Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 16 Dl*a BIOCll*S Jahr-««-!!!!! Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wim, 20. AM 1906. LrscLeLnt jeden FreLtag. Brief-Adresse: Höllen, IX/1, Lerggasse 39. Telegramni-Adreffe: Wlocb's HAocLenscbrttt. Mlien. a-& V. k. Pvjlsparkaffen-Amt Slearlng-Verkebr Mr. Sw.976. Ardsklion und IUdmInistrstion: K>itn IX/l, Werggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847. «---« S-« Bejufliapcei« für Vrstrrrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Äür's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzeile 24 Heller. *-* Inhalt: Leitartikel: Unsere Reichen — I ahrmarkt des Lebens: Der Kampf um einen Toten. Jean Bodin als Argument gegen die Täuflinge. Der Islam und die Juden. Die Musik im Alten Testament. Jüdische Offiziere in Frankreich. Ein jüdischer Held zu Zeiten Napoleons III. Der Grobherzog von Hessen und Heinrich Heine. Eine Zeichnung der Lueger-Partei. Zu viel verlangt. Christen und Juden in Marokko. Ein historischer Fund. — Die „Palmenstadtin Bibel und Talmud. — Korrespondenzen: Delegiertenversammlung der Kultus- und politischen Jsraelitengemeinden Mährens. Reichenberg. Der U. O. B. B. und Witte. Die Hungersnot in Marokko. — Vermischtes: Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien. Wien. Eine Stunde im Israelitischen Versorgungshause. Frau Jda Barber. I. Wiener Jüdischer Turnverein. Privat-Schule für Religions-Unterricht deS Vereines „Adas» Iisroel“. Talmud-Thora-Verein für die westlichen Bezirke Wiens. Gr.-Meseritsch, Falkenau a. E., Troppau, Györ, Abazzia. Orden der Söhne Benjamins. — Feuilleton: Der Killetyrann. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Unsere Kelchen. Die russische Regierung ist wieder mit dem Hute in der Hand bei Europa gewesen. Sie ist in Feiertagskleidern gekommen. Die Verfassung war modernisiert worden, sie stützte sich auf einige schöne Erlässe und die Judenfreundlichkeit war breit gefaltet. Was man nicht schon Judenfreundlichkeit nennt, wenn man an Meuchelmorde gewöhnt ist! Jungfrau Europa war denn auch nicht spröde gegen den nordischen Elegant und entließ ihn mit klingenden Beweisen ihres Wohlwollens. Rußland hat die Millionen bekommen, von denen es einen großen Teil für die Besoldung der geheimen Polizei, für die Beköstigung seiner zahllosen Sträflinge, für den Kampf gegen seine Freiheitshelden und für die Diebstähle seiner Beamten braucht. So ist es denn wahr, daß unser Geschlecht nur mehr würdig ist des Massenselbstmordes, daß alle Ideale Trugbilder, daß das Geld, dieser in Metall geprägte Egoismus, mörderischer gegen das Menschentum ist, als alle Waffen gegen die Menschen. Es ist keine Uebertreibung, zu sagen, daß Kennans Schilderungen aus den russischen Gefängnissen in Europa und Sibirien bei Millionen Lesern wirkliche Tränen des Mitleids und der Empörung hervorgerufen haben. Die „Memoiren aus einem Totenhaus", diese Beschreibung eines russischen Bagnos, erfüllen jeden mit Melancholie. Aber wozu Bücher über die Vergangenheit, wo uns doch jeder Tag eine schreiende Grausamkeit der russischen Henker gegen ihre Edelsten und Besten zuträgt. Zwischen dem Massenmord an hilfesuchenden Arbeitern an jenem denkwürdigen Tage des Jänners und der Hinrichtung des Leutnants Schmidt liegt ein Meer von Blut und Tränen, auf welchem das russische Staatsschiff hinsteuert als ein traumhaftes Gespensterschiff im Jahrhundert der blühendsten Kultur. Wir bescheidenen Juden maßen uns nun keineswegs an, die Schulmeister von Europa spielen zu wollen und dem Willen der französischen und englischen Rentenkäufer die Grundsätze des Menschenrechtes zu predigen. Wir haben weder die Absicht noch die Macht, ihnen zu sagen, daß sie in dem grandiosen Duell zwischen Tyrannei und Freiheit doch nicht der Tyrannei zu Hilfe eilen sollen. Darüber haben wir erst kürzlich Maxim Gorkis flammenden Aufruf gebracht, monumentale Worte, die wie auf Erz geschrieben sind. Mag jeder Ehrenmann das Seinige daraus nehmen. Aber wir erheben mit Macht unsere Stimme zu feierlichem Einspruch gegen eine unglaubliche Tatsache, gegen ein schweres Vergehen im Judentum, das unseren aufrechten Stolz vor den Völkern vernichtet. Der Erzfeind der Juden, der fluchwürdige Mörder unserer Brüder, der das Kind im Mutterleibs nicht schonte, der Juden zu Hunderten hohnlachend von den Trümmern ihres Besitzes trieb, hat um schnöden Vorteiles willen, ehe noch die Leichen unserer vielen hundert Märtyrer vom November ganz vermodert waren, von Juden Geld bekommen, von Juden, welche hohe Ehren unter uns genießen. Eine Vereinigung österreichischer Banken hat durch jüdische Vermittlung der russischen Regierung Geld geliehen. Hier versagt der kritische Ausdruck. Geben wir zuerst dem Verteidiger das Wort: Man könnte doch glauben, daß die russische Regierung aus Dankbarkeit den Juden einige Gerechtigkeit großmütig schenken werde, wenn sie von ausländischen Juden unterstützt wird. Hat nicht Witte erst letzthin zugunsten der Juden herumdepeschiert, daß alle Telegraphensäulen im heiligen ruffischen Reiche erklangen? So kann ein Dienstmädchen sprechen, das dem dritten Heiratsschwindler aufsitzt, trotzdem sie zum driltenmale dieselben hohlen Redensarten genießt. Erst Depeschen, dann Anleihe, dann die alte Unterdrückung waren immer die Stationen der russischen Regierung bei der Fahrt auf den Geldmarkt. Gerade der Zeitpunkt der Depeschen am Vorabend des Pumpes sagt schon einem Kinde genug. Und weiters — wozu Depeschen in einem noch immer autokratischen Lande, wo ein Ukas den Ansiedlungsrayou aufhebt, die wütendsten antisemitischen Blätter unterdrückt und die gefährlichsten judenfeindlichen Hetzer einsperrt? Es ist nicht varan zu denken, daß die Regierung oder die Duma irgend eine günstige Aenderung Vorhaben. Kaum waren die Bevollmächtigten des Finanzministeriums zu Hause, lauteten dann auch die Depeschen ganz anders, als man's vor Tische gelesen hatte. Die Judenfrage wird in der Duma gar nicht zur Sprache kommen, weil weder die Regierung noch die Parteien es wollen. Die Vorgäbe der klugen Finanzleute, daß sie die russische Schaumschlägern ernst nehmen, ist also