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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-05-24 · 21 (24.5.1907) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
21 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 21 Dl*■ BIOCH’S Jahrgang AllV Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 24. Mai 1907. LrscbeLnt jeden zfreitag. Brief-Adresse: Mlten» IX/1» Lerggasse 39. Telegramm-Adresie: »locö's MtocLenscdritt» Miten. O-e A. k. Poflsparksssen-Amt Sleartng-Verkebr Mr. S10.S76. Nrdsklion und Administration: Wien IX/1. Lerggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847 *-ft »---- Verugsxrris für Vrfirrrrirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für', Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 . Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. » ft Inhalt: Leitartikel: Wahlparolen. — Die Evolutions- und Deszendenztheorie und die jüdische Religionsphilosophie. — Der Wiener Männergesang-Verein und der 23. Psalm. — Interessen der europäischen Staaten im Orient. — Richard Wagner über Heinrich Heine. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Antisemitische Bade-, Kur- und Erholungsorte. Protestvecsammlung der jüdischen Gemeindemitglieder in Berlin. Das deutsche Bureau der «Alliance Jsraslite Universelle". Berlin. Petersburg. Gegen die Sonntagsruhe. Die „Bundisten" für die Sabbathheiligung. Sofia. Aus der territorialistischen Bewegung. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Chewra-Kadischa in Wien I., Seitenstettengasse 4, für arme kranke Glaubensgenossen. Wien. Wien-Währing. „Salome". Der VIII. Zionistische Kongreß. Richard Wagners Antisemitismus. Teplitz-Schönau. Luhatschowitz. Przemysl. Juden als Ackerbauer. Berlin. — Feuilleton „Das Rassenvorurteil." Chajim auf der Jeschibah. — Neue Bücher — Notitz.— Inserate. Wahlparole«. In den gegenwärtigen Wahlen tritt eine Erscheinung zutage, von der vor zehn Jahren der kühnste Traum nicht zu träumen gewagt hätte. Das wüste Toben des Antisemitismus hat das Judentum geweckt, nicht ein Judentum des Gebetbuches und der Bibel, sondern eines des bürgerlichen Lebens, ein Judentum, das seine Rechte fordert, statt sie bloß zu verteidigen. Nun steht es energisch auf den Füßen, mit denen es früher immer davongelaufen ist, wenn man es angegriffen hat, und hat Stimme genug, um wirksamen Protest gegen jede Unbill einzulegen. Als man den Antisemitismus noch für eine im Zorn vorübergehende Erscheinung hielt, versuchte man es, ihm auszuweichen, ihn sozusagen auszuhungern, indem man das Judentum aus der Oeffentlichkeit zurückzog. Der Antisemitismus sollte mangels eines Angriffspunktes in der Luft verpuffen. Es ging aber nicht. Selbst das schwachperzentige, übertünchte, ja sogar das verleugnete Judentum wurde von den Feinden gewittert und dem Rassenhaß zuliebe konnten die jüdischen Massen Galiziens nicht einfach geköpft werden, damit dem „Deutschen Volksblatt" der Stoff zum Schreiben ausginge, die Leopoldstadt bekam trotz allen Bemühungen keinen arischen Anstrich. In ihrer Vorliebe für politischen Mummenschanz gingen nun tue Juden daran, ihre Rechte in verschiedenen Verkleidungen zu verfechten. Spott und Schaden wurden darum nicht geringer, sie verdienten den Vorwurf der Heuchelei, den man ihnen machte, und wurden nur innerlich demoralisiert. Jetzt endlich geht man auf geradem Wege auf sein Ziel los, auf die Anerkennung gleichberechtigten Staatsbürgertums und wird, um ein Beispiel zu gebrauchen, dieselbe ernste Beachtung im Staate finden wie schon die Italiener. Allgemein allerdings ist diese wirkungsvolle Ehrlichkeit nicht. Die Wiener Juden glauben es noch immer einer angeblich vorhandenen liberalen Mitbevölkerung ihrer Bezirke schuldig zu sein, sich deutschfreisinnig nennen zu müssen, auf den Brücken zwischen dem Kai und der Leopoldstadt einen ausgeblaßten, schwarz - rot - goldenen Lappen aufzupflanzen, über den die Spatzen lachen. Wenn man den tiefen Gründen dieser Komödie nachforscht, so wird man finden, daß dafür keine taktischen Gründe maßgebend waren — das kleine Einmaleins beweist jedem Wahlstatistiker, daß die Juden für die Juden gestimmt haben, die Christen für die Christen — sondern nur der Aberglaube, daß man an seiner großstädtischen Vornehmheit Schaden nehmen könne, daß man etwa gar zu den Binkeljuden gezählt werde, wenn man sich mit ruhiger Selbstverständlichkeit als Jude bekenne. Wie lächerlich, seinen Rang durch eine Lüge behaupten zu wollen! Und welch eine Verbohrtheit gegen ein historisches Erkenntnis! Von allen Volkserweckern wollen wir nur Rieger herausheben, gegen den sich zuerst die Vornehmen seines Stammes verhielten wie etwa zur Cholera, weil sie sich fürchteten, mit seinem Anhang verwechselt zu werden, der aus Kleinbauern und Arbeitern bestand. Heute aber sind die besten Geister der Nation die Führer des tschechischen Volkes. Seine persönliche Tüchtigkeit gibt jedem Mann die ihm gebührende Würde, die nur vermehrt wird durch seine natürliche und wahre Anteilnahme am Schicksal des schwer arbeitenden Binkeljuden, gerade wenn man selbst einen tadellos sitzenden Frack trägt. Im Settlement und anderswo buhlen gerade unsere Vornehmen um die Liebe des christlichen Arbeiters, den Arbeiter ihres eigenen Volkes verachten sie — ein trauriger Stolz! Weg mit diesem dummen Plunder, dieser Krankheit des Charakters, weg mit der gefälschten Umschreibung ..deutscher Freisinn" für das Wiener Judentum! Nehmen wir uns ein Beispiel an dem heldenmütigen Wahlkampfe der galizischen Juden! Heldenmütig — es ist nicht zu viel gesagt. Denn der Wähler da droben, der seiner ehrlichen Ueberzeugung gegen die Behörden Ausdruck geben will, wagt seine Existenz und die Existenz seiner Familie daran. Mit verschränkten Armen schaut die Regierung zu, wie die galizischen Wahlen „gemacht" werden, sie fühlt nicht die Blamage vor dem ganzen Reich und vor ganz Europa, daß sie so haarsträubende Gewalttätigkeiten duldet, nachdem sie gerade ein so scharfes Wahlgesetz gemacht hat. Am meisten wird gegen die armen Juden gewütet, von denen man es nicht glauben kann, daß sie eine eigene Meinung haben wollen, daß sie ihre gebührenden Rechte in Anspruch nehmen, statt wie gewöhnlich bereitwillige Sklaven der Schlachzizen zu sein. Auch in ihren Bezirken hat man im Zeichen des erwachenden jüdischen Staatsbürgertums meist nur Juden als Kandidaten aufzustellen gewagt. Doch nur

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