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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 238 Dr. tölocb’s MocbenscbrLkt Nr. 15 Wenn sich die Polen wirklich assimilieren wollen, warum haben sie mit den national - antisemitischen Konsumvereinen, den kolka rolnice, den Totschläger gegen den jüdischen Kanfmannsstand in die Hand genommen? Sie stellen nirgends bei der Landesregierung jüdische Beamte an, sie verdrängen die wenigen jüdischen Lehrer, sie gehen dem jüdischen Unterrichte zu Leibe, sie haben die jüdischen Salzhändler und Branntweinbrenner erbarmungslos ruiniert. Wenn die Polen Lust zur Assimilation hätten, so hätten ja sie und nicht die Juden Vereine zu diesem Zwecke. gegründet und die Juden hätten es dann nicht nötig, um Liebe zu betteln. Die Herren Zirkularschreiber scheinen noch nie etwas davon gehört zu haben, daß Liebe durch Widerstand und nicht durch Nachlaufen geweckt und gestärkt wird. Die Juden Galiziens haben es mit ihrem Besitz an Steuerkraft, Kopfzahl und Intelligenz nicht nötig, wie eine schmutzige Dirne durch Liebe lästig zu sein und verachtet zu werden, wie es das Zirkular verlangt Ein zorniger Griff soll aber seinen Urhebern diese Maske vom Gesichte reißen. Den Herren von der Schlachta iväre es im gegebenen Momente sehr angenehm, die jüdischen Wählerstimmen sicher zu haben und deshalb fließen auch derzeit ihre Reden über die Juden von Milch und Honig. Wie sie nach der Wahl sein dürften, zeigen auch dem stumpfen Denker unzweifelhafte Fingerzeige. Derzeit aber haben sie ihre politischen Hochzeitslader ausgeschickt und diese singen nun vor jeder jüdischen Türe ihren falschen Spruch, ohne jede Rücksicht auf die Eingeladeuen nud nur voll Begier, daß sie ihr Mandat als Lohn bekommen. Die Juden aber gehen nicht mehr in die Laube, denn sie sind durch Schaden klug geworden. Sie haben in ihrer Not keinen Sinn mehr für politische Spielereien und keine Lust, Gliederpuppen ins Parlament zu schicken, die von anderen bewegt werden, zahme Wortklauber, die voll Rücksichten sind auf ihre politischen Vorgesetzten, wie es bis jetzt immer der Fall war. Der alte Edelmann Gniewosz hat ausgesprochen, wer angesichts der großen Not in die Arena treten muß: Starke, tapfere und vor allem unabhängige Männer, welche ihren Geist von dem alten Schwindel befreit haben, daß wir Juden ohne die Hilfe anderer Nationen nicht kämpfen können, obwohl wir tatsächlich diese Hilfe in Wirklichkeit nirgends finden und nur für ihren leeren Schein schwere Opfer bringen. Wir anderthalb Millionen Menscken sind eine junge, aber durchaus nicht schwache Macht. Wir brauchen uns vor unserer eigenen Stimme nicht zu fürchten. Erheben wir sie nur, wie all die anderen kleinen Völkerschaften Oesterreichs, denen es darum alles eher als schlechter geht. Dazu aber haben wir politische Führer nötig, bewährte Leute mit guten Fähigkeiten, nicht politische Küster, die Bittprozessioueu zusammenstellen. Diese Sprecher vor der Oeffentlichkeit werden eine gar schwere Aufgabe haben, für die wir mit aller Kraft gewappnet sein müssen. Ein unendlicher Heerbann der Klerikalen und verwandter Antisemiten wartet im ganzen Reich auf den Ruf zum Kampfe und sie werden ihre Vertreter ganz gewiß in geschlossenen Haufen in das Haus auf dem Franzensring schicken. Mau kann es daran erkennen, daß die Gegner aller Freiheit, die Christlich-Sozialen, leidenschaftliche Anhänger der Wahlreform sind. Gehässige Feindseligkeit wird sich von allen Seiten gegen die Juden erheben. Stellen wir ihr Männlichkeit, stellen wir ihr Kraft entgegen! Freie Männer, die sich von sonst nichts leiten lassen als von Dienstfertigkeit gegen das Judentum, die keine andere Leidenschaft haben als Liebe zu ihrem Stamme sollen der hundertköpfigen Hydra gegenübertreten, die giftig gegen uns züngelt. Lassen wir uns nicht irreführen und ableuken, seien wir fleißige Schüler der Lehrmeisterin Zeit und humpeln wir der allgemeinen Entwicklung nicht mit selbstverschuldetem Jammern nach. Auf Jahre hinaus ist jetzt unser Schicksal zu gestalten. Wir müssen überall darauf achten, daß nur das Gute, daß das Zweckmäßige geschehe. Und wir sollten endlich das gemeinsame Feld finden, auf dem sich alle ehrlichen Parteien znsammenschließen zu einer großjüdischen, einer nur jüdischen Politik. Jeder Einzelne sei sich seiner Pflicht bewußt. Aller Streit muß jetzt zurück. Idealisten und Egoisten winkt dasselbe Ziel, der Fortschritt des Judentums. Sie müssen in einer kritischen Zeit die richtige Antwort finden. Leben oder vegetieren — das ist jetzt die Frage. I. U p r i m n y. „Gebt der russischen Regierung kein Geld!" Von Maxim Gorki. „Sobald eine Regierung das Vertrauen des Volkes verloren hat, hört sie auf, Regierung zu sein, und sinkt zu einer nur über die Staatsgewalt verfügenden politischen Koterie hinab. Die gegenwärtige russische Regierung ist nur noch solch eine politische Koterie, die jede moralische Verbindung mit dem russischen Volke verloren, ja, dem russischen Volke direkt feindlich gegenübersteht. Das muß allen klar sein, die Land und Leute in Rußland kennen. Durch schwere und bittere Erfahrungen hat sich endlich das russische Volk überzeugt, daß die Regierung das Land unabweichbar dem Ruin zuführt. Es hat sich gegen die politische Vernichtung Rußlands und gegen eine unsinnige Abenteurerpolitik erhoben; es fordert eine gesetzliche Verantwortlichkeit derjenigen, die sein Schicksal leiten. Dem Andrange des Volksprvtestes nicht standhaltend, kam die Regierung seinem Willen nach und versprach Rußland eine Konstitution, um es auf den breiten Weg der freien Entwicklung der geistigen Kräfte des Volkes, auf den Weg des ökonomischen Fortschrittes zu stellen. Kaum aber hatte sie den Mangel an Organisation und Disziplin in den Volksmassen wahrgenommen, so bemühte sie sich, die verlorene Macht mit Hilfe ihres polizeilichen Verwaltungsapparates wieder zu gewinnen. Wie das bewerkstelligt wurde, lehrt folgende Statistik Vom 17. Oktober bis heute wurden durch Urteile der Kriegsgerichte 397 Personen hingerichtet, 18.000 verhaftet und nach Sibirien verschickt, 79 Zeitungen in der Provinz und 57 in den Hauptstädten unterdrückt. Wie viele Menschen überhaupt während dieser Zeit erschossen wurden, ist schwer zu sagen. Man kann die Zahl der Opfer nach Zehntausenden schätzen. Diese barbarischen Willkürhandluugen haben die Kluft zwischen dem Volke und der Partei der Vergewaltiger nur erweitert, die revolutionäre Stimmung im Volke nur noch erhöht; auch die Hungersnot in 22 Gouvernements hat viel zur Verbitterung des Volkes gegen die Regierung beigetragen. Aber immer mehr entwickelt sich in den Massen das Bewußtsein ihrer Lage. In den Bauern- und Arbeitermassen bilden sich Organisationen. Die Stärke der Regierung liegt ausschließlich in der Armee. Aber auch diese ist bereits stark erschüttert, und die Spuren ihrer inneren Desorganisation werden von Tag zu Tag deutlicher. Der Soldat kann sich nicht ruhig seinem Vorgesetzten unterordnen, so bald er weiß, daß in seinem Heimatsdorf Vater und Mutter Hungers sterben, daß sie beim geringsten Versuch, zu protestieren, von ebenso eingeschüchterten grauen Menschen, wie er selbst einer ist, mit Nagaiken zerfleischt oder niedergesäbelt werden, sobald er weiß, daß die Heere aus der Mandschurei entwaffnet sind und unter Bewachung in ihre Heimat zurückkehren. Die Koterie, die sich „russische Negierung" nennt, kann sich trotzdem noch auf die Armee stützen, sie hat indessen bereits kein Geld mehr, um den allgemeinen Kampf gegen das Volk weiterzuführen. Sie wendet sich daher von neuem an Europa. Europa dagegen sagt: „Vor allem will ich bei euch Ordnung sehen, dann gebe ich euch Geld." Und unter dem Druck der Notwendigkeit, Geld zu erhalten, inszeniert die russische Regierung die Komödie einer Volksvertretung.

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