Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang XXIV Dr. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. Wim, 4. Jiimer 1907. LrsiLetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Mien. IX/i, Kerggasse 39. Telegramm-Adreffe: SSlocb’s MlocLenscbritt, THfllen. Inhalt: Leitartikel: Das neue Jahr. — Vormarsch der Lime unter dem Schutze der Immunität. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. XXXIII. Generalversammlung des Tempelvereines Mariahilf-Neubau. Zur Frage des Armenwesens. Eine interessante Erinnerung. Kaiserlicher Rat Salomon Buber. Agram. London. Chicago. Jüdische Auswanderung nach Texas. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Vortrags-Zyklus aus jüdischer Geschichte. Wien. Hebräisch-literarischer Abend. Morris Rosenfeld. Jüdischer Schulverein für den IX. Bezirk. Förderung jüdischer Bildung im Wiener Westen. Talmud- Thora-Verein in Floridsdorf. Brünn. Klattau. Der Verein „8oIi6arno8L B. B.“ in Krakau. Pisek. Eine jüdische Kunstausstellung in Czernowitz. Jüdischer Weihnachtsbaum. Hamburg. Mm. Jassy. — Feuilleton: Geschichte eines Vereines. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. »-« A. ft. Postsparftassen-Amt Clearing-Werftebr Nr. 810.976. Nrdaklion und Administration: Wien IX/l. ÄSerggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847. ®-N W-----« ng0pvgi0 für Orfirrrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 * Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzeile 24 Heller. W-* Das mm Jahr. Zwölf Monate sind wieder vergangen auf dem Wege, den die Menschen von den Händen der Hebamme in die Hände der Totengräber zurücklegen. Die arbeitssamen Eintagsfliegen der Ewigkeit wußten sich in diesem Jahre ein Fest zu bereiten in dem Raume zwischendem rätselhaften Eingangstor und dem geheimnisvollen Ausgang des Lebens, durch den sie mm eisernen Rechen des Schicksals gezogen werden, um in Massen eingescharrt zu werden auf dem guten Orte, in dessen banger Stille Salomos Wort zu schweben scheint: „Alles ist eitel!" Die Menschen haben wieder ihre Wohnstätte mit neuen Schönheiten und praktischen Errungenschaften ausgestattet, die Morgenröte des neuen Jahres wurde von ihnen auf einer höheren Stufe der Kultur begrüßt als der erste Tag des alten. Nur wir Juden haben wenig Grund zu Freude und Gruß. Uns schreitet das Datum nur im Kalender vor, in Wirklichkeit erscheint uns gar kein neues Jahr, keine neue Zeit, wir müssen erst bitter oarum kämpfen. 1907 ist gekommen und der Fortschritt lief ihm als flinker junger Führer in die Welt voraus; vor dem Tor der Judenstadt blieb der Fortschritt zurück und für uns ist nur der neue Abschnitt alter Zeiten eingetreten. Die Jahre verrauschen in Arbeit und Kampf, aber keines bringt das Ende der scharfen Belagerung, der wir ausgesetzt sind. Die letzten Glieder einer stolzen Kette von Ahnen, haben wir, wie unsere Väter, die heiligsten Güter, haben wir Menschenrechte und Ehre, Volksbewußtsein und Religion vor wütenden Feinden zu verteidigen. Wir können geschlagen werden, weil wir wenige sind, aber nicht besiegt, weil wir keinen Willen zur Ergebung haben. Aber stets bleiben wir unverzagt, hallen wir uns aufrecht vor dem Antlitz der Geschichte, deren schönste Heldensöhne unsere Väter waren, und stehen auf unserem Posten, mögen noch so viel neue Feinde von neuen Seiten kommen. Daß sie kommen werden, ist die wahrscheinlichste Prophezeiung für 1907, das keine Unterbrechung bedeuten wird, viel eher eine Verschärfung der brennenden Schwierigkeiten, welche die Lage der Juden so drohend gestalten. Sehen wir ganz ab von den hundert schwarzen Möglichkeiten in Rußland, die nur im Gehirn eines Kujons von Regimentsobersten zu erwachen brauchen, vergessen wir selbst den rumänischen Bojarenkoller, so bleibt doch noch so viel übrig von geplanten Verbrechen gegen unsere wichtigsten Interessen und von schweren Mißhelligkeiten, daß wir alle Hände und Köpfe voll zu tun haben werden, um uns ihrer zu erwehren. Ein Rückblick wird unseren Ausblick klarer machen. Bis jetzt hat sich eine gesetzwidrige Agitation von Privatpersonen gegen unseren Erwerb gerichtet, von Privatpersonen, denen man zur Not mit Paragraphen auf die Finger klopfen konnte. Wie aber, wenn ihre Glücksgöttin bei den kommenden Neuwahlen den Antisemiten so viel Kraft verschafft, daß sie sich der Gesetze gegen die Juden bemächtigen können? Auf viel Barmherzigkeit haben wir nicht zu rechnen, wenn Schneider Diktator im Gewerbeausschuß des Parlamentes bleibt, wenn Pattai als Justizminister in der Kanzlei Luegers Gesetzentwürfe fertigstellen läßt und wenn die Preßfreiheit den antisemitischen Blättern den frechen Mund noch weiter öffnet. Heute schon liegen die Zustände so, daß die Juden — Schutzjuden des zwanzigsten Jahrhunderts — oft bei den Ministern um Hilfe bitten müssen gegen die Beschlüsse des Reichsrates. Sie werden kaum noch etwas auf diesem Wege durchsetzen, wenn die christlich-soziale Partei ihren Willen nicht nur im Parlamente durchzusetzen vermag, sondern auch in allen Aemtern der Monarchie. Dann werden die paar offenen Berufe der Juden, von Konkurrenten überfüllt, chronische Notstandsgebiete sein. Wodurch aber die Sache vom Schlimmen zum Schlimmsten wird, das ist die außerordentliche Vermehrung der jüdischen Bevölkerung durch den Auswandererstrom, der an seinen überseeischen Endzielen immer mehr eingedämmt wird und sich deshalb naturgemäß in unseren Gegenden immer höher staut. Jeder Zuwachs aus dem jüdischen Osten hat zwei Reibungsflächen; eine mit der christlichen Bevölkerung und deren antisemitisch egoistischen Gelüsten, die andere mit der jüdischen, nach derem kargen Brot ein neuer Hungriger greift. Das alles wird umso fühlbarer» je mehr der antisemitische Druck die jüdischen Kräfte schwächt. Diese düsteren Wahrscheinlichkeiten brauchen nicht alle zu dunkeln Wahrheiten zu werden, auch wenn überall, vom sinstersten Golns des Ostens bis zum unsichtbaren Ghetto des Westens, Elemente an die Oberfläche kommen, welche