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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-05-24 · 21 (24.5.1907) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
21 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 248 Dr. JBIocb’s Mocvenscbrin. Nr. 21 Protestversammlurrg der jüdischen Gemeindemitglieder in Berlin. Am Mittwoch den 15. Mai tagte in der Viktoriabrauerei, Lützowstraße 111—112, eine imposante Protestversammlung gegen die Amtsenthebung des Predigers an der .jüdischen Gemeinde Rabbiner Dr. Emil Cohn. Angesehene Gemeindemitglieder verschiedenster Richtung hatten die Einladung ergehen lassen. Trotz der Hitze hatten annähernd 2000 Mitglieder der Einladung Folge geleistet. Bereits um halb 9 Uhr mußte der Saal polizeilich gesperrt werden. Die Versammlung wurde eröffnet durch einen rein sachlichen objektiven Bericht über Verlauf der Affaire Cohn, den Herr Dr. Biram gab; im Grunde die Tatsachen, die Herr Dr. Cohn selbst, in einer neuen Broschüre den „Kampf ums Recht" niedergelegt hat. Als erster in der Diskuffion sprach Herr Dr. Zwirn, der sich gegen das jetzt allen Gemeindemitgliedern ins Haus gesandte Plaidoyer des Gemeindesyndikus Herrn Lilienthal wandte. Er griff ihn zunächst wegen der von ihm zum erstenmale zur Begründung der Suspension herangezogenen 2 neuen Punkte an, des Verhaltens von Dr. Cohn als Lehrer am Falk-Realgymnafium, sowie seiner Gedenkrede auf Theodor Herzl. Es sei offenkundig, daß man sie nur deshalb herangezogen habe, weil man fühlte, daß der Hauptfall ins Wanken geriete. Was diesen Hauptfall anbetrifft, so wandte sich Herr Dr. Zwirn besonders heftig gegen die von Herrn Lilienthal ausgesprochene Verdächtigung des Herrn Dr. Cohn, indem er wörtlich ausführte: „Wir können ruhig Aeußerungen übergehen, er, Dr. Cohn, halte sich für einen guten deutschen Staatsbürger, Schiller und Goethe seien aus ihm nicht auszumerzen, das sind Redensarten, die nicht mehr ins Gewicht fallen können," meint Herr Lilienthal, „Das ist ein Widerspruch in sich, Goethe und Schiller gehören der Weltliteratur an. Wir wollen Shakespeare auch nicht aus uns streichen und wollen doch nicht behaupten, daß wir gute Engländer find. Solche Redensarten können den Satz nicht verwischen, der an der Spitze der Aufzeichnungen steht." Nein, meine Herren, der Vorstand hätte die Verpflichtung gehabt, den Kommentar Dr. Cohns dem Direktor gegenüber noch zu ergänzen und jedes Wort über deutschen Patriotismus, wie z. B. den Satz: „Ich werde im Religionsunterricht meine Kinder zu guten Patrioten und guten Deutschen erziehen, denn das ist jüdisches Gebot" noch dick unterstreichen müssen! Anstatt dessen desavouiert er seinen Prediger und erstattet gehorsamst wie ein Unteroffizier Rapport von der prompt erfolgten Suspension, obwohl Herr Leutnant gar keinen Befehl dazu gegeben hatte." Wenn aber der Direktor von Herrn Dr. Cohn verlangt habe, er solle sich erst in zweiter Linie als Jude fühlen und zuerst als Deutscher, so sei Herrn Dr. Cohn daraus kein Vorwurf zu machen. Ein Konflikt zwischen Deutschtum und Judentum bestehe, gottlob, niemals. „Und deshalb ist die Fragestellung, ob zuerst Deutschtum, ob zuerst Judentum, töricht und muß stets von neuem von uns s. limine abgewiesen werden. Denn nicht gleichstehende Jntereffen kämpfen hier gegeneinander, etwa wie Polentum und Deutschtum. Die Frage stellt inkommensurable Größen gegeneinander. Unsere Interessensphäre liegt ja nur auf innerpolitischem Gebiet, berührt unsere Gleichberechtigung und Glaubensfreiheit. Und da steht nicht das Judentum dem Deutschtum gegenüber, sondern als Juden stehen wir den Andersgläubigen gegenüber, die uns nicht als gleichberechtigt anerkennen wollen. Eine spezifische jüdische Interessensphäre aber nach außenhin, die dem Wohle der auswärtigen deutschen Politik zuwiderläuft, ist ein Unding und ein Unsinn! Aber, meine Herren, wenn es sich um einen Streit um Jntereffen handelt, wie sie im Leben praktisch Vorkommen, dann, meine Herren, können wir allerdings verlangen, daß unseren Rabbinen das Judentum über alles geht und daß die Beschäftigung mit dem Judentum für sie in erster Linie kommt!" Darauf spricht Herr Redakteur Klausner: Er weist auf die Haltlosigkeit der beiden neu herangezogenen Belastungs- Momente hin. Das erste, sein Verhalten am Falk-Realgymnasium, erlü>ige sich ohneweiters durch die Tatsache, daß die ganze Angelegenheit vor dem Amtsantritt des Herrn Dr. Cohn lag. Das zweite Moment, die Herzlrede, halte einer ernsten Erwiderung auch nicht stand, da zwei Jahre vorher der Kollege Dr. Cohns Herr Rabbiner Eschelbacher ebenfalls eine Gedenkrede auf Herzl gehalten und zwar ohne gerügt zu werden, und schließlich das dritte Gravamen sei auf Grund folgender Ueberlegung ohneweiters hinfällig: „Dr. Cohns Aeußerungen zu Herrn Direktor Przygode können nur aufgefaßt werden als die zu besserer Verdeutlichung zugespitzte Uebertreibung seiner Anschauungen, die im Gegensatz standen und stehen mußten zu den Anschauungen des Herrn Direktors Przygode. Herr Dr. Cohn soll gesagt haben: jeder deutsche Jude müsse sich erst als Juden, dann als Deutschen fühlen. Herr Syndikus Lilienthal hat dem zutreffend entge^ngehalten, daß es in unseren Gefühlen für Religion und Vaterland eine Rangordnung nicht gebe. Er hätte den Vorbehalt machen können, — er mußte nicht — daß gerade einem Religionslehrer jene Rangordnung die näherliegende sein dürfte. Er hat aber nicht bloß das nicht getan, sondern in seiner Darlegung gleich nach der Zurückweisung einer Rangordnung überhaupt die der Cohn'schen entgegengesetzte Rangordnung als die allein anzuerkennende und zuverlässige bezeichnet. So enthält zum mindesten die Begründung des Urteils über das dritte Gravamen einen Widerspruch in sich, und damit wird das Urteil, vorher schon zweier von drei Stützen beraubt, auch hinsichtlich der dritten Stütze hinfällig. Da es einen Jnstanzenzug nicht gibt, so ist nur ein Appell von den unzureichend informierten Gemeindebehörden an die besser zu informierenden möglich. Hierfür die Grundlage zu bieten, ist der Zweck der heutigen Versammlung." Den Höhepunkt des Abends bildete die von Herrn Doktor Zwirn verlesene öffentliche Erklärung des Repräsentanten Herrn Prof. Adolf Baginsky, des einzigen, der in der Repräsentantenversammlung vom 5. Mai gegen die Rede des Syndikus Lilienthal laut protestierte, leider aber nicht zu Worte kommen konnte, da eine Debatte nicht eröffnet wurde. Die Erklärung lautet folgendermaßen: „Das Gespräch zwischen Herrn Dr. Cohn und dem Direktor des Mommsen-Gymnasiums hat sich so entwickelt, weil der Direktor seinen früheren Schüler durch Darlegung seiner Anschauungen über das Judentum geradezu provoziert hat, weil Herr Dr. Cohn im Vertrauen auf den privaten Charakter des Gespräches und im Eifer der Kontroverse sich zur Ausbreitung seiner intimsten Ansichten hat verleiten lassen. Daß der Herr Direktor das Gespräch niedergeschrieben und weitergegeben hat, ist unbegreiflich; unverantwortlich das Verhalten der jüdischen Oberlehrer, die sich das Protokoll verschafft und die Anzeige erstattet haben. Nach solchen äußeren Vorgängen hätte die Gemeinde das Protokoll niemals zu einer Anklage gegen Dr. Cohn verwenden dürfen. Der Vorstand hätte Herrn Dr. Cohn Vorstellungen machen, hätte ihm sagen können, daß es eine Torheit gewesen sei, sich von einem christlichen Gymnasialdirektor in der Weise ausholen zu lassen, nicht etwa weil er als Jude etwas zu verbergen hätte, sondern weil ihn der Direktor von seinem eigenen Standpunkt aus gar nicht verstehen könne. Aber das wäre das Aeußerste gewesen, was der Vorstand hätte tun dürfen. Die Einleitung jenes Verfahrens war eine Ungerechtigkeit. — Doch zur Sache selbst. Wie hat Herr Doktor Cohn gesprochen? Nach meiner Ueberzeugung hat Herr Dr. Cohn gesprochen, wie ein jüdischer Religionslehrer sprechen muß! Er hat seine Religion und den Religionsunterricht, den er erteilen sollte, in die erste Reihe gerückt und dadurch zu erkennen gegeben, daß es ihm Ernst ist um seine Sache. Dafür kann er von der Gemeinde nicht bestraft werden. Er ist ganz im Recht, wenn er erklärt: „Ich habe die jüdischen Kinder im Religionsunterricht nur als Juden auszubilden; denn die Pflege "des patriotischen Gefühls bedingt die jüdische Religion, es ist so. Wenn wir unsere Kinder religiös erziehen, so erziehen wir sie auch zu Patrioten." Auch über die anderen, Herrn Doktor Cohn zum Vorwurf gemachten Vorgänge, insbesondere die am Falk-Reälgymnafium, bin ich einigermaßen instruiert. So viel ich weiß, hat Herr Dr. Cohn nichts getan, was nicht zu den Ausgaben eines jüdischen Religionslehrers und Predigers gehört.

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