Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 34 Dr■ Bloch’s Jahrgang 11111 Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 24. August 1906. — Brscbeint jeden Freitag. — Brief-Adresse: MUen» IX/1. Lerggasse 39. Teleqramm-Adroise: VIoiD's THIlocbenscbdft. UCUen. it-« K. h. Po|trparha|)reH-Hntt Cfeartng-löerhebr mr. 810.976. Redaktion und Rdmimstratirm i Wien IX/1, Jßerggasse IRr. 39. Telefon Nr. 14.847. ®-* »---;-» Verugsprei« für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. IlLr's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzetle 24 Heller. O-* Inhalt: Leitartikel: Anchialos via Kischenetv. — Wunder des Südens. — Ignaz Kuranda über Jüdische Kolonisation. — Brief aus den Sudeten. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Jüdische Gesellschaftsreise nach Palästina im Herbst 1908. Die antisemitische „Wiener Molkerei". Die Gründung des Wiener Stadttempels. Bret Harte ein Jude. — Korrespon denzen: Die jüdischen Mandate in Galizien. Ein Schreiben von Dr. Max Nordau. Eröffnungsfeier der Pollackschen Kinderpavillons im Kaiser Franz Josefspital. Zionistenkonferenz. Berlin. Die Schottländersche Stiftung. Unhöfliche Antwort eines bayerischen Eisenbahnbeamten. Der Pogrom in Bialystok. Zur Ermordung Herzensteins. Die Stimmung unter den Warschauer Truppen. London. Die Entdeckung eines agent provocateur in Warschau. Dr. P. Nathan bei dem Ministerpräsidenten Stolypin. Die jüdischen Waisenkinder. Jüdische Vorträge. Bedauern über die russischen Greuel. — Vermischtes: Zionistisches Zentralbureau, Köln. Der Geburtstag des Kaisers. Ferienkolonisten. Rosalie Klimont. Mitteilung des innerösterreichischen Distriktskomitees. Jamnitz. Konkursausschreibung. Kroatisch-Kreuz. — Feuilleton: Der importierte Bräutigam. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Anchialos via Kischinew. Es war einmal eine Stadt, die von einem landfremden, aber schon lange eingewanderten Volksstamme bewohnt wurde. Da aber der Stamm wußte, daß die Eingebornen größer seien an Zahl und Kraft und daß sehr gewalttätige Zeiten seien, so achtete er stets darauf, nicht nur die Moral und das Recht streng zu beachten, sondern auch auf dem Boden der Gesetz e zu bleiben, in der Hoffnung, daß dies ein Bannkreis sei, über dessen Grenze kein böswilliges Uebel hereindriugen könne. Wenigstens taten es so die meisten Stammesgenossen; für wenige, die aus Unverstand oder Schlechtigkeit sündigten, konnte die Mehrzahl nicht, denn solche Schädlinge gibt es überall. Nichtsdestoweniger wurden alle, auch die Gerechtesten und Tüchtigsten, von den Eingebornen bitter gehaßt. Dazu gehört gar keine Ursache. Die meisten Menschen leben eng und schlecht und achten eine Brotrinde, die sie für sich allein haben wollen, viel höher als den Nebenmenschen, sein Glück und sein Leben. Schon im Streit um die Rauferehre zieht das niedere Volk die Messer. Um wie viel leichter würde man zur Waffe greifen, wenn es wirklich oder vermeintlich ums Brot geht. Nur der Staat hindert daran, diese Anstalt zum Schutze der Menschen vor einander. Die Nächstenliebe ist immer so stark wie das Strafgesetz. In unstrem Falle aber stel es dem Staat-nicht ein, seine Aufgaben zu erfüllen. Die Leute, welche seine gewaltige Maschinerie lenkten, stellten einen Hebel ein und ließen dem Haß freien Lauf, da er ihnen sehr förderlich schün. Sie hatten dadurch Ruhe bei ihren selbstverständlichen, menschlichen Dummheiten oder gar Verbrechen, denn der Hassende hat nur sein Opfer im Auge. Als die Eingebornen merkten, daß durch den Willen der Regierenden der Schutz der Gesetze für den fremden Volks stamm fehle, wuchs der Haß ins Bodenlose. Denn er wird umso stärker, je schwächer der Feind wird und je weniger die Feigheit zur Vorsicht mahnt. Zum Ueberstusse hatten die Hüter der Gesetze vor dem Schlafengehen öffentlich mitgeteilt, daß sie jetzt die Augen fest zndrücken würden und daß man ihre Dienerschaft nur benützen möge, um die Ruhe aufrecht zu erhalten. Der Haß war unter so günstigen Umständen begierig, sein Werk zu beginnen, aber auch der Mörder schreitet nicht zur Tat, ohne wenigstens einen Schein von Ausrede zu haben. Bis jetzt lag kein Grund vor, aber man hatte einen solchen und schuf zugleich die herrliche Gelegenheit, Menschenmord unter dem Titel einer gerechten Sache zu begehen, indem man bei den Verhaßten ein Verbrechen schuf, das man dann bestrafen wolle. So fing man denn an, die Verfolgten in jeder Art zu quälen und zu reizen, damit sie zuerst die Waffen erheben sollen. Aber die Furcht vor den klaren Folgen schuf eine unendliche Geduld des Ertragens. Nur ein Teil der Jugend, unfähig, das Leben mit Sklaverei zu erkaufen, schlug zu, und nun nahm die Barbarei der Starken gegen die Hilflosen ihren Anfang. Vielleicht hätten sich diese noch verteidigen könne«, aber jeder mußte bei seinen Kindern bleiben, da er den Ausgangspunkt der Schlacht nicht kannte. So wurden viele von den Banditen und den verständigen Dienern der Regierenden umgebracht unter Martern, durch Hieb und Schuß und in Flammen getötet, ihre Habe zerstört, geraubt und verbrannt. Als sie sich wieder auo ihren Kellern und Zufluchtsstätten herauswagten, richteten die Bettler, die wegen ihrer Armut nicht flüchten konnten, wie viele glücklichere Brüder, einen jammervollen Hilferuf an die Regierenden, unter deren Schutze sie lebten. Die Regierenden waren sehr überrascht und voll Zorn auf die Urheber. Da aber alles mit ihrem Willen geschehen war. nahmen sie das Recht, verwandelten es ins Gegenteil, vernahmen die Verbrecher selbst als Zeugen und schützten die fernere Sicherheit, indem sie die unschuldig Verhaßten und Verfolgten in ihre Kerker warfen und dort mißhandelten. Dieses Märchen der Kultur hat die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts zu vielen Malen als furchtbare Tatsache wiederholt. Nach einer Blütezeit von Technik und Kunst, Dichtung und Philosophie wurde Europa ein Reich von Tieren, von denen die meisten stumpfsinnig über den Futtertrog hinweg zusehen, wie die Bestien im Osten ungehindert wüten. Einige in jeder Bedeutung billige Worte der richtigen Sprecher hätten vielleicht den Juden die Zukunft gesichert, hätten die Verzweiflung der Verdammten beruhigt; daß es nicht geschah, war Schändung genug. Man verhöhnte die Gottheit im Menschen, als zu Abel, der