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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-27 · 17 (27.4.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
17 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 270 Dr. Blocb s Wocbenscürm. Ni 17 In Moskau, wo die Revolution am'..blutigsten war, dürfen Juden gar nicht wohnen. Die lettischen Bauern sehen den Juden für den Teufel an. Aber wir würden weder mit Beweisen für die Loyalitäten Juden noch mit dem Antisemitismus der Regierung fertig werden. Millionen von Juden sind fromm und ergeben, aber die will Witte nicht sehen. Er würde jüdische Revolutionäre erfinden, wenn er sie nicht hätte, denn er braucht einen Sündeubock, und wenn er sagt, daß er den Juden sympathisch gegenüber steht, so gilt die Sympathie dem unbezahlbaren Prellstein zwischen Witte und Rußland. Feindselig sind seine Worte und Taten nach wie vor. Achtzig Schwerverletzte und einige Tote machte die Polizei bei einer Volksversammlung unbewaffneter Juden in der Synagoge von Mohilew, schändete die Frauen, riß ihnen mit der Faust die Haare aus dem Kopse, ließ die tätlich Verletzten wie Vieh auf der Straße liegen. So geschehen acht Tage'nach der Stunde, als unsere Finauzmänner durch leergedroschene „Versicherungen" angeblich „beruhigt" wurden. Sie gaben nicht eher, als bis mau sie beruhigte.... Aber dem Direktor eines Bankinstitutes kann es schließlich gleichgiltig bleiben, ob das Gefühl auf seine Rechnung kommt, sagt ein Verteidiger, wenn nur die Rechnung seiner Aktionäre vorteilhaft ausfällt. Schließlich wäre die Anleihe auch ohne die Juden gemacht worden und es sei besser, die Juden hätten wenigstens einen Gewinn davon. Schließlich hätte Graf Goluchowski, der Minister des Auswärtigen, im politischen Interesse auf die Finauzmänner eingewirkt. Alle diese Klügeleien der Eigenliebe fallen beim leisesten Tritt der Moral zusammen. Fürs erste — mit diesem Argument bleiben wir auf dem Boden der Börse — ist es noch eine große Frage, ob die Rücksicht auf Aktionäre und Publikum durch Gewährung oder durch Verweigerung der bedenklichen Anleihe besser gewahrt wird. Fürs zweite haben nicht Juden einen Gewinn, sondern einzelne Finanzmagnaten, die es durchaus nicht nötig haben, unter dem' Murren der ganzen Kulturwelt das Geld aufzuheben, au welchem das Blut ihrer Brüder klebt. Diese einfache, aber bittere Wahrheit läßt sich durch keinerlei Redewendungen umgehen. Die russische Autokratie stärken, heißt den größten und mächtigsten Feind des Judentums stärken. Wenn unter solchen Umständen den reichen Leuten recht sein soll, Vorteile zu wahren, daun müßte dasselbe gerechterweise in ungeschminkter Form auch dem armen Teufel möglich sein. Es ist nämlich bekannt, daß die russische Negierung den Mitgliedern der schwarzen Banden Taggelder in der Höhe von 80 Kopeken bis zu zwei Rubeln gegeben hat. Wie nun, wenn ein starker, aber armer Jude den Antrag erhielte, für zwei Rubel täglich mitzutun? Er kann gerade so argumentieren, wie unsere engbrüstigen Moralisten in Oesterreich: Gemordet wird ja doch, kriegt halt ein anderer die zwei Rubel, denk' au deine Familie und mach' dich lieb Kind beim Polizeichef -keine Entrüstung! Kein Wort der,Entrüstung! — Wo ist der Unterschied, ob man Haman die kleine Kraft des Armes leiht oder die große des Geldes, wenn er gegen die Juden losgeht? Das hat Graf Goluchowski nicht verlangt und überhaupt kein anständiger Mensch. Und wenn irg«ck ein christlicher Staatsmann aus Vergeßlichkeit oder Unkenntnis ein derartiges Verlangen an einen jüdischen Finanzmanu gestellt hat, dann war es Sache eines ehrliebendeu Juden, gewisse Dinge abzulehnen, die nicht geschehen können, die niemals geschehen dursten. Nieder mit dem zwanzigsten Jahrhundert, wenn es den Grundsatz gezeitigt hat, daß man dem Henker seines Bruders mit Geld zuhilfe kommt, weil er Wucherziuseu zahlt... Die Herren hätten dem Grafen Goluchowski eine geschichtliche Erinnerung aus dem Jahre 1870 zur Antwort geben sollen. Damals schrieb das reiche, ehrlich zahlende Frankreich eine vorteilhafte Anleihe aus. Da sagten sich zuni Bankiers in Berlin, was nun im Jahre 1906 wiederholt wird: „Warum sollen andere den Vorteil haben? Es ist zwar unser Feind, aber Geschäft ist Geschäft!" Aber Bismarck bewies ihnen, was das richtige Geschäft sei. Er ließ ihnen wegen Landesverrates den Prozeß machen. Sie erhielten mehrere Monate Zuchthaus und Ehrverlust. Die russische Regierung führt Krieg gegen die Juden. Aber ihre bedenkliche Anleihe wird gefördert von Juden. Wir haben kein Land und keine jüdische Gerichtsbarkeit als die öffentliche Meinung .... Viele Zuschriften an uns heben mit Recht hervor, daß es für einen Mann, wie Herrn Generaldirektor von Taussig, ein dankenswertes Opfer ist, wenn er sich bei seinen zahlreichen Obliegenheiten auch noch der Verwaltung der Gemeinde widmet, wo seine außerordentlichen Fähigkeiten Gelegenheit zu reicher Entfaltung finden. Man bringt auch gerne Opfer, um seine wertvolle Kraft zu erhalten, nur nicht das Opfer der jüdischen Ehre. Das gesamte Wiener Judentum wird stets für die Handlungsweise seiner Führer verantwortlich gemacht. Der Scharfblick des Herrn Generaldirektors R. v. Taussig wird ihm auch nicht verhehlt haben, welche Stimmung in allen Schichten der Wiener jüdischen Bevölkerung über die letzten Vorkommnisse herrscht. Diese Stimmung richtet sich nicht nur gegen ihn, sondern leider auch gegen seine Kollegen im Vorstand, die ihrer großen Mehrheit nach zweifellos im Innern ihres Herzens die Geschehnisse tief bedauern und nun gezwungen sind, vor der Oeffeutlichkeit zu verteidigen, was sich niemals verteidigen läßt. ■ _ — y. PIMxp der Großmütige und die Inden. Von Lehrer L. Horwitz-Kassel. Unter den fürstlichen Persönlichkeiten der Reformationszeit erfährt Landgraf Philipp von Hessen eine gar verschiedene Würdigung. Als Fürst zu einer welthistorischen Mission berufen, war es ihm gelungen, über die Schranken seines Jahrhunderts hinaus in das Gesamtbewnßtseiu der evaugelischen Christenheit einzutreten. Die Geschichtsschreibung wird daher nicht müde, den schon durch Kunst und Poesie vielfach verherrlichten Regenten immer aufs neue als eine historische Größe ersten Ranges zu feiern. Von anderer Seite sucht man nun seine Gestalt in den Schalten zu stellen und die dunkeln Punkte seines Lebens besonders hervorzuheben. Auf welcher Seite die Wahrheit ist, kann selbstredend im Rahmen dieser Zeilen nicht festgestellt werden. Auch sein Leben und seine Wirksamkeit in diesen Blättern zu schildern, wäre müssig. Doch die Wahrheit verlangt es gebieterisch, weiteren Kreisen sein Verhalten gegen die Juden seines Landes zu schildern. Allerdings erwartete man von einem Fürsten, den die Geschichte den „Großmütigen" nannte, nicht eine Handlung, die mit Menschlichkeit nicht vereinbar ist, und er mußte es in späteren Jahren selbst erfahren, was es heißt, um seines Glaubens willen zu leiden und in der Verbannung zu leben — und darin gleicht sein Geschick dem des jüdischen Volkes. Landgraf Philipp der Großmütige faßte den Entschluß, die Juden ganz zu vertreiben. Er erließ deshalb ein Ausschreiben am 18. Juli 1524 an alle Beamten, den Juden ihres Bezirkes den Aufenthalt zu verbieten und den Edelleuten das Halten derselben zu untersagen. Lange kann die Verbannung nicht gedauert haben. Am Dienstag nach Trinitatis 1531 verordnet er, „daß wir allen vnd jeden Juden, so In vnserm Fürstenthumb Landen vnd Gepieten seßhasstigt vffs new Sechs Jare lang nach dato dieß briefs sich anfahende viither nus zuenthalten. Jrer notturfft nach, hyn und Widder zwrysen, zwhandeln, zwwabern, vnd Zuwandern, genediglich gegönth vnd zngelassen haben. Thün das hiemit In crafft dieß briefs also, daß. sie fridlich vnther uns wonen, vnd sie niemandts Widder recht beleidigen sollen, darauff hiemit allen vnd jeden unseren Anptleuthen beulcheude, ob Inen zu halten, vnd vor Gewalt zw schützen, mitt dem gedinge, das sie sich Wuchers enthalten, vnd vnsere vuterthane Jmselbigen, mit Unziemlichen Contracten und gedingen mit beschweren sollen. Wer es darüber einer oder

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