Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 746 Dr. JBlocD s UltocbeuscbuU. Nr. 44 Im Gedächtnisse aller werden noch lebhaft die in der ersten russischen Reichsduma vom Fürsten Urussvm gemachten Enthüllungen sein, betreffend die während des Ministeriums Witte-Durnowo stattgehabte Tätigkeit der Geheimdruckerei des Polizeidepartements, die ganz Rußland mit Aufrufen überflutete, die zur Ausrottung der Revolutionäre und der Juden aufforderten. Man hat nicht vergessen, das; der Stifter und Leiter dieses Werkes der im Ministerium des Innern für besondere Aufträge angestellte Beamte Ratschkowsky war und daß die unmittelbare Verwaltung dieser Druckerei von der Obrigkeit dem Gendarmerieoffizier Komissarow anvertraut wurde. Es ist wohl auch unvergessen, daß die Ermordung der Juden in Bialystok dank dem Eingreifen des dortigen Polizeichefs Scheremetjeff stattgefunden hat. Obgleich Hcrr Stolypin sich bemühte, ihre Tätigkeit zu rechtfertigen, so verstand er doch, daß ihre Namen das Ressort, an dessen Spitze er sich befindet, beschmutzen, uud diese Namen verschwanden auf einige Zeit vom politischen Horizont. Gerüchte wurden laut, daß Komissarow aus dem Dienste entlassen sei, daß Ratschkowsky nach dem Auslande auf elf Monate beurlaubt (auf längere Zeit darf kein Beamter, den russischen Gesetzen gemäß, beurlaubt werden) und daß er seine Arbeit nicht wieder aufnehmen werde, und Scheremetjeff verschwand einfach. Das geschah vor drei Monaten, als Herr Stolypin, wie es scheint, noch an die Möglichkeit glaubte, in seinem Programm Reaktion und Fortschritt zu vereinigen. Ganz anders jetzt! Wie wir aus ganz zuverlässiger Quelle erfahren haben, hat Scheremetjeff ein Amt an der Petersburger Polizei erhalten. Komissarow ist zum Vizedirektor der Petersburger politischen Geheimpolizei ernannt worden, einer Institution, die mit den politischen Untersuchungen beauftragt ist und sicherlich in unmittelbarer Verbindung mit dem „Verbände des russischen Volkes" steht, und Ratschkowsky kommt auf Befehl des Herrn Stolypin in diesen Tagen nach Petersburg, um wieder die geheime reaktionäre Agitation im Aufträge der Regierung aufzunehmen. Noch mehr: vor einigen Tagen hat der Kaiser nach dem Vortrage des Herrn Stolypin dem „Verbände des russischen Volkes" 25.000 Rubel bewilligt. Die russische Regierung beschreitet also den Weg der Ermunterung zu Massakres. Die drei Personen, die nach den Juni-Enthüllungen für jeden Gouvernements- und jeden Polizeibeamten als die Anstifter der Abschlachtungen erschienen, sind wieder in ihre Stellungen eingesetzt! Und eine Organisation, die dieselbe Idee unaufhörlich in allen Aufrufen predigt, erhält im Namen des Kaisers eine Geldunterstützung! Jeder strebsame Beamte weiß also den Weg für sein Fortkommen zu finden; er arrangiert Abschlachtungen. Oskar Straus, Staatssekretär der Vereinigten Staaten. London. „Aus New-Iork hierhergelangte Depesche meldet die bevorstehende Ernennung Oskar Straus' zum Staatssekretär in Handelsangelegenheiten." Eine jüdische Eneyklopädie Petersburg, 20. Oktober. Die z. Zt. von Redakteur Herrn N. Sokolow und Anderen geplante Herausgabe einer neuen jüdischen Eneyklopädie soll demnächst Wirklichkeit werden; leider aber wird dieselbe nicht in hebräischer, sondern in russischer Sprache erscheinen. Der plötzlich als nächste Folge der großen Judennot in Rußland eingetretene rapide Rückgang der hebräischen Literatur macht die Edition eines großen Werkes in der heiligen Sprache gegenwärtig in der Tat undurchführbar. Sind doch während der letzten drei Jahre die vier in Rußland bisher erschienenen hebräischen Tageszeitungen allesamt nach und nach eingcgangen, um ebenso vielen Jargonblättern Platz zu machen! Die Eneyklopädie wird sechzehn Bände von je 30 Druckbogen umfassen, in vierteljährlichen Lieferungen erscheinen und im Ganzen sechzig Rubel kosten. Das Redaktionskomitee weist klangvolle Namen, wie Hessen, Baron David Günzburg, Dubnow, Katzenellensohn, Kulischer, Pereferkowitsch rc., auf. Den Verlag übernimmt H. Efron. Noch ist aber die Aufbringung eines Garantiefonds von 90.000 Rubel erforderlich, der, falls er nicht gebraucht werden sollte, ebenso wie ein etwaiger Reingewinn zur Herausgabe anderer großer jüdisch-literarischer Werke verwendet werden soll. Von dem genannten Betrage hofft man zwei Drittel in Rußland selbst, den Rest im Auslande zu beschaffen. Die Verwirklichung des großen Planes wäre um so lebhafter zu wünschen, da die soeben abgeschlossene jüdische Eneyklopädie in englischer Sprache große, sehr bedauerliche Mängel und Lücken aufweist. Jedenfalls ist die Tatsache selbst, daß von russischen Inden ein so groß angelegtes Werk in Angriff genommen wird, freudig zu begrüßen. Es offenbart sich darin die Unverwüstlichkeit unseres Stammes und zumal die zähe Lebenskraft unserer russischen Stammesbrüder, wenn sie selbst in Schreckenszeiten, wie die gegenwärtigen, das Vertrauen und den Mut haben, solchen literarischen Riesenplänen sich zu widmen. Viktoria, 29. September. Der General-Staatsanwalt Jsaac »Alfred Jsaacs ist zum Präsidenten des höchsten Gerichtshofes des australischen Staatenbundes ernannt worden. Geboren am 6. August 1d55, war er erst Lehrer, dann Gerichtsschreiber, seit Beendigung seiner juristischen Studien an der Universität zu Melbourne Rechtsanwalt. Im Jahre 1892 begann er sodann seine politische Laufbahn als Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft des Staates Viktoria, um zwei Jahre später unter dem Ministerium des Sir George Turner General-Staatsanwalt dieser Kolonie zu werden. Im Jahre 1901 wurde er Mitglied des neuen Bundesparlaments, und seit 1903 ist er General-Staatsanwalt. Uebrigens ist Mr. Jsaacs nicht der einzige jüdische Würdenträger in Australien. Schon viel früher war Mr. H. E. Cohn Mitglied des höchsten Gerichtshofes von Neu-Südwales und Sir Julian Salomons sogar Justizminister dieser Kolonie, Sir John Vogel Premierminister von Viktoria, V. L. Salomon Premierminister von Südwales und Sir Saul Samuel Generalvertreter von Viktoria in London. vermischtes. Wien. Donnerstag den 1. November d. I., 5 Uhr nachmittags, findet im Tempel XV., Turnergaffe 22, eine Gedächtnisfeier für den dahingeschiedenen Herrn Kommerzialrat Gottlieb T a u s s i g, Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde, statt, veranstaltet vom Bethausvorstand der israelitischen Kultusgemeinde Xis.—XV. Wien. Der Frauen wohltätigkeits-Verein im VIII. Bezirke der Stadt Wien beehrt sich anzuzeigen, daß am Dienstag den 6. November im k. k. Volksgartenetabtissemeut unter dem Protektorate Ihrer Exzellenz der Frau Gräfin Anastasia Kielmansegg-Lebedoff ein großer Teeabend stattfindet, dessen Reinerträgnis dem Fond zur Bekleidung armer Schulkinder in allen Bezirken Wiens zufließt. Musikkappelle des k. u. k. Infanterieregimentes Nr. 60 Freiherr von Appel, Kapellmeister Karl Wetaschek. Hervorragende Kunstkräfte haben ihre Mitwirkung in liebenswürdiger Weise zugesagt. Entree 1 Krone. Beginn 4 Uhr. Wien (Trauung.) Sonntag den 4. November l. I. findet die Trauung des Fräulein Irma T a u s s i g. Tochter des Herrn Dr. Bela T a u s s i g, mit Herrn Otto K a tz statt. Wien. Im Saale Ehrbar findet am 7. November ein Konzert des in Südrußland sehr bekannten Klaviervirtuosen Professors Konstantin Mendelowitsch statt. Professor Mendelowitsch wurde im Jahre 1868 in Odessa geboren und entstammt einer bekannten jüdischen Kanfmannsfamilie. Nach Absolvierung des Odessaer Gymnasiums trat er im Jahre 1885 ins Moskauer Konservatorium ein und war ein Schüler Professor Pabsts und P. Tschajkovskis. Als Konservatorist bekam er vom Großfürsten Konstantin Nikolajewitsch Stipendien. Nach Beendigung seiner ersten Konzertreise vollendete Mendelowitsch in Petersburg bei Anton Rubinstein seine Lehrjahre. Die letzten Jahre verbrachte er in Odessa als Professor an der kaiserlichen Musikschule. Allen Musikfreunden steht ein genußreicher Abend bevor. Jüdische Toynbee-Halle, XX., Othmargasse 46. (Eintritt frei für jeden Erwachsenen. Beginn der Vorträge: An Wochentagen um halb 8 Uhr abends, Samstag, Sonn- und Feiertage 7 Uhr abends.) Wochein'roqramm: Sonntag den 4. November: (Eröffnungsabend) Herr Rabbiner Dr. D. Feuchtwang: „Rabbi Mel' von Rothenburg". Montag den b. November: Professor Dr. Wilhelm Jerusalem: „Die Erziehung der Taubblinden". Dienstag den 6. November: .Elternabend, eingeleitet von Frl. Malvine Friedmann. Mittwoch den 7. November: Univ. Prof. Dr. Josef Pollak: „lieber Darwinismus". Donnerstag den 8. November: Dr. I. Samuel y „Mendelssohns Einfluß auf die Inden-Emanzipation". Freitag den 9. November: Rel.-Lehrer H. Löw-Vogel: Bibelvortrag. Samstag den 10. November: Kouzert. Sonntag den 11. November: Literarischer Abend. — Anmeldungen von Vorträgen wolle man an den Obmann des Vereines Herrn Dr. I. Samuely, Wien, I, Fischerstiege 6, adressieren.