Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 33 Dr■ Bloch’s Jahrgang ILM Zentralorcjan für die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 17. August 1906. Lrscbeint jeden Freitag. Brief-Adresse: Mlen, IX/1, Kerggasse 39. Telegramm-Adresse: Wlocb's Mlocbenscbritt, Mlien. S-tzt R. k. Postsparkassen-Amt Slearing-Verkebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: V i s n IX/i, Werggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847 ©-* *----—« Vrrugsprris für Vesterrrirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Jiür's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. *-* Inhalt: Leitartikel: Die Alliance Israelite Universelle. — Etwas über die Trachten der Juden im Mittelalter. — Ararat. — Die jüngsten deutschen Ausgrabungen in Palästina. — Jahrmarkt: Die jüdischen Mandate in Galizien. Eine Petition an den ungarischen Kultusminister betreffend die Ernennung von Magnatenhaus-Mitgliedern. Eine jüdische Ausstellung. Altjüdische Ruinen in Bulgarien. — „Jto". Der Erfinder des Automobils. Der letzte Kurfürst von Hessen und der jüdische Soldat. — Korrespondenzen: Unsere Jugend und das Hebräische. Berlin. Breslau. Paris. Maxim Gorkis Aufruf an Amerika um Unterstützung der russischen Revolution. Verhaftungen in der Synagoge zu Riga. Antisemitische Verfügungen in Odessa. Die amerikanische Fremdenbill. — Vermischtes: Kaiserfeier. Spenden zugunsten der Opfer der Exzesse in Bialystok. Baden. Karlsstadt. Friedet. Mährisch-Budwitz. Berlin. — Feuilleton: Momentbilder aus den Tagen der Duma. Die Silberhändler. Von Meyerbeer und Müsset. — Literatur. - Briefkasten. — Inserate. Die Alliance Israelite Universelle. In einem bescheiden aus gestatteten Bericht über das Jahr 1905 unterbreitet die „Alliance" der Oeffentlichkeit ihr stolzes Hilfswerk für die geistige und körperliche Judennot. Von den phantastischen Millionen, mit denen die Gesellschaft in antisemitischen Lügenträumen ausgestattet ist, haben wir zu unserem größten Leidwesen nichts bemerkt. Umso verdienstvoller sind ihre Leistungen, bei denen die Klugheit und die ideale Hingabe der leitenden Persönlichkeiten viele dringende materielle Erfordernisse ersetzt haben. Man möchte fast nicht glauben, daß es der „Alliance" mit dem verhältnismäßig kümmerlichen Ausgabenetat von drei halben Millionen Franken gelungen ist, ihre Arbeiten in einer Weise fortzusetzen, daß ein bedeutendes, im günstigsten Sinne auffallendes und schätzbares Kulturwerk daraus geworden ist. Einen leisen Vorwurf, der oft erhoben wurde, wollen wir diesmal von vornherein abweisen. Man sagt der „Alliance" nach, daß sie ein allzu eifriger Geschäftsträger der französischen Regierung sei, deren Einfluß sie im Orient stärke, und die heuer erfolgte schärfere Trennung der deutschen Gruppe hatte wohl diesen Hintergrund. Aus dem heurigen Jahresbericht klingt aber ein kräftiger Grundton heraus, aus dem die wahre Absicht und Tendenz des großen Erziehungswerkes der „Alliance" klar ersichtlich ist. An allen ihren Schulen ist ein Schwergewicht auf den Unterricht in hebräischer Sprache und jüdischer Geschichte gelegt. Die starke Verwendung des Französischen ist aus lokalen Gründen und aus dem Zwange notwendig, den Schülern die große Welt in ihrem Leben und Denken in der meistgebrauchten Kultursprache zu erschließen. Die „Alliance" ist jedoch den in ihrem Titel ausgedrückten großen Zielen unentwegt treu geblieben, der brüderlichen Liebe im Judentum. Diesen Zielen entspricht die Leitung mit weitem Blick und Großherzigkeit. Als ein getreuer Eckart des Judentums wacht sie mit lebendiger Fürsorge über alle seine Bedürfnisse in der ganzen Welt und vielleicht ist ihre moralische Wirkung ebenso hoch anzuschlagen wie ihre greifbare. Die Juden fühlen durch sie die Liebe und den Trost mitfühlender Brüder und schöpfen daraus die riesige Kraft, mit welcher sie dem Andrang des Unglückes standhalten. Die Hände, die das Wappenzeichen der „Alliance" sind, strecken sich den entferntesten Brüder hin, die am Rande des von der Kultur bewohnten Erdkreises mit Verzweiflung um ihr Leben kämpfen. Mit dem Wagemute eines Missionärs ist man in das Gebiet der fanatischen Muftis, Mullahs und Derwische vorgedrungeu und die Vorstellung ist nicht mehr möglich, daß hundertlausenden unserer Brüder von der Meerenge von Gibraltar bis zum persischen Meerbusen das Leben ohne die „Alliance" überhaupt möglich wäre. Ihre Schuldirektoren haben sich den Rang von geistigen Führern und staatlichen Behörden erworben, weil man es verstanden hat, fanatischen Tyrannen unerschrocken entgegenzutreten, weil man ganze Generationen aus dem Elend verkommenen Kleinhandels zur Weltbürgerschaft emporgezogen hat, weil man ihnen Kenntnisse und Erkenntnisse genug gab, daß sie der feigen Sklaverei des Ghettos entrinnen konnten. Nicht nur der Orient ist es, dem die unermüdliche Tätigkeit des Pariser Komitees gewidmet war und ist. Der russische Judenfeind und sein rumänischer Schüler halten unsere Hilfsvereine ununterbrochen in Atem und die „Alliance" mußte ihre ganze Kraft aufbieten, um ein Teilchen der ärgsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit wieder gutmachen zu helfen. So wurde ihr im knappen Raume eines Jahres eine unendliche Reihe von Aufgaben gestellt, die sie mit rühmlicher Energie erledigte und in ihrem anspruchslosen Bericht aufzählt, für den ihr der stärkste Beifall sicher ist. Es würde zu weit führen, alles Interessante aus den 200 Seiten des Buches herauszunehmen und nur das Allerbedeutendste können wir bei der Verfolgung herausgreifen. Dem Gedächtnis übergeben seien hier vor allem die Namen des Zentralkomitees: Herr Präsident Narcisse Leven, die Herren Vizepräsidenten S. R e i n a ch und Dr. Arnold Netter, der Herr Schatzmeister Jacques M a ch i e l s. Dem Komitee gehört als auswärtiges Mitglied auch Herr David Ritter von Guttmann in Wien an. Wie bereits erwähnt, wurde heuer ein „Deutsches Bureau der Alliance Israelite Universelle“ gegründet, an dessen Spitze Herr Geheimer Kommerzienrat L. M. Goldberger-Berlin steht, und dessen Ehrenpräsidium Herr Sanitätsrat Dr. Salomon