Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 104 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 7 Luzatti ist enorm reich; Hunderte armer Juden haben durch seine persönlichen und politischen Beziehungen einflußreiche Stellungen errungen. Gleichfalls von bedeutenden! Einflüsse ist Senator Malvano, der Staatssekretär der Consulta. Mit großer Energie vertritt er die Interessen der Juden; seiner Fürsprache dankte so Mancher Amt und Würden Malvano war seit Jahren die rechte Hand des Minister-Präsidenten und dürfte sich auch unter Sonnino behaupten. Der Bau des neuen Tempels in Rom, der wohl eine Million Lire gekostet, ist hauptsächlich seiner Initiative zuzuschreiben. König Umberto selbst war bei der Einweihung zugegen. In Neapel haben es einige Juden, Advokaten, Aerzte, zu angesehenen Stellungen gebracht; an der Universität studieren viele russische Juden; fie haben sich schnell die Landessprache angeeignet, gedenken nach absolviertem Studium im Lande zu verbleiben; auch drei Damen, die den Massakres in Moskau entflohen, sind hier als Studentinnen der Medizin immatrikuliert. Ich erinnere mich, infolge eines Artikels, den ich vor fünf Jahren über die günstigen Verhältnisse der in Florenz lebenden Juden veröffentlichte, den Besuch einiger russischer Juden erhalten zu haben, die eine Ueberfiedlung ihrer in Südrußland hart bedrängten Glaubensbrüder bewerkstelligen wollten. Ob es geschehen, weiß ich nicht; aber jetzt, wo die Verhältnisse in Rußland ganz unleidliche geworden, zu Raub und Todschlag geführt haben, scheint mir ein Hinweis auf das schöne Italien, in dem Jeder nach seiner Fa^on selig werden kann und dem Juden die höchsten Ehrenämter zugänglich sind, am Platze. Der arme, aber erwerbstüchtige Jude wird in Italien fruchtbaren Boden für seine Unternehmungen finden, dem wohlhabenden Juden sind bei persönlicher Tüchtigkeit selbst die höchsten Staatsstellungen zugänglich, von Klassen- und Rassenhaß weiß man hier nichts, schätzt den Menschen nach seinem individuellen Werte, seinen Kenntnissen und Leistungen; erst unlängst wurde in Pisa ein Jude einstimmig zum Bürgermeister-gewählt. Die römischen Juden — man zählt deren ungefähr 8000 — tun viel für ihre armen Glaubensgenossen. Schulen, Waisenhäuser, Hospitäler werden mit namhaften Beiträgen unterstützt. In Neapel ist das Andenken des Baron Adolfo von Rothschild, der 250.000 Lire für den Bau eines Waisenhauses und Spitales gespendet, unvergessen. Die hiesige jüdische Gemeinde zählt kaum 1000 Mitglieder; aber für wie viele, die sich der Segnungen eines schönen von der Natur in seltener Weise begnadeten, fruchtbaren, an Industrien reichen Landes erfreuen wollten, wäre hier Raum! Neapel im Februar 1906. Jda B a r b e r. Schreiben des englischen Kolonialministers an den Präsidenten der Jto, Mr. Zangwill. D o w n i n g st r e e t, den 26. Jänner 1906. Geehrter Herr: Lord Elgin ersucht mich, auf Ihren Brief vom 23. d. M. folgende Antwort zu geben: Er empfindet tiefe Sympathie mit dem Volke Ihrer Raffe in seinem jüngsten Unglücke und versteht vollständig seinen Wunsch, ein Land zu besiedeln, in dem es Sicherheit und Freiheit genießen könnte, und er wäre glücklich, wenn es sich als möglich erweisen sollte, irgend einen unbesetzten oder unentwickelten Teil des Britischen Reiches ausfindig zu machen, wo, wie Sie es wünschen, eine jüdische Ansiedlung mit guten Aussichten auf Erfolg geschaffen werden könnte. Lord Elgin unterschätzt nicht die Schwierigkeiten verschiedener Art, die der Realisierung dieser edlen Bestrebung im Wege stehen; er wird jedoch seine sorgfältigste und sympathischste Aufmerksamkeit jedem Plan schenken, der ihm vorgelegt werden wird. Ich verbleibe Ihr ergebener Bernard Holland. Massenversammlung in Washington. Washington. Im Belasco-Theater fand am 31. Jänner abends unter riesigem Andrang des Publikums eine Massenversammlung statt, um gegen die während der allerjüngsten Zeit und noch jetzt in Rußland verübten Greuelaten zu protestieren. Kongreß-Repräsentant Sulzer aus New-Uork, welcher den Vorsitz führte, legte im Beginn seiner Rede dar, daß in den letzten zwei Jahren nicht weniger als 100.000 Juden, katholische Polen, lutherische Finnländer und christliche Armenier in dem Reiche des Zaren, darunter viele Frauen und Kinder, auf das Grausamste hingeschlachtet worden leien und daß die Greuel der jüngsten Zeit selbst die Greuel des Mittelalters bedeutend überbieten. Die russische Negierung behaupte zwar, sie sei nicht im Stande, diese Greuel zu verhindern, aber der Verdacht gewinne mit jeder Stunde neue Nahrung und mehr- Glaubwürdigkeit, daß die Greuel von der herrschenden Klasse — den Großfürsten an der Spitze — angestiftet worden sind und daß die Verüber der Greueltateu — direkt oder indirekt — von der Negierung aus religiösen und politischen Gründen zu ihrem blutigen Werk aufgestachelt worden sind. „Rußland", fuhr Herr Sulzer fort, „kann sich dieser entsetzlichen und furchtbaren Verantwortung nicht entziehen. Ich hoffe, daß, was wir hier tun und was wir hier sagen, dem wankelmütigen Zaren und seiner korrupten Bande von Großfürsten zu Ohren kommen wird. Ich glaube, daß unser Protest, unser Verdammungsurteil und unsere Anklage in St. Petersburg vernommen werden wird und daß die russische Regierung dafür sorgen wird, daß der Massenabschlachtung unschuldiger Wesen ein Ziel gesetzt wird. „Die Stimme der Christenheit donnerte gegen die schändlichen Türken, und Griechenland wurde frei. Die Zivilisation schleuderte ihre Forderungen gegen den Dildiz-Palast und brachte den verfolgten Armeniern Frieden. Amerika sympathisierte mit dem drückenden Unrecht, welches Irland leiden mußte, und patriotische Bestrebungen und Selbstregierung waren die Folge. Dann setzten die verbündeten Regierungen den Metzeleien im fanatischen China ein Ziel. Die Sterne und Streifen vertrieben die gelbe Flagge Spaniens von der Perle der Antillen. Was getan worden ist, kann nochmals getan werden. Wir appellieren an die öffentliche Meinung, an das nüchterne Urteil der Menschheit, von welcher wir wissen, daß sie, wenn sie einmal geweckt ist, die Geschicke der Welt entscheidet. Wenn Rußland diesen Verbrechen nicht Einhalt tut, so muß sich die Me'schheit gegen Rußland erheben, Rußland muß von der Familie der Völker mit dem Ostracismus belegt und außerhalb der Grenzen der Zivilisation gestellt werden, und alle die Ungerechtigkeiten, für welche Rußland sich auswirft, werden verschwinden, aufhören und allmählich in den Sumpf der Vergessenheit versinken." Herr Sulzer schloß seine Rede mit einem Tribut der Anerkennung für Präsident Roosevelt und namentlich für seine eifngen und unermüdlichen Bemühungen, die Lage der Unterdrückten und Verfolgten in Rumänien, der Türkei und Rußland zu bessern. Auch Repräsentant Rainey fand mit seiner Rede großen Beifall. Er sagte u. A: Während in allen Ländern der alten Welt Fortschritte zu einer volkstümlicheren, humaneren Regierungsweise zu verzeichnen und mittelalterliche Schranken eingerissen worden seien, bestehe in Ruß!and Mein der grausame Despotismus und die Mißachtung aller Menschenrechte fort; Rußland sei die einzige Macht der Welt, welche es anscheinend fertig gebracht habe, sich gegen den Fortschritt und die Freiheit des menschlichen Geschlechtes zu stemmen. Die russischen Großfürsten und ihre Anhänger, welche den wankenden Tron der Romanoffs zu stützen suchten, seien zu den alten despotischen Methoden zurückgekehrt uud wiegelten die rohen Volksmassen gegen die schutzlosen Juden auf. Das Blut von 100 000 hingeschlachteten Opfern schrie laut zum Himmel nach Rache. „Die Zeit mag nahe sein," fuhr der Redner fort, in welcher ein Schwert gezückt wird, um diejenigen hinzurichten, welche für diese grausamen Schlächtereien verantwortlich sind, nach dem alttestamentlichen Worte „Auge um Auge, Zahn um Zahn". Möchte doch der entrüstete Protest, der heute Abend hier so nachdrücklich erhoben wird, sich von einer Stadt dieser Republik nach der anderen verbreiten, bis die Stimmen der achtzig Millionen Menschen der Vereinigten Staaten jenseits des Meeres in den Lagern der Kosaken Rußlands und in den Palästen zitternder Großfürsten wie ein Donnerwort vernommen werden! Auf der Platform hatten unter anderen notablen Persönlichkeiten die Senatoren Patterson (Col.), Latimer (S. C.), Overman (N. C.), und Clark (Ark.) und die Kongreß-Repräsentanten Bennett und Goldfogle aus New-Iork, welch' letzterer auch rednerisch tätig war, Platz genommen. Repräsentant Towne von New-Uork verlos die sehr energisch gehaltenen Resolutionen, welche die von Herrn Sulzer im Repräsentantenhaus eingebrachten Resolutionen indossieren und von der Versamnilung einstimmig angenommen wurden.