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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-01 · 22 (1.6.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
22 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 350 Dr Blocb’s Mocbenscbrttt. Nr. 22 Jubilierende Rumänen. Vierzig Jahre sind es nun her, daß der preußische Offizier Prinz Karl von Hohenlohe-Sigmaringen unter dem Namen Karl Stettingen als Passagier zweiter Klaffe die Donau hiuunterfuhr, um an Stelle des vertriebenen Fürsten Cuza als Carol I. den Thron von Rumänien zu besteigen. Er hatte einer Jntrigue Napoleon III., dessen weitläufiger Verwandter er war, seine Berufung zu verdanken. Zwischen Frachtsäckeu schrieb er au der rumänischen Grenze an den Kaiser von Oesterreich einen Brief mit der Bitte um Unterstützung. Das Glück hat seinen Ritter weit geführt. Zehn Jahre später konnte er sich unabhängig erklären, 15 Jahre später die aus einer vor Plewna eroberten Kanone geschmiedete Königskrone aufs Haupt setzen. Glück wie ein Rothschild ... Dröhnender Paukenwirbel begleitete den Gedenktag. Nationale Ausstellungen, Feierlichkeiten, Empfänge. Der König und seine Trabanten aller Grade gratulierten einander zu ihren Heldentaten in Krieg und Frieden. An eine sollen sie aber nicht vergessen. Sie haben es vermocht, 250.000 durch Intelligenz und Arbeitskraft hervorragende Bürger zu brutal mißhandelten Knechten zu machen, sie haben eine Viertelmillion jüdischer Heloten gezwungen, Blut- und Geldsteuer für ein Land zu leisten, das sie nicht als seine Bürger anerkennen will, sie bringen es mit Quälereien dazu, daß Hungerprozessionen über die Grenzen fliehen mußten, weil die Folterknechte zu Hause ihnen das bißchen Brot erbarmungslos weggenommeu haben. In diesem einen Punkt protzen die Leute, die sich hochstaplerisch die Franzosen des Ostens nennen, mit ihrer selbstherrlichen Gemalt gegen den Willen der Kulturnationen, welche auf dem Berliner Kongreß die Emanzipation der Juden aussprachen. In diesem einen Punkt, nachdem sie sich ohne Schwertstreich von Rußland das fruchtbare Beßarabien rauben ließen. Und wie selbst ein Mörder nach einer entschuldigenden Ausrede für seine Freveltat hascht, so leiern die rumänischen Offiziösen die krumme Lüge vor den empörten Zuschauern herunter: „Die Juden sind Fremde; sie fühlen sich nicht als Staatsbürger Rumäniens". Sie kamen wahrscheinlich erst vor vierzig Jahren die Donau herunter ... Auch die Not wirkt schließlich eintönig, einschläfernd. So wandte man seine Augen in letzter Zeit von der rumänischen Judenfrage ab, so viele Dampfer mit Auswanderern auch nach wie vor Galatz verließen. Nun flog wieder eine Rakete auf, die ein Notzeichen der Juden ist. Die rumänische Königin bekannte sich als ihre Feindin. Zur Reklame für das Jubiläum schrieb Elisabeth, die Tochter des deutschen mediatisierten Fürsten zu Wied einen Artikel in amerikanische Zeitschriften, in welchem sie die Juden als „Fremde" bezeichnet. Sie hat offenbar vergessen, vor wie wenig Jahren sie aus der Fremde kam. Carmen Sylva, deren Dichterherz das ängstliche Pochen jedes Waldvögleins wehmütig mitzuempfindeu vorgibt, hilft jener Bewegung, welche Elend und Tränen in die elenden Wohnungen rumänischer Juden trägt. Carmen Sylva sucht in ihrem Karpathenschloß Sinaia Reime auf Blumen und Frühling und schreibt Artikel gegen die hungernden Juden. . . . Zwar sollte eine um ihr Land besorgte Fürstin die Leute besonders schätzen, von denen der wohlinformierte frühere Gesandte Serbiens in London, Mijatovich, kürzlich sagte, sie seien energisch, ehrlich und in jeder Beziehung ein ehrlicher Menschenschlag; aber die Sorge der herrschenden Klique in Rumänien gilt nur ihr selbst, ihr Vorwurf des Fremdentums für die Juden ist nichts anderes als der alte Ruf des Diebes: „Haltet den Dieb!" Fremde sind nämlich nicht die seit altersher ansässigen Juden, sondern die Machthaber Rumäniens. So führt Laudesco im Maiheft des „Century" treffend aus. Die königliche Familie, die eine enorme Zivilliste bezieht, ist deutsch und sie hat sich durchwegs mit Griechen umgeben, Einwanderern aus dem Lande, mit dem man kürzlich wegen seiner feindseligen Haltung in der kutzowalachischen Frage die diplomatischen Beziehungen abgebrochen hat. Die Cantacuzena, Lahovary, Catargi, Karp, Ferichide, Marghiloman und ihr Anhang sind nicht so lange im Lande wie die Juden. Sie sind zur Macht gekommen, weil der König fürchtet, die einheimischen Bojaren könnten es ihm so machen, wie dem Fürsten Cuza. Und sie sind fanatisch bei der Behauptung, die Juden seien Fremde, damit man die wirklichen Fremden vergißt . . . Den breiten Volksmaffen fällt es nicht ein, werktätigen Antisemitismus zu machen. Sie kommen mit den Juden nicht zusammen, die Städtebewohner sind und haben in ihrem Elend, ihrer Unwissenheit und ihrer politischen Entrechtung keine Lust zu Feindseligkeiten. Die fünf Millionen Landleute sind in der dritten Wählerklasse und haben 30, d. h. ein Zwölftel der Kammermandate und keines für den Senat zu besetzen. Der Rest fällt ganz der herrschenden Kaste von 250.000 Leuten zu, die auch alle Beamtenposten besetzen. Würden nun die 250.000 Juden emanzipiert, so hätten sie auch alle das Wahlrecht, weil sie lesen und schreiben können und in der Stadt wohnen. Um ihnen nun nicht die Hälfte der Macht zu lassen, müßte die ganze Nation ihr Recht bekommen und das wollen die Machthaber nicht. Der Kampf gegen die Rechte der rumänischen Juden ist also ein Kampf der Machthaber in Rumänien gegen das rumänische Volk, der dicke Kern der antisemitischen Moral, wie überall, das Geschäft seiner Apostel. Dieser Skandal der systematischen Volksverdummung, der Lüge und Unmenschlichkeit regiert nun auch schon jahrzehntelang in Rumänien. Und leider ist außer der Hoffnung auf den Sieg von Gerechtigkeit und Wahrheit noch keine Aussicht auf das wirklich erfreuliche Jubiläum seines Endes. Jetzt jubeln die Machthaber. — y. Der DerwesungsproM der Christlich- Sozmie«. Aus einem kleinen Landeseisevbahnamt. Mit dem Lilienstengel in der einen, dem Flammenschwert in der anderen Hand sind die christlichen Sozialen seinerzeit auf den Schauplatz der Politik getreten. Das Schwert war gegen die liberale Korruption bestimmt, die Lilie das Symbol der eigenen Unschuld. Es war eine hübsche Maske, aber sie hat nicht lang betrogen. Man käme in Verlegenheit, wenn man einen größeren Meister aller Lüge, der Unehrlichkeit, der klebrigsten Unmoral suchen sollte als diesen Engel. Wo eine Beute winkte, stürzten die Rechtsanwälte des christlichen Volkes gierig darauf los, erholten sich von den Anstrengungen der Agitation durch eine ausgiebige Mastkur, deren Kosten die Geretteten tragen mußten. Jedes Amt wurde zu einer Verteilungsstation für Pfründen, aber es wurden zu wenig. Schlägereien erhoben sich und dabei wurde stellenweise der Vorhang zerrissen, welcher die wahre chriftlichsoziale Wirtschaft verbirgt. Welch ein Ekel! Da wurde jetzt ein Beamter der Landesbahn Ernstbrunn-Korneuburg, ein bewährter Christlich-Sozialer, durch ein anderes Protektionskind ersetzt und er veröffentlichte seine Erfahrungen in einem langen Artikel, wegen dessen er nun vom Abgeordneten und Landesausschuß Dr. Robert Pattai auf Ehrenbeleidigung geklagt wurde. Ein lieblicher Reigen christlichsozialer Typen zieht in diesem Prozeß an uns vorüber. Der Unterbeamte von schlechtem Ruf, der aber ein tüchtiger Wahlagitator ist, in der Wahlzeit Urlaub bekommt und für seine Schlepperdienste avanziert. Der Ingenieur, der lebensgefährliche Lokomotiven in Dienst stellt. Ein Defraudant, der von der Skontrierung verständigt wird. Ein Verkehrsleiter, der tüchtige Beamte mit Hilfe von Protektion überflügelt, wegen krasser Unfähigkeit entlassen wird und einen anderen Posten erhält.

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