Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 24 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. 24 Ol*■ BIOCH’S Jahrgang XXIY Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wim, 14. Juni 1907. — Erscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Mtlen, IX/,» Kerggasse 39. Telegramm-Adresse: Llocv's MocbenscbrM» Mien. D-.-41 VerugrPrris für Jßefterreirfi: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 5V Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen, wanzjährtg 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzetle 24 Heller. H. . - - 1 « O-U K. ft. Pofisparftassen-Aml Glearing-lPerftebr Mr. 810.976. Drdakiion und Administration: w irn iX/j, ÄSerggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847 ®-« Inhalt: Leitartikel: Offenes Schreiben an den Herrn Justizminister, Geheimen Rat Dr. von Klein, Exzellenz. — Prof. Dr. Stanislaus Starzynski, der „Abgeordnete" des 30. Reichsratswahlbezirkes in Galizien. — Lueger, Wolf & Co. — Behandlung österreichischer Juden in Preußen. — Die Judenfrage auf dem Oktobristenkongreß. — Korrespondenzen: Oeffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Das Schächtverbot des Wiener Gememeinderates vor dem Verwaltungsgerichtshofe. Die galizischen Wahlmißbräuche. „Vorgeführt". Geheimrat Dr. Jakob Freudenlhal. Berlin. Aus der territorialistischen Bewegung. Herr Alexander Marks. Hilfsverein der deutschen Juden. — Vermischtes: Wien. Israelitischer Bethausverein „Volkert". Mödling. Erlach. Jglau. Mödritz bei Brunn. Rjeszow. Klattau. — Feuilleton Chajim auf derJeschibah. — Literatur. — Neue Bücher—Briefkasten. — Inserate. Offenes Schreiben an Keiner des Herrn Anstizministers, Gelfeimen gutes Doktor von Klein Gezeiten;. Exzellenz! Sie sind gegenwärtig noch Justizminister Sr. Majestät des Kaisers, verantwortlich für alle Maßnahmen der österreichischen Justiz. Durch ein arbeits- und ruhmreiches Leben haben Sie sich den Namen eines modernen Juristen von vornehmer Gesinnung erworben, der die staatliche Justiz nicht zur Magd der Administration erniedrigen lassen möchte. So lenke ich denn Ihre Aufmerksamkeit, Exzellenz, auf die erschreckenden Vorgänge, die sich gegenwärtig im Königreiche Galizien abspielen. Dort wird die Justiz nicht etwa zur dienenden Magd der staatlichen Administration erniedrigt, dort wird sie zur Prostituierten der Parteipolitik, ein elendes Werkzeug des Hasses und der Rache, um politische Gegner zu verfolgen. Aus Rawaruska gelangt an uns nachstehender Notschrei: „Die Reichsratswahlen in Rawaruska haben weitere fatale Folgen nach sich gezogen. Im Laufe dieser Woche find etwa 12 Leute, die dem Handwerkerstande angehören und in den Augen unserer Behörden verdächtig waren, daß sie für die Wahl eines jüdischen Abgeordneten eingetreten sind, in Haft genommen worden. Wir stehen hilflos gegenüber diesen Verfolgungen. Die Inhaftierten sind sämtlich verheiratet und Väter zahlreicher Familienmitglieder, welche, nachdem die Et nährer sich in Hast befinden, bitterem Hunger ausgesetzt sind. Die Verhafteten wurden am 5. d. M. in K e 11 e n gelegt und durch die Gendarmerie dem Lemberger Strafgericht eingeliefert! Den Richtern in Rawaruska, welche den Ruf der Unparteilichkeit genießen, wird somit die Aburteilung dieser „Verbrecher" entzogen, trotzdem der Leiter dieses Bezirksgerichtes ein nationaler Pole ist, welcher im Wahlkomitee für den Kandidaten Prof. Starzynski Vorsitzender war. Allein gegen ihn ist der Verdacht rege, daß er als richterlicher Funktionär seine politische und nationale Parteistellung nicht zu Worte gelangen läßt. Bei Aburteilung solcher Art „Verbrecher", wie die aus Rawaruska, braucht man, wie es scheint, Richter, wie sie nur in Lemberg zu haben sind. Aus Sokal wird unS wiederum geschrieben: „Die unerhörte Gewalttätigkeit der hiesigen politischen Behörden und insbesondere die anläßlich der Wahlen seitens des Bezirkshauptmannes S z w edzic ki angeordneten unzähligen Hausdurchsuchungen, Bestrafungen und Verhaftungen solcher Wähler, welche sich als Gegner des Kandidaten Prof. Starzynski zu deklarierten wagten, hatten strafgerichtliche Anzeigen und ein Einschreiten des hiesigen Bezirksgerichtes zur Folge, an dessen Spitze der ruthenische Gerichtsvorsteher Chomicki — eine allgemein geachtete und selbst von den Polen als streng objektiv und human anerkannte Persönlichkeit — steht. Die eingeleitete Voruntersuchung, welche die beiden hiesigen Strafrichter Krzyzanowski und Pelech, beide zufällig ebenfalls Ruthenen, sowie der ihnen zugeteilt gewesene Richter Knopf, ein Jude, — lauter Männer integren Charakters und vornehmer Gesinnung — führten, förderte ein derart gravierendes Belastungsmaterial zutage, daß zunächst an die Verhaftung zweier Leute, welche mit der Zustellung der Stimmzettel betraut waren, geschritten werden mußte, weil sie alle Wähler, welche die Annahme der bereits mit dem Namen Starzynski vorgedruckten Stimmzettel refufierten und leere Blanquette verlangten, mit einer Anzeige bei dem Bezirkshauptmann bedrohten. Kaum war dies geschehen, erschien Bezirksausschußmitglied Dr. Krainski im Gerichtsgebäude und verlangte die Enthaftung dieser Agitatoren, welche sich „seiner Ansicht nach" keine strafbare Handlung haben zu Schulden kommen lassen, und als seinem Verlangen keine Folge gegeben wurde, erklärte er in brüskem Tone den Richtern, sich an die höhere Instanz wenden zu müssen, damit diese sofort Remedur schaffe. Schon am darauffolgenden Tage wurde seitens der Lemberger Staatsanwaltschaft telegraphisch die Enthaftung dieser Leute verfügt und der ganze Untersuchungsakt abverlangt. Da nun dieser Untersuchungsakt auf Grund der protokollarischen und zum Teile eidlichen Zeugenaussagen ein äußerst schwerwiegendes und die hiesigen politischen Behörden, in erster Reihe aber de» Bezirkshauptmann Justin Szwedzieki, höchst kompromittierendes Material enthielt, fand daswegen seiner „Objektivität" in nationalen Sachen noch von den ruthenischen Studentenkrawallen her bekannte Lemberger Straf-