Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 690 Dr. Mocb s “CClocbens örttt, Nr. 41 Man kann sich vorstellcn, wie vieles noch in diesem so oft bereisten Lande ausfindig zu machen sein muß, wenn eine Pflanze von der Bedeutung des wilden Emmers so lange un-- beachtet bleiben konnte. Von einer verwilderten Form kann jetzt keine Rede mehr sein, nachdem die Grasart an so vielen und räumlich weitgetrennten Orten, dann auch in verschiedentlich abweichenden Spielarten angetroffen worden ist. Die ältesten historisch nachweisbaren Gebiete des Weizenbaues sind die Länder am Euphrat und am Nil; der in einer dazwischenliegenden Gegend erbrachte Nachweis der Urheimat dieses vornehmsten Symbols der menschlichen Kultur muß daher für die Geschichte der letzteren von großer Bedeutung sein. Allerdings darf nicht außer acht gelassen werden, daß die weiter westlich gelegenen Gegenden Vorderasiens botanisch noch sehr unvollständig erforscht sind und daß es nicht unwahrscheinlich erscheint, daß die Grasart, die Kotschy und Aaronsohn in Palästina und am Antilibanon entdeckten, noch eine weite Verbreitung in dieser Richtung besitzt. Zunächst aber mögen zur Orientierung des Lesers einige Bemerkungen gestattet sein, um flüchtig die verschiedenen Verwandtschaftsgrade anzudeuten, die sich aus dem gegenseitigen Verhalten der durch den Anbau entstandenen Raffen des Kulturweizens sowie aus seinem Verhältnis zu den ihm nahestehenden wilden Triticumarten ergeben. Bei den durch die Kultur zum Vorteil des Menschen veredelten Grasarten wird das durch die Jahrhunderte fortgesetzte Bestreben der Anbauer und Züchter klar, denjenigen Formen als Dauerformen den Vorzug zu geben, deren A ehren auch bei der Reise im ganzen ein festes Gefüge bewahren, im einzelnen aber die Körner leicht ausfallen lasten, mit andern Worten, das Bestreben, Aehren zu erzielen, mit fester unzerbrechlicher Spindel und mit daran sitzenden Aehrchen, deren Spelzen die Körner nicht allzufest umschließen. Bei den kultivierten Raffen von Reis und Gerste, auch beim Hafer ist das letztgenannte Kulturziel noch nicht vollkommen erreicht, aber beim Weizen tritt das Zuchtprinzip nach beiden Richtungen hin ganz klar und offenkundig in die Erscheinung. Man kann daher diejenigen Kulturformen, bezw. Kulturunterarten, deren Spindel leicht in ihre einzelnen Glieder zerfällt und deren Aehrchen mit den an ihnen haftenden einzelnen Spindelgliedern (zusammen „Veesen" genannt'» das Fruchtkorn so fest umklammert halten, daß es nicht durch gewöhnliches Dreschen, sondern durcki ein eigenes Verfahren (..Gerben") erst nach Zerdrückung der Veesen sreigelegt werden kann, als die primitiveren, als Reliktformen aus dem Altertum betrachten. In diese Kategorie fallen der Emmer (Ir. äieoeeum), der Spelz, auch Dinkel genannt (Tr. Spelta) und das Einkorn (Ir. rnonoeoeeurn). In der Tat können, was Emmer und Einkorn anbelangt, chronologisch beglaubigte Funde an gerufen werden, die einen in die ältesten Zeiten hinaufreichenden Anbau verbürgen. Vom Spelz, der ein nicht ganz so altes Kulturprodukt wie der Emmer zu sein scheint, hat sich bis jetzt noch nirgends eine wilde Stammart Nachweisen lassen; die nahe Verwandtschaft mit dem gewöhnlichen Kulturweizen ist aber wesentlich durch Kreuzungsversuche erwiesen worden, die ebenso wie beim Emmer ein fruchtbares Korn erzielten, was beim Einkorn in seinem Verhalten zum Kulturweizen nicht der Fall war. Im alten Egypten ist der Emmer, wie man bei der Häufigkeit und zum Teil Massenhaftigkeit seines Vorhandenseins in den Gräbern und unter den Totenbeigaben zu urteilen berechtigt ist, vorzugsweise angebaut worden. Desgleichen fanden sich Emmerähren und -körner in den ältesten Pfahlbauten der Schweiz (Robenhausen und Wangen). Heute finden wir den Anbau von Emmer und den von Spelz in stetiger Abnahme begriffen und gerade unter manchen Völkern, die selbst als Relikte des grauen Altertums zu 'betrachten sind. Außer in Schwaben und der Nordschweiz, sowie in Serbien wird heute noch Emmer angebaut in den baskischen Provinzen und, wie bereits erwähnt, bei den Bachtyaren Persiens. Der festspindelige Weizen, unser gewöhnlicher Kulturweizen, muß sich übrigens schon in sehr alter Zeit von der Urform differenziert haben, denn wir finden ihn. immer in Begleitung des Emmers im alten Egypten, sogar in den ältesten Gräbern, die bekannt wurden, und ebenso in gleicher Gemeinschaft mit der primitiven Form in Pfahlbauten der Schweiz (Wangen), die dem jüngsten Neolithicom angehören, hart vor dem Beginn der Bronzezeit. Im heutigen Egypten ist die Emmerkultur verschwunden, an ihre Stelle ist die des Hart¬ oder Glasweizens (Tr. durum) getreten, in derselben vor den übrigen Rassen prädominierenden Weise wie ehemals der Emmer. Der Hartweizen der im gesamten Mittelmeergebiet und vorherrschend in Nordafrika angebaut wird, ist in Egypten durch eine große Formenreihe vertreten. Ich sammelte dort deren zwanzig verschiedene. — Gewisse Sorten lassen sich aber vom Emmer nur durch die schwächeren Grannen, die Zähigkeit der Spindel und durch die losen Körner unterscheiden. Nach Körnickes eigenem Geständnis sollen zwischen den hauptsächlichen Rassen des Kulturweizens (als vulgare, compactum, turgidum und durum unterschieden nach Ascherson und Graebeners Snopsis) überhaupt keine Grenzen bestehen, namentlich könne man eine gewisse Anzahl von Formen ebenso gut zu Tr. durum als zu turgidum stellen. Die Differenzialdiagnose läßt sich nur aufrecht erhalten, wenn man die Merkmale nach Art einer Diagonale aufstellt. Vielleicht ist der jetzt so weitverbreitete und durch die auf ihn begründete Maccaroni-Jndustrie wirtschaftlich wichtige Hartweizen ein Ergebnis der im frühesten Altertum bestätigten Selektionsbestrebungen. Das Einkorn (Tr. monococcum) dagegen ist in Egypten bisher nicht nachgewiesen worden, weder im alten noch im neuen. Als Kulturpflanze trägt es einen weit primitiveren Charakter zur Schau als. der Emmer — und es ist von diesem sowohl wie vom gewöhnlichen Kulturweizen, aber auch vom Spelz artlich verschieden, indem es bei Kreuzungen mit diesem entweder ganz sehlschlägt oder nur unfruchtbare Bastarde hervorbringt. Der gering entwickelte Formenkreis des angebauten Einkorns scheint auf eine nicht sehr alte Kultur hinzuweisen, aber sein Vorhandensein im alten Troja ist erwiesen. Heute erscheint die Verbreitungszone des Kultur-Einkorns ausgedehnter als. die von Emmer und Spelz. Sie erstreckt sich von Spanien durch das südliche Mitteleuropa bis nach Dalmatien und die Herzegowina. Die wilde Stammart steht den wenigen Formen, die Gegenstand des Ackerbaues sind, so nahe, daß über die Abteilung der letzteren ein Zweifel nicht obwalten konnte. Der Verbreitungsbezirk des wilden Einkorns ist sehr groß und umfaßt die ganze Balkanhalbinsel einschließlich Serbien, dann Kleinasien, Nordsyrien und Mesopotamien. Im südlichen Syrien und in Palästina war das wilde Einkorn bisher nicht gefunden worden, es ist das. Verdienst Aaronsohns, auch für diese Stammform das Vorhandensein am Hermon an zwei getrennten Oertlichkeiten nachzuweisen. Auf welchem Wege Gerste und Weizen nach Egypten gelangt sind, ist noch nicht erwiesen, sicher ist nur, daß das alte Babylonien in dieser wie in anderen wichtigen Fragen der kulturellen Entwicklung die Lehrmeisterin der Protoegypter gewesen ist, und das lange vor der ersten Dynastie! Mit den Cerealien kam auch der von ihren: Anbau unzertrennliche Pflug und in seinem Gefolge das Rind, ferner eine neue Schafrasse, wenn nicht bereitsfrüher eine eigene im Lande vorhanden war. Vor allem aber sind es die metallurgischen Kenntnisse, die Verwendung von Kupfer und von Bronze, der Pyramidenbau, der Gebrauch zylindrischer Siegel, vielleicht sogar die Hieroglyphenschrift, deren uralte, protohistorische Entlehnung unweigerlich auf die Euphratländer Hinweisen. Auch die Mythenbildung der alten Hebräer weist in Bezug auf den Cerealienbau gen Babylon und Mesopotamien. Wenn nun auch vom südlichen Arabien her ein unbestrittener Einfluß sich auf das älteste Egypten geltend gemacht hat und es nicht als durchaus unmöglich betrachtet werden kann, daß die erste Vermittlung des Ackerbaues dem heiligen Lande der Götter (dem Hochlande von Jemen) zugefallen sei, so darf doch nicht außer acht gelassen werden, daß der wahrscheinlichste und bequemste Zugang immer durch Palästina geführt haben muß. Zu den wichtigen pflanzengeographischen Tatsachen, die wir der letzten Reise von Aaronsohn verdanken, kann man dem