Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 122 Dr. Dlocb's Mlocbenscbrtkt. Nr. 6 Ebensowenig würde sein Name von der Erinnerung an die großen Finanzoperationen getrennt werden können, die nach dem Kriege von 1870 71 mit Hilfe des Verstorbenen durchgeführt worden sind. — Ein anderer jüdischer Name wird jetzt von den französischen Zeitungen anläßlich der Einweihung eines Denkmals für die Luftschiffer, vielfach genannt, die während der Belagerung von Paris per Ballon die Vermittlung der belagerten Stadt mit der Außenwelt unterhielten. Einer dieser kühnen Helden war Herr Reitlingen, ein geborener österreichischer Jude, der aber anfangs der Sechziger-Jahre nach Frankreich ausgewandert war. 1866 wurde er von Napoleon III. beauftragt, ein Buch über das gegenseitige Genossenschaftswesen zu schreiben. Reitlingen erledigte sich seines Auftrages so glänzend, daß Napoleon III. ihm die Grand-Naturalisation wegen dem Staate geleisteter Dienste verlieh. Während der Belagerung unternahm Reitlingen Ballonfahrten nach Wien und London, wobei das zerbrechliche Fahrzeug eines Tages in einen Wirbelwind geriet und herabstürzte. Selbst der „Figaro" kann nicht umhin, ehrend des Mannes zu erwähnen, „der, obgleich in Oesterreich geboren aus Liebe für das französische Wesen nach Frankreich übersiedelte und hier in Anbetracht seiner großen Verdienste um das Land naturalisiert wurde". Die Juden in Tunis. In der französischen Kammer ist eine Broschüre des Juden Mardoch Smadja aus Tunis als Unterlage der Forderungen der Juden in Tunis eingereicht worden. Das Protektorat Frankreichs ist bekanntlich 1881 proklamiert worden, und eine Judenkolonie, noch unter dem italienischen Regime unter dem Namen die „Livornesen" organisiert, bildete eine europäische Elite. Dagegen wurden die anderen Juden noch im Ghettostil behandelt. Sie zahlten keine Abgaben, wurden aber zu unentgeltlichen Diensten im öffentlichen Interesse gezwungen. Dieser haben sich die Livornesen angeuommen, so daß sie auch gute Schulbildung besitzen und sogar zu Studien als Arzt, Ingenieur usw. in Frankreich zugelaffen worden sind. Aber die Situation der Gesamtheit ist schlecht, sie stehen, was Personenstand, Eheschließung, Familie, Erbschaft u. a. anbetrifft, unter Ausnahmebestimmungen. Sie finden keinerlei Stütze in Paris, sie haben keinen Zutritt zu irgendwelcher öffentlichen Funktion, sie sind in sozialer Hinsicht nicht als gleichberechtigt anerkannt, und auch im Stadtrat haben sie mit Mühe einen Vertreter. Es kann eine Verstimmung über diese ungleiche Behandlung nicht ausbleiben bei denen, die darunter zu leiden haben. Ein gebildeter Mann kann weder feine Frau noch seine Kinder emanzipieren lassen, er kann selbst keine rechtsgiltigen Handelsgesellschaften gründen oder daran teilnehmen, alles durch die Gesetzgebung des Bey. Deshalb fordern jetzt die Livornesen und andere gebildete Juden, daß sie den französischen Gerichten überwiesen werden. Dadurch würde auch das Rabbinatsgericht eingehen, aber die mohammedanischen Höfe würden entlastet und hunderttausend Leute erhielten eine angemessene Rechtsprechung. Die Juden fordern ferner, daß sie sich naturalisieren lassen können. In Frankreich ist nun dieses selbstverständlich durch das Gesetz Cr^mieux, und es handelt sich darum, ob die Juden Untertanen der Republik sind oder nicht. Und das wäre nach den Ausführungen des genannten Buches sehr nötig, denn sie sind jetzt rechtlos, die muselmännischen Gerichte lassen ihren Eid nicht zu und die französischen Tribunale nicht einmal die Personen. Das Zeugnis eines Muselmannes ist ohneweiters geeignet, den jüdischen Verlecher um sein Geld zu bringen. Es liegt also im Interesse der Menschlichkeit und des Ansehens der Republik, daß diesem offenen Unrecht ein Ende gemacht wird. Wenn auch die Juden nicht das Bürgerrecht erhalten, so sollten sie doch nicht vor Unrecht schutzlos sein, sie tragen Lasten und Abgaben, sie sind ruhige Bürger, sie haben unter der italienischen Herrschaft bessere Behandlung gehabt und sie berufen sich lediglich auf das Gesetz vom 26. Februar 1899, das ihnen die Naturalisation zusagt, wenn sich Fremde (von Konfession ist nichts gesagt) drei Jahre auf französischem Boden ohne Anstoß aufgehalten. Gelegenheit, dem Staat zu dienen, haben sie nicht, obgleich sich viele z. B. für den Militärdienst in der Okkupationstruppe melden. Tiberias (Hoher Besuch.) Der frühere Ministerpräsident von Holland, Dr. Kuyper, hat kürzlich Palästina bereist und bei diesem Anlasse Tiberias besucht, wo er den Rabbiner und den Vorstand der jüdischen Gemeinde empfing. Er versicherte seinen Besuchern, daß er die Juden und das Judentum liebe und die hebräische Sprache hoch verehrt. Dabei rezitierte er einige Bibelstellen in der Ursprache und teilte die bis jetzt noch wenig bekannte Tatsache mit, daß die Königin von Holland bei einem Rabbiner hebräischen Unterricht genommen hatte. Dr. Kuyper, der auch einige jüdische Kolonien in Palästina besucht hat, fügt noch hinzu, daß er gerade in Odessa war, als die dortigen Judenkrawalle vor sich gingen. Nach seiner Rückkehr nach Holland will er zugunsten der russischen Juden im Parlament eine Rede halten. vermischtes. Bortrag aus jüdischer Geschichte. Donnerstag den 1. März a. c., präzise i/i8 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekten-Vereines, 1., Eschenbachgasse 9, ein Vortrag des Herrn Dr. D. Feuchtw a n g statt. Thema: Alt-jüdische Ethik und die sittlichen Forderungen der Gegenwart. Eintritt frei! Wien. Vor einiger Zeit konstituierte sich in Wien auf Anregung der Herren Rabbiner Dr. D. Feuchtwang und Abraham Epstein eine Gesellschaft zum Zwecke der Pflege der Wissenschaft. Literatur und Geschichte der semitischen Völker insbesondere des Judentums. Hauptaufgabe wird die Erstattung wissenschaftlicher Referate über neue Erscheinungen sein. Die erste, zahlreich besuchte Zusammenkunft hat am 14. d. M. siattgefunden. Die nächste ist für den 28. d. M. anberaumt. . . " Wien. (Verlobung.) Fräulein Marianne Cohn, Tochter des Kultusvorstehers und Präsidenten der Wiener Chewra-Kadischa", Herrn Salo Cohn, hat sich in Nizza mit Herrn Dr. Fritz Schick verlobt. Wien. (Verlobung.) Fräulein Maron Z erk o w i tz, Tochter des Fabrikanten Herrn Bernhard Z e r k o w i tz (Firma B rü d er Z er ko w i tz), hat sich mit Herrn Siegmund Günsberger, Miederfabrikanten (Firma Heinrich Günsberger & Sohn), verlobt. Wien (Trauung.) Sonntag den 25. Februar l. I. um 3 Uhr nachmittags findet im israelitischen Tempel, II., Tempelgasse, die Trauung des Fräulein Selma Schwarz, Tochter des Herrn Disponenten Isidor Schwarz, mit Herrn Julius Klar statt. Wien. Der Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien 1., WiPPlingerstraße 25, veranstaltet Samstag den 24. Februar1906, präzise halb 8 Uhr abends, im Saale des „Hotel Guth", 11., Stefaniestraße 14 eine Plenarversammlung. Wien. Der humanitäre Geselligkeits-Verein der „Boskowitzer" veranstaltet Samstag den 3. März 1906 im Festsaale des „Hotel Continental", II., Taborstraße 6 ein Kostüm- Kränzchen (ohne Kostümzwang). Ballmusik: K. u. k. Militärkapelle König Karol v. Rumänien Nr. 6. Beginn 9 Uhr. Generalversammlung des Kranken-Unterstützungs- und Humanitäts - Vereines „Gomle Chesed" (Wohltätigkeit aus Pietät), Wien, IX., Türkeustrase 8. Am verflossenen Sonntag fand im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde die diesjährige vierzigste Generalversammlung des Kranken-Unterstützungs- und Humanitätsvereines „Gomle Chesed" (Wohltätigkeit aus Pietät) bei überaus reger Beteiligung der Vereinsmitglieder statt. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Obmann Herrn M. B aum warf dieser zunächst einen kurzen Rückblick auf die Geschichte dieses humanitären Vereines, der seit nunmehr vier Dezennien in der segensreichsten Weise wirkt, und hob hiebei