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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-09-28 · 39 (28.9.1906) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 656 Dr. Biocb 0 Mocbenscbrm. Nr. 39 in Rußland bleibenden Juden Politisch und wirtschaftlich Ausländern gleichstellt, das heißt, sie besitzen weder das aktive, noch das passive Wahlrecht und können ausgewiesen werden. Die russische Regierung ist dabei bereit, die zionistischen Bestrebungen der Juden zu unterstützen, weil das ihren eigenen Zielen förderlich ist. Punkt 2 besagt, daß der Ansiedlungsrayon der Juden keinesfalls erweitert werden darf. Wem es darin zu eng ist, der soll aus Rußland fortgehen. Punkt 3 will, daß den Juden verboten werden soll, an die Spitze von Handels- und Bankunternehmungen zu treten. Zeitungen dürfen sie nur in jüdischer Sprache herausgeben. Nach Punkt 4 wird den Juden der Zutritt zu allen russischen Schulen verboten, dagegen wird ihnen unter Aufsicht der Administration gestattet, eigene Schulen zu begründen. (Letzteres ist bereits durch einen Regierungserlaß geschehen.) Punkt 5 : Die Juden leisten keine Militärpflicht, sondern zahlen als Ersatz eine Steuer. Punkt 6: Alle Juden, die russische, deutsche oder ftanzösische Familiennamen angenommen haben, sollen wieder ihre alten Namen oder die ihrer Väter annehmen. Punkt 7 : Erst im zweiten Glied können Juden, die sich der Taufe unterzogen haben, volle Bürgerrechte erlangen, falls die Kinder nicht im jüdischen Geiste und in jüdischer Kultur erzogen worden sind. Das ist das Programm der russischen Machthaber in der Judenfrage. Eine Lösung bringt es nicht, wohl aber enthält es eine große Kulturgefahr für das Zarenreich, das ohne die Intelligenz der Juden gänzlich in asiatisches Fahrwasser geraten würde. Man glaube aber nicht etwa, daß die Furcht vor dem Auslande die Regierung in der Durchführung dieses Programmes verhindern würde. Gewiß nicht! Einer der ersten Machthaber sagte neulich: „So lange wir sieben Millionen Juden im Reiche haben, haben wir sieben Millionen Geiseln für das Ausland, und im schlimmsten Falle haben wir dazu den Zwangskurs. Wir haben nichts zu fürchten." Petersburg. Eingehenderes über die Besprechung, welche die Herren Schosberg und Baron Günzburg am 17. d. M. mit dem Ministerpräsidenten Stolypin wegen der Judenhetze von Siedlce hatten, meldet das Abendblatt der „Birschewija Wjedomosti" nach den Angaben Schosbergs. Sie hatten sich an Stolypin gewendet, weil sie von Vertretern der jüdischen Gemeinde von Siedlce benachrichtigt worden waren, in Siedlce kursiere das Gerücht, die 200 Juden, die von den ursprünglich verhafteten 800 noch im Gefängnis säßen, würden standrechtlich abgeurteilt werden. Sie baten den Ministerpräsidenten, zur Vermeidung ungerechtfertigten Blutvergießens von dieser Maßregel abzusehen, worauf Stolypin erklärte, er habe noch kein vollständiges Bild von den Ereignissen in Siedlce, er wünsche die ganze Wahrheit zu wissen, weßhalb er sich mit dem Material bekanntmachen wolle, um zu erfahren, wer für das unglückliche Ereignis verantwortlich sei. Was die Abwendung des Standgerichtes betreffe, so sei ihm ein diesbezügliches Gesuch der Siedlcer Juden schon zugegangen. Ihm persönlich sei von der Einsetzung eines Standgerichtes nichts bekannt. Jedenfalls werde er sich deßhalb an deu Warschauer Generalgouverneur wenden, da er die Uebergabe der Verhafteten an das Standgericht für ungerechtfertigt halte. Schosberg wies im weiteren Verlaufe des Gespräches darauf hin, daß kein Privatmann sich an den Metzeleien, Räubereien und Schändungen in Siedlce beteiligt habe, und hob hervor, daß das Libauer Regiment, welches einige Wochen vorher nach Siedlce versetzt wurde, während der letzten Judenhetze in Bialystok in dieser Stadt gestanden habe. Im Gegensätze zum Libauer Regiment habe sich das Dubnosche Regiment durchaus würdig benommen; ihm sei es vielleicht zu verdanken, daß die Judenhetze nicht noch länger dauerte. Stolypin enthielt sich des Urteils über das Betragen der Truppen, verglich jedoch die Judenhetze mit einer Theaterpanik. Der Regierung seien die traurigen Siedlcer Ereignisse natürlich völlig überraschend gekommen. Schosberg und Günzburg erklärten dem Minister, in Siedlce habe von einer Panik nicht die Rede sein können. Die Schüsse, die angeblich aus den Häusern auf Soldaten abgegeben wurden, seien unbedingt ein Mythus. Zum Schluffe des Gespräches äußerte Stolypin die Hoffnung, das Siedlcer Unglück werde das letzte für die Juden sein. Wegen des Gerüchtes von einer in Warschau bevorstehenden Judenhetze habe er sich an Generalgouyerneur Skalon gewandt, welcher erklärte, es sei zu Befürchtungen kein Grund vorhanden, außerordentliche Vorsichtsmaßregeln wären getroffen. Stolypin bestätigte endlich, daß er das Gesetzprojekt wegen Erweiterung einiger Rechte der russischen Juden auf Grund des § 87 der Grundgesetze dem Ministerrat vorlegen werde. Die völlige Gleichberechtigung der Juden könne nur von der Duma beschlossen werden; das sei Sache des Volksgewissens. Skalon hat auf allerhöchsten Befehl General Nowossilew nach Siedlce abkommandiert, der jedoch nur kurze Zeit dort verweilt und erklärt hat, er hätte nur zu untersuchen, ob von Seite der Truppen eine grobe Verletzung der militärischen Disziplin begangen worden sei. New-Zork. Ein eigentümlicher Streik hält gegenwärtig die Judenschaft der Ost-Seite in Aufregung. Dort existieren nämlich siebzehn Geflügel-Schlachthäuser, in welchen etwa sechzig Schochtim beschäftigt werden. Bisher verfuhr man dabei so, daß für das Schlachten eines Stückes Geflügel ein Cent bezahlt wurde, der dem Schächter gehörte. Jetzt haben sich die Schlachthausbesitzer darauf geeinigt daß dieser Cent ihnen bezahlt werden und daß den Schochtim zum Ersatz ein fixierte Besoldung gewährt werden solle. Damit sind diese aber durchaus nicht zufrieden, einmal weil die Höhe des Gehaltes die Summe der Schlachtgebühren nicht erreichen würde und dann, weil sie nicht als gewöhnliche, durch wöchentliche Entlohnung bezahlte Arbeiter betrachtet sein wollen. Sie haben daher das Schächten eingestellt und erklären, daß sie ihres Amtes solange nicht walten werden, als das alte System nicht wieder eingeführt ist. Da die Feiertage, während welcher die jüdische Bevölkerung eine enorme Quantität Geflügel benötigt, bevorstehen und die Sympathien der Rabbiner und des Publikums den Schochtim gehören, so ist es wahrscheinlich, daß die Schlachthausbesitzer werden nachgeben müssen. Ein jüdischer Politiker gestorben. Einer der bedeutendsten Politiker der Vereinigten Staaten. Mr. Edward Rosewater aus Omaha, Besitzer und Herausgeber der in drei Sprachen erscheinenden Zeitung „The Omaha Bee", wurde am 30.-August zur ewigen Ruhe bestattet. Der Verblichene war 1841 zu Bukovan in Böhmen geboren und als dreizehnjähriger Junge mit seinen Eltern nach Amerika ausgewandert. Nach einer an wechselvollen Ereignissen reichen Jugend — er war unter anderem im Befreiungskriege Telegraphist beim Präsidenten Lincoln — gründete er im Jahre 1871 „The Omaha Bee", die bedeutendste Zeitung der westlichen Staaten. So kam es, daß er die politische Entwicklung seines Landes beeinflußte und mit den bedeutendsten Staatsmännern der letzten vierzig Jahre in Verkehr trat. Bryan, der Präsidentschaftskandidat der letzten Wahlen gehörte zu seinen intimen Freunden. Zu den zwei letzten Postkongressen wurde Mr. Rosewater als Delegierter der Vereinigten Staaten entsandt. Er verband mit seiner Europareise im Mai dieses Jahres einen Besuch seines Vaterlandes, bei dem er sich auch kurze Zeit in Wien aufhielt, wo ihm der amerikanische Gesandte einen Freundschaftsbesuch abstattete. Das Hinscheiden dieses Mannes, den der Tod bei der rastlosen Ausübung seiner Tätigkeit überraschte, läßt in dem öffentlichen Leben Omahas eine Lücke zurück, die nicht so leicht ausgefüllt werden wird. Doch nicht nur, die ihm nahe standen, beklagen seinen Tod. Daß er den Armen und Hilfsbedürftigen ein Wohltäter und Gönner, seinen Angestellten ein gütiger Herr war, zeigt die ungeheuere Beteiligung der Bevölkerung an seinem Leichenbegängnisse. Aus nah und fern kamen der trauernden Familie Beweise der Teilnahme und Verehrung zu. Auch wir österreichische Juden erfüllen eine Pflicht der Pietät, wenn wir unserem Glaubensbruder, der den jüdischen Namen jenseits des Ozeans zu so hohen Ehren gebracht hat, ein „Ruhe in Frieden!" zurufen. Em.

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