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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-02-02 · 5 (2.2.1906) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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w®mm*+*/* Nr. 8 Dr. Bloch’s Jahrgang XXIII Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. EEJ.,” Wien, 2. Februar 1906. LrscbeLnt jeden Freitag. — Brief-Adresse: Mten. IX/l, Jßerggasse 39. Telegramm-Adresse: Vlocb's IMocbenscbrM, Mien. &-& K. ft. Poflfparftassen-Amt Gleartng-ID erft ebr Nr. 810.976. Mdaklion und Administration: IV i e n IX/i, JSSerggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847 ©-ft »-» Vexugsprris für Vrstrrrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Fürs Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. ©-» Inhaltr Leitartikel: Jgn. v. Ruber uno das Verbrechen gegen Leopold Hilsner. — Aus Heinrich Haine's Jugendzeit 1805—1839. — Jahrmarkt: Zum Tunnel in Jerusalem. Mephistopheles. Geständnis im Strafprozeß. Genie und Rasse. Der jüdische Arzt in der Geschichte. — Korrespondenzen: Die Konferenz in Brüssel. Zur Frankfurter Konferenz. Eingesendet Eine Beschwerde. Zur Stellung der Juden in Mähren. Die mährischen Juden und die nationalen Kataster. Eine jüdische Gedenkfeier. Eine Quelle der Blutlüge.. Judenkrawalle in Homel. Jüdische Palamentarier im englischen Unterhause. Ein neuer Kurs im preußischen Justizministerium. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden :c. Wien. Jüdische Toynbeehalle. Literarischer Geselligkeitsverein jüdischer. Mädchen „Moria". Jüdisches Bildungsheim. Troppau, Abbazia, Budweis, Eisenstadt, Szczawka. — Feuilleton: Lehre und und Leben. — Briefkasten. — Inserate. Ig«. «. ftttber und das Verbrechen gegen Leopold Hilsner. Das Verbrechen gegen Leopold Hilsner schreit zum Himmel und je länger der Unglückliche im Kerker schmachtet, desto lauter und eindringlicher sollte das Gewissen derer sich regen, welche für diesen verhängnisvollen Justizmord verantwortlich oder zu seiner Sühne berufen sind. Daß an Hilsner pur et simple ein Justizmord verübt wurde, darüber herrscht bereits an allen obersten Stellen der österreichischen Justiz Klarheit und Uebereinstimmuug. Es bedurfte auch nicht großen Scharfsinnes, um sich zu dieser Erkenntnis durchzuringen. Die Geschwornen haben beim Anblick des Angeklagten eingesehen, daß dieser nach seiner körperlichen Konstitution unmöglich eine starke Frauensperson, wie Agnes Hruza es war, allem umbringen konnte. Bei einem derartigen Konflikt war er der ungleich Schwächere und hätte den Kürzeren ziehen müssen. Die Geschwornen sowohl von Kuttenberg als auch von Pisek haben, um ein verurteilendes Votum zu schöpfen, zu der Annahme Zuflucht nehmen müssen, Leopold Hilsner als Helfershelfer und Teilnehmer des Mordes auzusehen, während die Hauptarbeit bei dem Verbrechen andere, unbekannt gebliebene Personen geleistet hätten. Nun aber steht dem entgegen das autorative wissenschaftliche Gutachten der medizinischen Fakultät an der tschechischen Universität in Prag, welches unwiderleglich dartut, daß die Agnes Hruza einem sexuellen Verbrechen zum Opfer gefallen, somit nicht von mehreren Personen gemeinsam ermordet worden ist. Diese Tatsache allein beweist unwiderleglich, daß Leopold Hilsner das Opfer eines Justizirrtums war. Abgesehen davon, daß gegen ihn keinerlei beweiskräftige Verdachtsmomente vorgebracht wurden als die Aussage des Kronzeugen Pesak, welcher viele Monate hindurch schmieg, um sich nachher zu erinnern, daß er den Angeklagten zur kritischen Zeit in einer Entfernung, welche dieSehkrast des normalen, menschlichen Auges notorisch unwirksam macht, in der Nähe des Tatortes genau gesehen habe. Der Präsident des Piseker Schwurgerichtes hat denn auch nach dem verurteilenden Verdikt mit seiner Ueberzengung von der völligen Unschuld des Angeklagten nicht zurückgehalten, sondern dieser Ueberzeugung im intimen Kreise unbefangen und freimütig Ausdruck gegeben.*) Die Geschwornen standen unter dem Einflüsse einer beispiellosen, terroristischen Hetzpresse, welche nicht müde ward, täglich anzukündigen, Hilsner werde nach der Verurteilung, wenn er sein unabänderliches Geschick vernehme, ein Geständnis ablegen und seine Mitschuldigen nennen. Oesterreich zählt keine Männer von der moralischen Energie eines Scheurer-Kestner oder Emile Zola; unfern Intellektuellen gebricht es leider an sittlichem Mut, an der großherzigen Opferwilligkeit, für Wahrheit und Recht freimütig Zeugnis abzulegen. Die namenlose Angst vor der kläffenden Meute der „Bluthunde" hat sie so verschüchtert, daß sie das erlösende Wort zu sprechen sich nicht getrauen. Nun dringt an sie vom Ausland her ein Mahnruf! Der deutsche Kriminalist Professor Dr. Franz von Liszt ist es, der seine mächtige Stimme erhoben, ernst und eindringlich. Die unbestechliche Stimme deutscher Wissenschaft, die klar und deutlich spricht — wird sie auch vernommen werden und ein starkes Echo erwecken? Die Verantwortlichkeit auf die armen-Geschworenen zu überwälzen, ist völlig deplaziert. Es war im Jahre 1866, als die guten Leute in Pisek ihre Mitbürger, welche an der Cholera erkrankten, in Dünger eingruben, so daß nur der Kopf herausragte. Als Medizin gab man ihnen Jauche zum Einnehmen. Das war nicht etwa ein vereinzeltes Vorkommnis, der Exzeß irgend eines verrückten Menschen, sondern, wie der k. k. Bezirksarzt Dr. Kavalier aus Pisek einmal im „Hlas Narvda" erzählte, es entsprach der Vorstellung und der Anschauung der gesamten Bevölkerung, der mau nunmehr eine merkwürdige Immunität gegenüber einer geistigen Seuche und einer Epidemie des Aberglaubens zumutet, welche, mit allen Mitteln künst- *) Vergl. Dr. Bloch's „Oesterr. Wochenschrift" Nr. 9, 1902. Die „Sonn- und Montags-Zeitung" vom 18. d. M hat neuerdings an diese Tatsache erinnert. Das „Deutsche Volksblatt" hat sich an den Kreisgerichtspräsidenten v. Winter telegraphisch mit der Anfrage gewendet, ob diese Mitteilung ihre Richtigkeit hat. und erhielt die telegraphische Verständigung, „daß Kreisgerichts Präsident v. W nter diese Anfrage Höherenorts vorgelegt habe.

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