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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-02-16 · 7 (16.2.1906) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang XXUI Nr. 7 Dr. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Ifnteressen des Judentums. Wien, 16. Februar 1906. — Lrscbeint jeden Freitag. — Brief-Adresse: Mten, IX/1, Kerggasse 39. Teleqramm-Adresse: ÄSlocb's Mocbensctiritt. Mien. s-s Vexussprris für JDe(lerreidj: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Pekitzeile 24 Heller. ©-S Ä-« K. ft. PostsparkaIfen-Amt Gleartng-It) erft e br Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/1, iWerggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847- ©-© Inhalt: Leitartikel: Ein Oberlandesgerichtspräsident gegen den Hilsner-Prozeß. — Heinricki Heine und die jü^i'che Literatur. — Jahrmarkt: „Greis^ — „Mephistopheles". — Die jüdische Katakombe an der Via Portuenfis. — Korrespondenzen: Das Verbrechen gegen Hilsner. Aufruf. Aktionskomitee sin Veranstaltung einer Kon^ertakad^nne i-i Gniisten d,r Opfer derJudenmassakres in Rußland. Verein zur unentgeltlichen Verpflegung Brustleidendcr auf dem Laude. Budapest. Italien, das gelobte Land. Schreiben des englischen Kolonialministers an den Präsidenten der Jto, Mr. Zangwill. Die Parlauienlswablen in England. Massenversammlung in Washington. — Vermischtes: Jüdisches Bildungsheim. Wien. Toyubeehalle. Generalversammlung des Einzelvereines „Fünfhaus" des Zion. Jubiläum. Jüdisch-nationaler Verein „Altnculand". Brigitteuauer israelitischer llnterstützungsverein. Verein zur Hebung der Gewerbe. Wien-Ottakring. Linz. Wohltätigkeirskonzcrt. Berlin. Dortmund — Feuilleton: Der Jargondichter. — Literatur. Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Gm Gberlandesgerichtsprästdent gegen de« Hilsner-Prozetz. Festen Schrittes ist ein neuer Kämpe auf den Plan getreten, auf welchem man um eine Leiche der Gerechtigkeit streitet. Noch ein Weniges von solch wuchtigen Hieben und das Schloß springt von dem letzten Ringe der Ketten, in welchen der arme Hilsner schmachtet. Die schmutzige Schamlosigkeit antisemitischer Lügen wird nun wohl ein Ende machen müssen mit der Behauptung eines Rütlischwures internationaler Juden zur Befreiung des nun sonderbar berühmten Polnaer Juden. Oder wird sie es wagen, den Oberlandesgerichtspräsidenten i. P., Geheimen Rat, Mitglied des Staatsgerichthofes und des Reichsgerichts Dr. Krall v. Krallenberg der Bestechlichkeit zu zeihen, da er nun in der „N. Fr P." dem unglücklichen Opfer judenfeindlicher Verleumdung hilfreich beigesprungen ist? Dieser berühmte österreichische Jurist trat so neben den größten Strafrechtslehrer deutscher Zunge, Dr. Franz v. Liszt, um felsenschwere Worte in die Wagschale der Justiz zu werfen, in welcher die Schuld eines armen Schustergesellen abgemessen wird. Hilsner, dieses Bild des bürgerlichen Nichts, hat Helfer aus den höchsten Schichten der Gesellschaft bekommen, weil eine Empörung der wirklichen Menschen über die verletzte Menschlichkeit ausgebrochen ist und weil sein Schicksal den Untergang der höchsten Güter von Kulter und Gesittung bedeutet, zu deren Verteidigung — Ehre dafür der Menschheit! — sich immer noch genug Mutige finden, die den Barbaren ein donnerndes Lands off entgegenrufen. Was, ein Mensch ist seines Lebens nicht sicher, weil eine Horde von Bestien es so beschlossen hat? Ist es besser als ein Mord mit dem Messer, wenn man einen Unschuldigen zum Galgen liefert? Wen wird man hören — Schneider und Schwer oder Krall und Liszt?*) Es hieße, am Heiligsten zu verzweifeln, wenn die große Polnaer Tragödie mit dem Siege der perfiden Jntrigue und der Verleumdung enden würde. Es handelt sich um das Schicksal von Joeen, von kostbaren Errungenschaften der Neuzeit, und es ist nicht erstaunlich, sondern selbstverständlich, daß gegen die Staats- *) Das Buch von Dr. Artur Nußbanm über den Hilsner- Prozeß ist in der Buchhandlung R. L ö w i t, I., Rotenturmstraße 22, erhältlich. auwälte des Gerichtes nun unerschrockene Staatsanwälte der Humanität aufgetreten find. Ihre Verurteilung des Urteils von Pisek kommt spät, aber gerade darum ist sie umso wertvoller. Denn die Prozesse in dieser Stadt und in Kutteuberg haben riesiges Material ausgehäuft, und ein Jurist von Ruf würde sich et vas vergeben, wenn er vor einem eingehenden Studium seine Meinung abgeben wollte. Umso wertvoller sind daher die Bemerkungen, die Oberlandesgerichtsprüsident Tr. v. Krall an den Prozeß knüpft. Er bestätigt einleitend die Meinung Nußbaums, daß es eine normale, natürliche Aussagefälschung durch Suggestion gibt und in diesem Falle gab, und zertrümmert daun mit der Kraft eines Mannes, der als Vorsitzender in ungezählten Prozessen das Gesetz zu hüten hat, die juristische Grundlage des Polnaer Falles. Es heißt bei ihm: „Nach der Aktenlage konnte sich die Verurteilung nur auf zwei Momente stützen: einmal war das Gutachten der gerichtlichen ärztlichen Sachverständigen derart abgefaßt, daß es der Annahme Vorschub leistete, es liege ein Ritualmord vor, und dann soll Hilsner zur Zeit der Tat am Tatort gewesen sein. Wie daraus ein Schuldbeweis konstruiert werden kann, ist wohl unerfindlich." Nun nimmt der Oberlandesgerichtspräsident noch besonders die beiden Leitsterne der Staatsanwaltschaft her und sagt, es sei fürs erste gar nicht erwiesen, daß Hilsner wirklich am Tatorte sich befand, und fürs zweite seien die Gerichtsärzte mit ihrem Teudenzgutachten von der Prager medizinischen Fakultät gründlich desavouiert worden. Damit sind die letzten Krücken gebrochen, auf welchen die Gesetzlichkeit im Polnaer Prozeß mühsam einherhumpelte. Die Anklagebehörde verzichtete aber auf diese Stützen. Saß doch der Herr Justiz Oberdirektor Ernst Schneider am Dirigentenpult und Hilsner wurde ja nicht nach dem Gesetze angeklagt und verurteilt, sondern nach der Stimmung der Bevölkerung. Juristische Voraussetzungen waren die kleinste Kleinigkeit. Mau verzichtete mit großartiger Kunst der Anklage auf Sachverständigenaussagen, auf Zeugen, ja sogar auf ein Faktum. Ist denn bewiesen, daß das im herrschaftlichen Walde gefundene Skelett das der Klima war? Und woher konnte man in aller Welt eine Schuld des Hilsner daran beweisen? Man nahm an — es sei das Skelett das der Klima gewesen; man nahm an — sie sei ermordet worden; man nahm an — Hilsner sei der Mörder, da er nun schon einmal die Hruza ermordet haben sollte. Und aus

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