Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021663--15158-3039909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ur. 6 Dr■ Bloch’s Jahrgang XXIII Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Zudentums. Wim, 9. Februar 1906. — LrscDeint jeden Freitag, in Brief-Adresse: Timten, IX/1, JBerggasse 39. Telegramnr-Adresse: HZlocd's Mlocbenscbritt, Mlien. »-ft Vrrugsprris für Sestrrrrirlr: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. ©-K «-S K. ft. Pofisparftaffen-Amt Glearing-lDetrftebr IRr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/1, Werggasse IRr. 39. Xelefon Nr. 14.847 ©-« Inhalt: Leitartikel: Taubstumm. — Die Heilsarmee der Russenkurse. — Jahrmarkt: Die Brüsseler Konfcren/. Simon Wolf in Washington. „Greis" — „Mephistopheles". „Ein Kanadier, der Europens ..." — Band XI. der jüdischen Enzyklopädie. — Korrespondenzen: Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Wien, Preßburg, Breslau, Berlin. Professor D'. Sicguuud Rosenstein. Kruschewan steckbrieflich verfolgt. Der Handel in Palästina. — Vermischtes: Kranzablösnngsspenden :c. Brudermahl der Ehewra-Kadischa in Wien. Wien. Jüdische Toynbeehalle. Wien-Floridsdorf. Wiener Synagogensänger-Verein. Jüdische Parlamentarier. Deutsch-freisinnige Partei im IX. Bezirke. Aus der zionistischen Bewegung. St. Pölten, Györ, Agram, Dürrmaul, Petschau. — Vorträge über Tolerauz. — Feuilleton: Der Jargondichter. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Taubstumm. Es geht nicht, daß Sie nicht hören und nicht sprechen, Herr Dr. Ignaz Edler v. Ruber, derzeit zweiter Präsident des Obersten Gerichtshofes. Ihr Schweigen sagt zu viel. Wir wiederholen nochmals den Ausruf Schneiders, auf den in so bedenklicher Art nur das Echo eine Antwort gegeben hat: „Ob nicht wieder der Justizminister Geld eingesteckt hat? Der Justizminifter Ruber ist auch bestochen, ich werde ihm schon zeigen." Das rief er im Landtag am 28. April 1899 und wiederholte seine Anschuldigung etwas undeutlicher mit den Worten (am selben Ort am 5. November 1904): „Weil ich den Juden nicht nachgegeben habe und es dem Justizminifter Ruber unmöglich gemacht habe, den Polnaer Ritualmord und andere Ritnalmorde totzuschweigen." Kein Staatsanwalt schwang das sonst so fleißige Schwert der Justitia, das selbst den Hungernden nicht verschont, der sich ein Brot gestohlen hat; keine Zuschrift an den Landtag wahrte wenigstens die Form und verlangte die Auslieferung des Verleumders (ein solcher war es doch hoffentlich, Herr Justizminister a. D.?). Es ist wahr, daß der Mechaniker Schneider kleine Geschichten mit Stampiglien hatte und verschiedene Bemerkungen aus seiner Umgebung lassen darauf schließen, daß er einen erbitterten Vernichtungskrieg gegen mancherlei Spirituosen führe. Aber was wollen Sie? Dank der offiziellen Förderung des Antisemitismus gelten dessen Führer noch immer bei einem großen Teile der Bevölkerung als Apostel, denen blind geglaubt wird. Und die Wiener Blätter, die alle die beiden oben angeführten Zitate aus Schneiders beredtem Munde in hunderttausenden Exemplaren veröffentlichten, haben Millionen Leser im Jn- und Auslande. Ein Politiker, der im Kampfe dort steht, wo Stahl und Stein am härtesten aufeinanderschlagen, die Funken am lebhaftesten sprühen, darf eine harte Haut haben, da er doch wohl seine zahlreichen Feinde nicht alle verfolgen kann; ein Mann aber, dessen Beruf das Recht ist, der das Recht mit gerechtem Sinne zu wahren und zu hüten hat, dessen rechtliches Gewissen in letzter Instanz angerufen wird, ein zweiter Präsident des Obersten Gerichtshofes, ein ehemaliger Justizminister, ein Adeliger kann und darf denn doch wohl nicht einen so schweren Vorwurf, einen der schwersten, die es für einen Ehrenmann überhaupt gibt, achselzuckend auf sich sitzen lassen. Wir sind brave Leute, Herr Dr. v. Ruber, und uns ist nichts Menschliches fremd. Ein halbes Wunder ist ja immerhin möglich; es mag sein, daß Ihnen die Beschuldigung Schneiders damals nicht zu Ohren gekommen ist, obwohl doch Ihr Staatsanwalt die Zeitungen zensuriert und obwohl doch ein Minister sich sonst um die öffentliche Meinung genau zu kümmern pflegt. Oder Sie waren krank oder zu nervös, um sich mit diesem Menschen abgeben zu können. Inzwischen ist aber der Termin für eine Klage verstrichen und sie stehen schutzlos da, wie ja schon mehr Leute von den Antisemiten ritterlich unter dem Schutze der Immunität beleidigt wurden. Aber nun sehen Sie doch die fürchterlichen Folgen! Ein großer Teil der immer mißtrauischen Menschen nimmt für Schneiders unerhörte Worte einen wahren Hintergrund an, ja, es trauten sich schon Gerüchte an das Tageslicht, in denen viel von der Niederschlagung eines Prozesses die Rede ist, bei welchem die Mohrenwäsche eines bekannten Großindustriellen in puncto eines Sittlichkeitsverbrechens hätte gewaschen werden sollen. Es sind Gerüchte entstanden, wonach angeblich die Unschuld für die Schuld eines anderen büßen mußte, ein kleiner Dieb gehangen wurde, weil ein großer freiging. Diese Gerüchte, Herr Dr. v. Ruber, wären wiederum mehr oder weniger verhüllt in weitverbreiteten Blättern zu lesen. Die „Neue Freie Presse" vom 26. Jänner a. e. fragt: „Sollte eine Ein Wirkung aus jener höheren Sphäre auf den Gang des Prozesses erfolgt sein? Das ist ein dunkler Punkt, welcher noch der Aufklärung bedarf und sie vielleicht dereinst finden wird. An der Spitze der Justizverwaltung stand d a m a l s d e r I u st i z m i niste r D r. v. Ruber." Nun, Herr Dr. v. Ruber, Sie sind doch kein hürnener Siegfried der Ehre? Wir erlauben uns, Ihnen mit einem bescheidenen Rat aufzuwarten, wie Sie Tür und Tor energisch wieder schließen können, die Sie der üblen Nachrede sperrangelweit öffneten. Wohl ist die Frist zur Einbringung einer Verleumdungsklage gegen Schneider schon vorbei. Aber erklären Sie doch ganz einfach, daß er ein in-