Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021720--16183-3040989- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette i42 Dr. Blocb’s Wocbenscbrltt. Nr. 9 Freunde sowohl au§ seinem Berufskreife, wie aus der Mitte der „ Union" Folge zu geben und sich um die hohe Ehre eines Mandates für das Kaiviertel zu bewerben. Ob er der richtige Mann dazu sei, darüber haben die Wähler zu urteilen. Er könne nur sagen, daß er den beiden Postulaten, welche der Referent für die Eignung eines Kandidaten in diesem Wahlkreise aufgestellt habe, in vollem Maße zu entsprechen glaube. Das erste dieser Postulate laute, daß der Kandidat ein guter Judesein müffe. Redner erachtet es für unnötig, in diesem Kreise, in einer Versammlung der „Union", von seinem jüdischen Empfinden, von seiner Wirksamkeit für die jüdischen Interessen zu sprechen. Er dürfe als allbekannt voraussetzen, daß er für die Ehre und für die Rechte der österreichischen Juden als Präsident und Vorstandsmitglied der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" jederzeit mit aller Entschiedenheit eingetreten sei und auch heute noch eiutrete. (Beifall.) — Das zweite Postulat gehe dahin, daß für diesen kaufmännischen Wahlbezirk ein Kaufmann aufgestellt werden müsse. Er dürfe wohl sagen, daß er auch nach dieser Richtung zeit seines Lebens für das Ansehen, für die Wertschätzung des Kaufmannstandes, mit aller Kraft gearbeitet habe und daß auch diese Tätigkeit dem größten Teile der heutigen Versammlung nicht unbekannt sei. (Lebhafte Zustimmung.) Es sei nicht seine Art, große Versprechungen zu machen, aber daß er, mit Leib und Seele Kaufmann sei und, stolz auf diesen angesehenen Beruf, auch für die Interessen der Kaufmannschaft mit aller Kraft wirksam sein wolle, wenn ihm die Ehre der Wahl zuteil werde, das werde man ihm wohl ohneweiters glauben. Es sei heute noch nicht an der Zeit, in Detailfragen einzugehen und besondere, den Kaufmannstand berührende Angelegenheiten.im Detail zu besprechen. Er wolle heute nur seinen Mitbürgern im Allgemeinen die Versicherung geben, daß er sich mit Ernst und Eifer allen dcch Wohl und Gedeihen des Kaufmannstandes betreffenden Fragen im Parlamente widmen würde. Allein er müffe, den Referenten ergänzend, noch ein drittes Postulat aufftellen. Man müsse verlangen, daß die Vertreter der Wiener jüdischen Wählerschaft im Reichsrate tadellosen Charakters und durchaus integer seien. (Lebhafter Beifall.) Auch nicht der Schatten des Borwurfs irgend eines unreellen Vorgehens dürfe sich an ihre Fersen heften. Rein und frei, hell und blank müsse ihr Schild sein, denn ihre Ehre sei die Ehre der Judenschaft. (Stürmische Zustimmung.) In diesem Sinne möge die Wählerschaft entscheiden und er stelle seine Kräfte gerne dem öffentlichen Wähle zur Verfügung, wenn fich das Vertrauen der Wähler ihm zuwenden sollte. (Allseitiger, anhaltender Beifall.) Als zweiter Kandidat des Kaiviertels stellt sich Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Oskar Hein, freundlich begrüßt von seinen vielen Parteigenossen, vor und betont, daß ein jüdischer Abgeordneter in erster Linie für die Ehre des Judentums eiutreten müsse. Er brauche nur auf feine Bergangeuheit hiuzuweisen und man werde ersehen, daß er dies stets getan. In seiner mit vielem Beifalle aufgeuommenen Rede kommt der Redner auf seine Kämpfe gegen Schönerer und Türk, gegen die antisemitische Majorität im Gemeinderate, auf seine Tätigkeit in der Bezirksvertretuug des L Bezirkes zu sprechen. Wo er auch bisher wirkte, habe er es stets als seine Pflicht betrachtet, in erster Reihe für die Jutereffeu seiner Glaubensgenossen einzutreten. Er wendet sich entschieden gegen seinen Vorredner, der die Notwendigkeit eines Vertreters aus dem Kaufmannstande allzu sehr hervorgehoben habe. Das Ausspieleu der Stände gegen einander ist nicht jüdisch. Er appelliert an die Wähler des Kaiviertels, ohne Nebenumstände den auszuwählen, den sie für geeignet hält. Es muß ein tadelloser Charakter und ein Mann der ernsten Arbeit sein. In der einen Hand die Kelle in der anderen das Schwert. Mit dem Einen mitzuhelfeu an dem Aufbau des modernen Staates, mit dem Anderen perfide Angriffe zurückzuweisen. (Auhaltender Beifall.) Nun stellt sich der bekannte Wiener Verteidiger Doktor Biktor Rosenfeld als Kandidat des Kaiviertels vor: „In der einen Hand die Kelle, in der anderen das Schwert," sagte mein geehrter Herr Vorredner, ich aber sage, nur in der rechten Hand das Schwert und mit diesem Schwerte will ich einziehen in das Parlament, wenn Sie mir Ihre Stimmen geben. Mit dieser Waffe will ich kämpfen für das Judentum, will ich fallen für das Judentum. Ich habe vielleicht weniger Verdienste wie mein Kollege Dr. Oskar- Hein. Ich habe noch keinen Kampf gegen Schönerer und Türk geführt, aber ich habe einen großen Vorteil: ich habe keine politische Vergangenheit. Ich bin ein Mann, der erst Rufer werden soll im Streite. Und muß der Vertreter des Kaiviertels ein Kaufmann sein? Es wäre schlecht, die Taktik unserer Gegner zu propagieren. Ich glaube nicht. Gerade kraft meines Standes wäre ich berufen, Ihr Vertreter zu sein. Denn jedes kaufmännische Interesse wird durch Juristen vertreten. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen kommt Redner auf seine bisherige Wirksamkeit zu sprechen, die fich zwar nicht auf dem Gebiet der Politik betätigte, wo es aber hieß, für Bedrückte einzutreten und gegen Unterdrücker aufzutrelen, da war er stets zu finden. Auch der Aermste hat ihn nicht umsonst angerufen. Er sei vom Fleische des Judentums und vom Blute des Judentums, er liebe die Juden und habe den höchsten Respekt vor den Zionisten, denen das Judentum ein Heiligtum sei. (Ein Zwischenruf: „Ihr Sohn hat sich aber taufen lassen!") Ich bitte meine Verehrten sind wir denn hier bei Kultuswahlen? Das ist Altweibergewäsch! (Große Unruhe.) Täuschen wir uns nicht. Wir haben die Wahl noch nicht in der Tasche. Das sage ich als dritter Kandidat. Ich gebe zu, es ist ein Mut, mich zu wählen, aber ich gebe Ihnen mein heiliges Versprechen, zurückzutreten, wenn Sie einen Besseren finden. (Stürmischer Beifall.) Als letzter Kandidat hält Dr. Heinrich Schreiber eine kurze Programmrede. In einer geschickten, vom Beifall begleiteten Ansprache sagt Redner, er könne allerdings mit seinem forensischen Vorredner nicht konkurrieren, doch glaube er, was energisches Eintreten für alle jüdischen Interessen betrifft, für seine Kandidatur eine hinreichende Legitimation zu besitzen. Er wolle auch heute nicht sein wirtschaftliches Programm entwickeln, denn dazu werde sich noch passendere Gelegenheit finden. Hier will Redner bloß erinnern, daß er allen Betätigungen des jüdischen Lebens die regste Aufmerksamkeit und Anteilnahme gewidmet habe, mit der Not seiner Brüder stets mitgefühlt und daß er auf jedem Posten, auf welchem er durch das Vertrauen seiner Mitbürger stehen wird, ein Streiter und Kämpfer sein werde für die Sache des Judentums. (Lebhafter Beifall.) Somit sind die Kandidaturen des I. Bezirkes erledigt, und gelangen die Kandidaten der Leopoldstadt zum Worte. Der Präsident erteilt das Wort dem Kandidaten für den ersten Wahlkreis der Leopoldstadt, Dr. Josef S- Bloch. Derselbe erinnert an seine wissenschaftliche, publizistische und pckrlamentarische Tätigkeit, bespricht die Voraussetzungen und Bedingungen einer wirksamen Vertretung jüdischer Interessen im Parlament und ruft das Andenken des großen Patrioten Adolf Fischhof an, welcher die politische Wirksamkeit Dr. Blochs hoch einschätzte und mit ungeteilter Sympathie stets begleitete. Dr. Bloch verliest nachstehende an ihn gerichtete Briefe Ad. Fischhofs: „Für den Genuß, den die Lektüre Ihres trefflichen Vortrages mir bereitete, empfangen Sie meinen verbindlichsten Dank. Die Wertschätzung der Arbeit und die soziale Stellung der Arbeiter bei den Griechen, Römern und Palästinensern besprechend, eröffneten Sie einen neuen überraschenden Ausblick auf die hohe ethische Bedeutung des Mosaismus und seiner Bekenner. Die Arbeiter, die schon jetzt den Lockungen des Antisemitismus tapfer widerstehen, werden infolge Ihrer Aufklärungen sich mit Ab-