religionsgesetzlich vorgeschriebrnen Zusammenwirkens von 3 Rabbinern (Bes-din) mit der Verfassung des Berliner Rabbinates, wie sie eine Zeit lang bestanden hat. Seit einigen Jahrzehnten hatten die Rabbiner der hiesigen Gemeinde ihre gemeinsamen Aufgaben, wie die Erstattung von Gutachten, die Beantwortung religiöser Anfragen, die Prüfung neu anzustellendec Kantoren u. a., in kollegialer Beratung erledigt, und demzufolge hieß die Vereinigung der Rabbiner der hiesigen Gemeinde Rabbinat oder Rabbinatskollegium. Eine Aenderung dieser Einrichtung erfolgte aus Anlaß einer Frage rein taktischer Natur und führte dazu, daß der Vorstand, gestützt auf das Statut der hiesigen jüdischen Gemeinde vom 11. November 1895, § 54, gegenwärtig nur noch die Gutachten der einzelnen Rabbiner ein-

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