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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-03-16 · 11 (16.3.1906) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 17)
Language
German
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■m ET Nr. ii Dr. Bwcll's Wochenjarrifr. L^"e 17? dem Großvater, welcher sich schön in der sechsten Morgenstunde der Bürde entledigt wissen wollte, einen Stuhl an. Nach kurzer Zeit erschien die Hünengestalt des Priors im Ordensgewande. „Gott grüße dich, Markus, du bist brav, sehr brav," sagte er, nahm den Großvater bei der Hand und führte ihn in ein freundliches, kanzleimäßig eingerichtetes Zimmer. Nachdem beide an einem Schreibtische Platz genommen hatten, entnahm der Großvater das Päckchen einem Tuche, legte es vor den Prior, welcher an den eigentümlichen Knüpfen erkannte, daß nichts daran unternommen ward, und schob es bei Seite. Sodann legte der Großvater eine Rechnung über die erlösten Beträge vor und zählte das Geld dem Prior zu; dieser nahm davon mehrere Noten, gab sie dem Großvater, der sie dankend nahm. Der Prior öffnete die Tür und läutete; einem herbeigeeilten Klosterbruder befahl er, „bringen Sie gesottene Eier, Brot und eine Maß Bier, „etwas anderes kannst du ja nicht genießen," sagte er zum Großvater gewendet, „aber du warst krank, du bist ja grau geworden, Markus, von was denn?" „Vom Schrecken," sagte der Großvater. „Worüber bist du denn so erschrocken?" „lieber die Monstranzen." „Was waren es für Monstranzen, um Christi willen?" „Welche Sie mir aufzuheben gegeben hatten." „Ich werde doch dir keine Monstranzen aufzubewahren geben; wie kamst du auf diesen Gedanken?" „Nu, was ist denn in dem Päckchen?" Der Prior nahm ein Messer aus der Tasche, zog das Päckchen hervor, und nicht ohne Anstrengung durchschnitt er die Verschnürung, entfaltete die Lederhülle, unter welcher noch eine zweite mit mehreren Petschaften versiegelte Papierhülle war; in dieser befand sich eine große Anzahl sorgfältig geschlichteter Rollen; eine von diesen nahm der Prior und durchriß sie, es entfielen ihr etwa 9 bis 10 Souvercigns. Erleichtert atmete der Großvater auf: „Aber der Herr Prior sagten doch, es ist ein hohes Heiligtum, es ist geweiht, und auch ich soll es nicht entweihen, wie kann denn Geld so sehr heilig sein?" „Wie, waren denn diese Schekel, welche die Israeliten dem Mosis zum Baue der Stiftshütte brachten, waren diese nicht auch heilig? Nicht auch geweiht? So ist auch dieses Geld, damit wird eine Kirche gebaut, dort werden Messen gelesen werden und Seelen aus dem Fegefeuer befreit. Hätte ich nicht so gehandelt, man hätte für das Geld Gewehre für das Militär angeschafft." „Warum hat denn der Herr Prior das Päckchen nicht dem Herrn Pfarrer von Scharatitz oder dem Herrn Dechant in Ujezd übergeben?" „Du kennst unsere Ordensregeln nicht, dann haben diese Herren bei so schwerer Zeit zu viel Sorge und Kummer um ihre Angelegenheiten, alles aber geschah mit ihrem Einverständnisse; der Herr Pfarrer von Scharatitz hat den anderen Teil dieser Schnur und der Herr Dechant den restlichen Teil dieses Leders, und da wir alle zu dir das größte Vertrauen haben, einigten wir uns auf dich. Es tut mir leid, daß du so viel gelitten hast — da hast du für den Schrecken," mit diesen Worten schob er die der Rolle entfallenen Souvereigns dem Großvater zu. Aber nicht der Besitz des funkelnden Goldes erfreute den Großvater so sehr, als des quälenden Gedankens ledig zu fein, einen Geresch verschuldet zu haben. Nachdem der Großvater von dem, was der Klosterbruder brachte, genossen hatte, verabschiedeten sich beide auf Nimmerwiedersehen. Der Großvater trat die Heimreise an, doch auch über dieser schwebte ein gewisses Verhängnis, wovon mir nur so viel bekannt ist, daß er -ie ganze Nacht vor Sechor Beriß zu Fuß gehen mußte, denn er wollte-um keinen Preis diese nächtlichen Andachtsstunden vor dem Neujahrsrüsttage versäumen, und in dem Momente in die Judengasse trat, als der Tempeldiener die Gläubigen zu diesem Gebete weckte. Es war schon Licht in seinem Hause, denn auch die Großmutter wollte bei diesem Gebete nicht fehlen. Eiligst nahm er das neuerworbene Machsor, ging damit in die Synagoge, um zu beten. Bei jener Stelle angelangt, wo man betet: „Möge es Dir wohlgefällig sein, daß dieses kommende Jahr das Ende der Bedrückung und der Unterjochung Deines Volkes Israels sei, denke doch unser, die wir um Deines heiligen Namens willen täglich hingeschlachtet werden, sei doch eingedenk des so vielen vergossenen unschuldigen Blutes der Väter und der Kinder, der Mütter und der Säuglinge, der Brüder und der Schwestern, der Greise und der Greisinnen" u. s. f., entquoll seinem Munde ein Blutstrom, welcher dieses Blatt auch mit seinem Blute färbte. Ich besitze noch diese mir teuere Reliquie samt allen deutlich kenntlichen Spuren. Infolge der in der letzten Zeit durchgemachten Ueberanstrengungen war ihm ein Blutgefäß geborsten, welches aber glücklicherweise unbedeutend war. Der Großvater erholte sich bald und alles erfreute sich der überstandenen Gefahren. Vor Beginn des Abendgebetes des Neujahrstages schrieb er unterhalb dieser Blutspuren zur dauernden Erinnerung an diese Begebenheiten die Worte: „Liuull al seh", „Denket darüber". Es folgte ein freudiges und fröhliches Neujahr und viele freudige und ungetrübte Jahre. Nach den Feiertagen des Laubhüttenfestes schickte man sich an, dieses viele getrocknete Obst zu verkaufen, da aber damals in unserer Gegend selbst viele Obstkulturen waren, woran noch das heute bestehende herrschaftliche Darrhaus „die suÄrua" erinnert, konnte man nur einiges davon an Mann bringen. Mein Vater, welcher einige Jahre nach dieser Begebenheit zur Welt kam, ging noch als sieben- bis achtjähriger Knabe, je nach seinem Belieben, in den Keller, entnahm Obst diesen Fäffern, welches er unter feinen Gespielen verteilte, es mußte aber von vorzüglicher Qualität gewesen sein, denn noch im hohen Alter, so ihm getrocknetes Obst besonders mundete, waren seine Worte: „Solch feines Obst habe ich seit dem vom Kloster zurückgebliebenen nicht genossen." Der Großvater starb in einem hohen Alter, satt an Jahren. An seinem Sterbebette standen vier Söhne und seine jüngste Tochter, welch letztere erst im letzten Dezennium in Baden bei Wien ins bessere Jenseits ging. Möge mit ihnen der Friede sein und uns ihr Andenken zum Segen. Kitrratnr. „Stunden der Andacht" von Fanny N e u d a Verlag von Jakob B. B r a n d e i s. Ein Werk, das die Lebensdauer eines halben Jahrhunderts erreicht hat, in dieser Zeit ununterbrochen einen starken Absatz fand und erst jüngst wieder in der zwanzigsten Auflage erschien — das ist wohl auf dem Büchermärkte keine häufige Erscheinung. Dieses freundliche Schicksal ist den „Stunden der Andacht" von Fanny Nenda zuteil geworden, und es bedeutet um so mehr, als das Buch, das für israelitische Frauen und Mädchen geschrieben ist. sich damit an ein zwar weite Kreise zählendes, aber doch begrenztes Publikum wendet. Das Geheimnis des seltenen Erfolges, welchen das Werk erlangt hat, besteht darin, daß sein religiöser Inhalt sich mit einer warm menschlichen und edel weiblichen Anschauung vereinigt, die über das konfessionelle Gebiet weit hinausreicht und in den Herzen der Frauen des Widerhalls sicher ist. Eine Frau fand hier die echtesten Laute dafür, was sie selbst im Glücke froh empfunden, was sie im Schmerze geduldet und erlitten, und wie sie in den Kämpfen des Lebens ihrem Herzen Harmonie schaffte. Die tiefe Wahrheit, mit der sie ihre Seele in diesen Gebeten und Betrachtungen sprechen läßt, die Phantasie, mit der sie sich in alle Schicksale und Empfindungen eines Weibes zu versetzen weiß, der Schwung und die Innigkeit ihrer poesievollen Sprache übten bei dem Erscheinen des Buches einen Eindruck, der alle Werke gleicher Art verdrängte und, wie die unaufhörlich folgenden neuen Auflagen dartun, noch jetzt nicht verschwunden ist. Ein katholischer Geistlicher schrieb» daß in diesen Herzensergüssen ungeachtet ihres konfessionellen Charakters Gedanken und Gefühle enthalten seien, welche jeder Andächtige, er gehöre welchem Glauben immer an, zu den seinen machen kann. In dem Vorworte der ersten Auflagen, das später aus unbekannten Ursachen wegblieb» künftig aber wieder seinen Platz in dem Buche finden wird, sagt die Autorin: „In meinem von den mannigfachsten Ereignissen reich durchwirkten Lebe» ward es mir gar oft zum unentbehrlichen mächtigen Bedürfniffe, mit dem erhabenen Weltgciste, der so hoch tront und so tief niederschaut, Zwiesprache zu pflegen, um bei ihm die Einsicht und

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