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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-23 · 12 (23.3.1906) · page 21

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Nr. 12 Dr. Llocb's Mocbenscbritt Seite 201 Feuilleton. Alino« nndl Israel. Von Hans An d reas. L o n d o n, im März. Bekanntlich findet es nicht immer Wiederhall, wenn wir von den Engländern als unseren Vettern reden. Es gibt Leute unter ihnen, die sich der Autochthonenwürde näher fühlen, indem sie sich als reine Nachkommen der lange vor der angelsächsischen Einwanderung ansässigen keltischen Briten betrachten. Gegenwärtig wirkt der Eifer für die Freundschaft mit dem keltischen Frankreich in derselben Richtung und man kann in darauf bezüglichen Herzensergüssen nicht selten den Hinweis finden, daß auf englischem Boden der dunkle Typus immer häufiger, der blonde dagegen immer seltener werde — was dann als Beweis dafür angesprochen wird, daß die keltische Urbevölkerung die germanischen Elemente immer mehr absorbiere! Andere ethnologische Phantasien gesellen sich oft hinzu. So war ich unlängst Zeuge, wie einige recht hochgebildete Engländer den Ausführungen eines russischen Journalisten andächtig lauschten, der ihnen zuredete: Slaven und Kelten seien einander sehr nahe verwandt und beiden sei eine natürliche Abneigung gegen die Germanen eigen. Daher habe nicht nur das französisch-russische Bündnis einen tiefen Grund im Wesen dieser Völker, sondern — da die Engländer eigentlich auch Kelten seien — müsse seine Erweiterung zu einem englischfranzösisch-russischen Bündnis als natürliches Entwicklungsziel betrachtet werden! Oft auch stehen solche Phantasien nicht in politischen, sondern in religiösen Diensten, oder richtiger, in beiden zugleich. Der Engländer räumt dem Alten Testamente eine viel hervorragendere Stellung ein, als es der deutsche Christ in der Regel tut. Er hat eine natürliche Vorliebe für ein auserwähltes Volk Gottes, als dessen modernen Repräsentanten er sich gern betrachten würde. Tatsächlich haben sich Leute gefunden, die sich allen Ernstes bemühen, eine Abstammung des englischen Volkes von einem der verlorengegangenen Stämme Israels glaubhaft zu machen. Nun leidet ja das Gesamtbild der englischen Nation gewiß nicht darunter, daß es in seiner Mitte keinen Antisemitismus gibt, der von solchen Gedankengängen abschrecken könnte. Gestalten wie die eines Grafen Pückler wird man dort nicht ungern vermissen, und andererseits sollte das Beispiel Englands — ich meine: die Haltung der englischen Juden im öffentlichen und privaten Leben — unseren Antisemiten die Frage recht nahelegen, ob nicht die Eigenschaften, die sie den Juden bei uns nachsagen, in erster Linie als das Produkt ihrer eigenen Hetzereien anzusehen wären. Aber freilich : durch etymologische und ethnologische Kunststückchen nach dem Vorrecht jüdischer Abstammung zu haschen, wie es die Anhänger des Anglo-Jsraelismus tun — das ist wohl nicht unsere Sache. Amüsant jedoch ist es in hohem Grade, gelegentlich solchen geistigen Akrobatenstückchen zuzusehen, und ein Beispiel dieser Art, das sich mir bei einer Wanderung durch malerische südenglische Landschaften kürzlich darbot, ist in seiner Art so köstlich, daß es verdient, weitererzählt zu werden. Kaum irgendwo sind die Schichtungen historischer Erinnerungen bis in die vorgeschichtliche Zeit hinein so reichhaltig und vollständig vertreten wie in Südengland. Wem der Sinn für diese Dinge nicht vollständig verschlossen ist, der kann hier nicht umhin, sich mit ihnen zu beschäftigen, Md so entwickelt sich in den verschiedensten Volkskreisen ein liebenswürdiger Dilettantismus, der es oft zu ansehnlichen Leistungen und Ergebnissen bringt, die auch von der Wissenschaft angenommen werden, oft freilich auch sich ganz in abenteuerlichen Spekulationen verliert. Ich war unversehens in ein solches Dorf geraten, wo jedes Bauwerk und jeder Stein von vergangenen Zeiten zu reden schien, ohne einen Bädeker in der Tasche zu haben, der mich über alle die in mir aufsteigenden Fragen hätte aufklären können. Daher beschloß ich, mich an den Geistlichen zu wenden, und fragte einen der Arbeiter, die auf den ausgedehnten Erdbeeräckern ringsum das Land bestellten, nach der Wohnung des Rektors. Der machte ein pfiffiges Gesicht und sagte: „Ja, wohnen tut er dort. Aber wenn Sie ihn zu Hause finden wollen, dürfen Sie nicht im Sommer kommen, da ist er meist verreist. Die Arbeit besorgt sein Hilfsvikar. Wenn Sie den sprechen wollen, er wohnt hier gerade aus im ersten Häuschen links." Es war offenbar ein Dissenter, der hier seiner Mißachtung von dem Rektor der Landeskirche Luft machte. Ich fand den jungen Geistlichen in seinem kleinen Gärtchen: ein priesterliches, glattrasiertes, schmales Gesicht mit langem, schwarzem Haupthaar. In den Dingen, über die ich orientiert sein wollte, war er gut bewandert und gab mit Freude Auskunft. Als ich ihm die Hand zum Dank und Abschied reichte, hielt er die seine zurück, als wollte er noch etwas hinzusügen, zögerte aber noch einen Augenblick, bevor er sagte: „Ja, das ist ja alles ganz intereffant. Wie werden Sie aber staunen, wenn Sie hören, daß auf diesem Boden Männer gestanden haben, die Moses im Fleisch von Angesicht zu Angesicht schauten?" Ich machte große Augen und sah ihn an. Er zögerte wieder einen Augenblick und fuhr dann fort: „Ihnen kann ich's ja sagen. Hier rede ich sonst keinem mehr davon, denn sie sagen doch schon alle, ich sei"-er tippte an seine Stirne -„Aber die Denker Ihres deutschen Volkes stehen in dem Rufe, alles vorurteilslos zu erwägen." Augenscheinlich sammelte er seine Gedanken. Endlich begann er: „Sie kennen natürlich die Geschichte des Stammes Dan im Alten Testament?" Englische Bibelfestigkeit bringt mich oft in Verlegenheit. Er bemerkte sie und fiel schnell ein: „Nun also: der Stamm Dan zählte in der Wüste 62.000 Seelen. Dann aber verschwindet er Plötzlich; die Genealogien der Bücher Chronik« wissen schon nichts mehr von ihm. Wohin war er verschwunden? Ueber die Antwort kann kein Zweifel sein; ein Stamm, der an der Küste ansässig war und eine Hafenstadt wie Jaffa, besaß, war natürlich ein Volk von Seefahrern. Ohne Zweifel hat sich Dan den benachbarten Phöniziern auf ihren Fahrten angeschlossen, ist ausgewandert, hat Kolonien gegründet. Es kommt nun darauf an, ihn wiederzufinden. Schade, daß Mr. Gladstone nicht etwas länger gelebt hat; ihn interesfirte die Frage, und er hätte uns wohl noch mehr darüber gesagt -Sie kennen doch unseren großen Mr. Gladstone?" unterbrach er, offenbar argwöhnisch geworden infolge meiner biblischen Unwissenheit. Durch mein eifriges Kopfnicken beruhigt, fuhr er fort: „Er hat den Stamm Dan im Homer wiedergefunden und festgestellt, daß der Name „Danaer" darin 147mal vorkommt. Die Identität zwischen diesen beiden Seevölkern liegt ja auf der Hand. Auch wo wir die wichtigsten Kolonien Dans zu suchen haben, wissen wir. Denken Sie doch nur an das ge» graphische Gebiet, zu dem die folgenden Namen gehören: Donau (lat. Danuvius), Don, Dniepr, Dniestr, Dardanellen. In all diesen Wörtern finden Sie die Stammsilbe Dan wieder, wenn auch in modifizierter Gestalt. Hier lag das große Reich, welches Dan gegründet hatte!" „Und von hier aus", fuhr er, tief Atem schöpfend, fort, „schlage ich nun die Brücke herüber in unser Land. Daß die Phönizier Britannien besuchten und sich in die Nordsee wagten, wiffen Sie. Daß aber der Stamm Dan sie auch hierher begleitete, ist ebenfalls leicht zu erweisen, denn das Vorkommen seines Namens klärt uns darüber auf. Denken Sie nur an den alten Namen unseres Devonshire (Dannonia), denken Sie an das Wort Dänemark, denken Sie an Ihre deutsche Seestadt Danzig. Hier haben Sie die ganze Reiseroute, die der Stamm Dan im Geleite der Phönizier verfolgte!" „Ja, Sie lächeln", warf er ein, obwohl ich hoffte, keine Miene verlogen zu haben, „aber ich habe noch ganz andere Gründe ins Feld zu führen. Was wollen Sie dazu sagen,

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