Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 10 (8.3.1907)
- Date
- 1907-03-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 10 Dr■ Bloch’s Jahrgang XXV Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 8. März 1907. LrsiLeLnt jeden Freitag. -- Brief-Adresse: MUen. IX/i, Kerggasse 39. Teleqramm-Adreffe: Llo<D's MocLenscbritt. Mten. Inhalt: Leitartikel: Die zweite russische Duma. — Stimmen zur Kandidatur Dr. Blochs. — Ein Besuch bei Dr. Franz Oppenheimer — Die israelitische Religionslehrer-Euquste in Lemberg. — Galizische Schul-Enguöte der „Israelitischen Allianz". — Prosesso Dr. Moriz Steinschneider. — Korrespondenzen: Vortrag von Dr. H. Oppenheimer in W:en. — Jüdische Territorial-Orga nisation. Der Eintritt in eine Religionsgenossenschaft. Troppau. Berlin. Rumänische Jugend. Skandal im Jassyer Nationaltheater Graziadio Jsaia Ascoli. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden ec. Wien. Hofrat Professor Dr. Zuckerkandl. Georg Jellinek, Prorektor der Heidelberger Universität. Bildungsheim der Jüdischen Toynbeehalle, XV., Herklotzgasse 2l. Toynbeehalle, XX., Othmar gaffe 46. Jüdisches Konzert. Humanitärer Verein der Eisenstädter. Sederabend. Belobte jüdische Lehrkräfte. Zweite allgemeine jüdische Gesellschaftsreise nach Palästina. Boskowitz. Eger. Prag. Straßnitz. Dresden. — Feuilleton: Rouvke Arbel oder Ein Werk der Vorsehung. ' — Literatur. — Briefkasten — Notizen. — Inserate.; i—„-• B«iugaj»reia für Sesterrrirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Fürs Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Dis 4mal gespaltene Petttzeile 24 Heller. *-ft ft-$ R. ft. Postsxarftaffrn-Amt Llearlng-Verstebr Mr. S10.976. Rrdsklion und Administration: w i r n IX/i. Werggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847 »-* Die zweite russische Duma. Mit allen Zeichen kaiserlicher Ungnade ist die zweite Duma Rußlands eröffnet worden. Man entzog der neuen Volksvertretung Rußlands bei ihrem Eintritt ins Dasein allen höfischen Glanz und jede militärische Pracht, kein Minister ließ sich blicken und der Zar tat alles, um die neuen Volksboten wissen zu lassen, wie er über sie denke. Allein die Männer, welche das russische Volk mit seinem Vertrauen ausgezeichnet hat, zeigen, daß sie den Ernst des großen Momentes wohl erfassen, aber mit starkem Mute den ungeheuren Schwierigkeiten begegnen wollen. Dieser Mut offenbarte sich in der Wahl des Präsidenten, wie in der gesamten Haltung der neuen Majorität in der ersten Sitzung. Der Zar verweigerte der neuen Duma seinen Gruß und die Majorität zeigte ihm als Antwort, daß seine Ungnade sie nie erschrecke und nicht einschüchtere. Die gesamte gesittete Welt auf dem weiten Erdenrund begleitet das fernere Geschick der neuen russischen Volksvertretung mit den wärmsten Sympathien. Auch die Juden Rußlands, wie die der ganzen Welt hegen für diese Duma die aufrichtigsten Wünsche. Nur die eine Tatsache erfüllt uns mit aufrichtiger Trauer und tiefem Schmerze, daß die Juden Rußlands, welche über fünf Millionen zählen, in dieser neuen Duma nahezu ganz unvertreten sind. Während in der ersten Duma jüdische Vertreter saßen, von glühendem Patriotismus und hinreißender Beredtsamkeit, welche dem Schmerze über die Leiden ihrer Brüder ergreifenden Ausdruck zu geben wußten, wird man in der neuen Duma alle diese Männer vermissen. Die jüdischen Vertreter sind bis auf wenige ausgemerzt, die Besten, die Tüchtigsten sind nicht wiedergewählt. Wie das kam, darüber klärt nachstehender Bericht aus Petersburg in der Berliner „Jüdischen Presse" auf: Petersburg, 24. Februar. Was ich vor Monaten in meinem Artikel „Drohende Zeichen" an dieser Stelle vorausgesagt habe, ist leider in vollem Umfange zur Wahrheit geworden: Die Spaltung in einen Rattenkönig von Parteien und Fraktionen, vor Allem die törichte Taktik der radikalen jüdischen Parteien in dem nun seinen Abschluß entgegengehenden Wahlkampf für die Reichsduma haben die Wirkung gehabt, daß anstatt der dem Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung entsprechenden fünfundzwanzig nur drei Juden, Rechtsanwalt Abrahmsohn in Kowna, Ingenieur Rabbinowitz in Jekaterinoslaw und Kaufmann Spiro in Windau (Kurlands gewählt wurden und daß gerade diejenigen Glaubensgenossen in der Minorität blieben, die imstande gewesen wären, unsere Interessen würdig zu vertreten und dem jüdischen Namen Ehre zu machen. Durch die Treibereien des „Bundes" ist in Wilna der gefeierte Kriminalist Oskar Grusenberg, der glänzendste forensische Redner Rußlands, von einem polnischen Nationalisten, in Grodno der rühmlichst bekannte Jurist Ostrogorski, der genaueste Kenner des Parlamentswesens, der in der ersten Reichsduma eine hervorragende Rolle gespielt hat, von einem reaktionären Russen besiegt worden, und — unglaublich, aber wahr! — durch das glorreiche Gebühren der „politischen" Zionisten ist der hochverdiente Vorkämpfer der jüdischen Interessen Rechtsanwalt H. Sliosberg seinem christlichen Gegenkandidaten unterlegen. Selbstverständlich sind wir bei dieser Sachlage in der Reichsduma in jeder Beziehung unzureichend vertreten; sie wird keinen Juden aufweisen, der mit dem erforderlichen Ernst und Nachdruck für uns das Wort führen könnte. Indessen, das ist noch nicht das Schlimmste. Weit schlimmer ist es, daß wir ein selbstbereitetes Schicksal, die Versündigungen während des Wahlkampf-s büßen. Anstatt von realen Interessen, von einer wohlüberlegten Opportunitätspolitik ließen wir uns von allgemeinen Prinzipien und zwar, da leider unsere radikale Jugend unsere unerbetenen Anwälte find, von den radikalsten Prinzipien leiten. Der gegenwärtige Wahlkampf hat mit erschreckender Klarheit offenbart, wie schlimm wir daran find, daß wir uns von einer heißblütigen, toüköpfigen Jugend leiten lassen, welche alles andere, bloß keine jüdische Politik anerkennen und aufkommen lassen will. Diese doktrinären Heißsporne und Prinzipienreiter können und wollen nicht begreifen, daß unsere Lage von der der Russen grundverschieden ist und daß, solange unsere Jntereffen sich mit denen der letzteren nicht decken, wir auf eine besondere, jüdische Politik angewiesen find, weil, wie der Sieg der Radikalen in Rumänien dargetan hat, der Sieg selbst der radikalsten Prinzipien noch lange nicht die Gleichstellung der Juden und die Lösung der Judenfrage bewirkt, daß es daher dort, wo es noch eine Judenfrage gibt, notwendig auch eine jüdische Politik geben muß, und daß somit dort der Verzicht auf diese Politik