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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-05-25 · 21 (25.5.1906) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
21 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
– (sequence 13)
Language
German
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^. Nr. 21 Dr. Blocb’s MocbenscbriN. Seite 345 zögert hatte, den Präsidenten des russischen Gerichtshofes einen Schurken zu nennen, nun so tief gefallen war, um über die Dummheiten eines Betrunkenen zu lachen, wie jeder erste beste Heuchler! War es schon so weit mit ihm gekommen? Er erreichte aufgeregt sein Heim und nach dem Nachtmahl fing er gleich an, das Thema mit Tanya zu besprechen. Wieder endete das Ganze mit einem Streit und wieder mußte er ihr zum Schluß nachgeben. Wenige Tage später erkrankte Boris und war 14 Tage bettlägerig. Um den Zins aufzubringen, mußten sie sich das Fleischessen versagen. Sie lebten nur mehr von Brot und Kaffee. Boris wurde nervös und gereizt. Eines Morgens kam Boris blaß und erregt aus dem Versatzamt zurück und legte das Paket, das er unter dem Arm getragen hatte, wortlos auf den Tisch. „Man wollte es nicht annehmen im Versatzamt, sie haben gesagt, es sei ganz wertloses Zeug." Tanya warf einen demütigen Blick auf ihn und fuhr in ihrer Arbeit fort. Boris ging aufgeregt im Zimmer auf und ab und sprach kein Wort. Plötzlich blieb sie vor ihm stehen und sagte zu ihm: „Aergere dich nicht so sehr, es wird ja wohl wieder besser werden." Ihre Augen schauten wie verloren ins Weite, als sie sagte: „So lass' ihn also einziehen, ich sehe ein, es muß ja sein." Es klang, als ob sie sich ratlos dem Schicksal ausliefern müßte! . . . IV. Es war ungefähr 9 Uhr früh. Dalsky schritt durch das Zimmer und schaute seine Lektion nochmals durch. Sein Aeußeres zeichnete sich durch eine gewisse Eleganz, eine gewisse Würde und Noblesse aus, die mit seiner Blässe gut harmonierte. Seine mittelgroße Gestalt war außerordentlich proportioniert, seine Augen und das Uebrige zeichneten sich durch nichts besonderes aus. Plötzlich schloß er das Buch und legte es sorgsam auf seinen Tisch, und als sein Blick auf den am Fenster stehenden Blumentopf fiel, ging er geräuschlos in die Küche, wo Tanya gerade mit dem Plätten der Wäsche beschäftigt war. „Suchen Sie etwas, Herr Dalsky?" fragte sie ihn liebenswürdig. „Lassen Sie sich nicht stören, Tatyania Markovna," sagte er, „ich finde es schon selbst," und er ergriff den emaillierten Blechkrug. „Es ist höchste Zeit, daß ich meinen Blumen das Frühstück verabreiche, sie werden mir sonst zu Hungerig," bemerkte er bescheiden und begab sich mit dem gefüllten Krug zum Fenster hin. „Sie werden gut von Ihnen gepflegt," gab Tanya durch das offene Fenster zurück. „Uebrigens ist auch für ihren Herrn höchste Zeit, zu frühstücken; soll ich auftragen, Herr Dalsky?" „Bravo," erwiderte der Student mit > freundlichem Kopfnicken. Sie tat es und setzte sich an den Tisch zum Frühstück. Während des Essens machte sie den scherzhaften Versuch, in das dicke Wörterbuch hineinzublicken, das er vor sich hingelegt hatte. Wenn sie ein englisches Wort falsch aussprach, korrigierte er ihr in ernsthafter Weise; sie nahm die Verbesserung halb humorvoll, halb verschämt auf. Es waren kaum 14 Tage, daß Dalsky bei ihnen eingezogen war und schon schien er zur Familie gehörig, und alle drei hatten das Gefühl, als hätten sie immer zusammengelebt. Und doch hatte seine Gegenwart im Hause eine Veränderung hervorgerufen, die nicht zu leugnen war. Wenn er am Vormittag ein oder zwei Stunden frei hatte, blieb er zu Hause, las oder studierte, summte eine Opernmelodie, drehte sich Zigaretten, und all Das mit der vergnügtesten Miene der Welt. Oft brachte er von seinen Gängen eine nützliche oder zierliche Kleinigkeit mit, eine Aschenschale, einen Handtuchhälter, eine Nippesfigur für den Kaminfims, einen Blumentopf oder dergleichen. Während des Nachtmahls unterhielten sich Boris und Tanya über den Inhalt der Zeitung oder über die neuesten Gerüchte im Ghetto oder über ein neues russisches Buch. Am liebsten sprach zwar Boris über seine Beobachtungen in der Knopffabrik, doch Dalsky und Tanya fanden das uninteressant und kleinlich. „Armer Boris," dachte Dalsky bei sich, „die Perlmutterbeschäftigung hat ihn ganz untergekriegt." Dalsky erzählte recht wenig von seinem Kolleg. Nach dem Nachtmahl verließ er seine Wirte, um Stunden zu erteilen und nachher ging er meist noch in den Klub russischer Studenten. Im ganzen und großen hatte Dalskys Einzug das Privatleben der Luries nicht im Geringsten beeinflußt. Er hatte eine fröhlichere Stimmung mitgebracht. „Nun siehst du, es war ganz unnötig so viele Worte wegen der Sache zu verlieren," sagte Boris triumphierend. „Wir beide find gerade so viel miteinander wie früher und es ist doch besser, daß du nicht den ganzen Tag allein bist." Dalsky war mit dem festen Entschluß nach Amerika gekommen, Medizin zu studieren, um sie dann auch hier praktisch auszuüben. Er war ohne Kreuzer gelandet und nach zwei Jahren ging es ihm schon so gut, daß er das Schulgeld für das erste Jahr des Kollegs erlegen konnte und die Bedürfniffe seiner zwar einfachen, aber streng geordneten Lebensweise bestreiten konnte. Er war ein normal und gut entwickelter junger Mann von 25 Jahren, ein oder zwei Jahre jünger wie Lurie. Es war nichts besonders glänzendes und nichts geheimnisvolles an ihm. Er machte sich nie eines groben Taktfehlers schuldig. Er wäre der letzte gewesen, der wegen eines Balles oder eines intereffanten Buches seine Pflicht vergessen hätte, aber trotzdem wurde er nie unter die Büffler gezählt. Er hatte einen Hellen Blick für die Beurteilung von Menschen und Dingen. Er gehörte zu denen, die der Welt wenig geben, aber auch wenig von ihr beanspruchen, die aber noch immer mehr erlangen, als sie fordern. Da er weder in die Seele der anderen zu viel Einblick erlangen wollte, noch anderen gestattete, sein Innenleben zu erforschen, lebte er mit sich und der Welt in Frieden. (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. The Jewish Encyclopedia. A descriptive record of the History, Religion, Literature, and customs of the jewish People from the carliest Times to the present Day. Complete in twelve volumes. Volume XII. Funk and Wagnalls Company, New -York and London. Joseph Jacobs, D. Litt, Revising Editor. The Jewish Encyclopedia. A guide to its contents and aid to its use. Funk and Wagnalls C. „Altneulund". Monatsschrift für die wirtschaftliche Erschließung Palästinas. Herausgegeben von F. Oppenheimer, S. Soskin, O. Marburg. Berlin W. 15, Pfalzburgerstraße 83. III. Jahrgang. Heft Nr. 4, April 1906. Inhalt: Oekonomierat Oetken: Palästinafahrt eines Landwirtes. Prof. D r. O. Marburg: Syrien als Wirtschafts- und Kolonisationsgebiet (Schluß). Palästina und Nachbargebiete. Finanz- und Banksragen in der Türkei. Vermischtes. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden, Berlin-Halensee, Westfälische Straße 46. Redaktion: Dr. Arthur Ruppin. II. Jahrgang, Heft 4, April 1906. Inhalt: Abhandlungen. 1. Dr. Arkadius Elkind, Moskau: Anthropologische Untersuchungen über die ruffisch-polnischen Juden und der Wert dieser Untersuchungen für die Anthropologie im Allgemeinen. 2. Joseph Jacobs, Ne w-Z) o r k: Die Juden in den Vereinigten Staaten. 3. Dr. I. Thon, Berlin: Die Alliance Jsraslite Universelle. 4. Dr. Arthur Ruppin, Berlin: Die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in Preußen im Jahre 1904. Statistisches Archiv. Schulbesuch in Bulgarien.

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