Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021655--15061-3039806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 59 Dr. Mocb's Mocbenscbrtft. Seite 835 Rußland. Brief aus Bessarabien. Mitte Dezember. Zn den schlimmsten Judenhetzen der jüngsten Zeit gehört der Pogrom i n I s m a i l, der unter den Augen und unter Mitwirkung der Polizei organisiert wurde und in wenigen Stunden 300 Familien, von denen sich ein Teil eines leidlichen Wohlstandes erfreute, aufs Pflaster warf. 1500 jüdische Seelen sind an den Bettelstab gebracht und allen Unbilden des Winters schutzlos preisgegeben. Der Schaden allein durch Plünderung und Vernichtung von Waren in den Kaufläden wird auf mindestens anderthalb Millionen Franken geschätzt. Bemerkenswert ist, daß sich an der lokalen Hilfstätigkeit, die inzwischen ihr Werk begann, auch eine Anzahl Christen beteiligt. E!n besonderer Abgeordneter der Alliance Jsraelite hat die Stadt besucht, um Hilfe zu bringen, und hat unter anderem die Bildung einer Darlehenskasse in die Wege geleitet. Der Pogrom setzte ein am 23. Oktober (5. November) nach dem Gottesdienst in der Kathedrale Sobur, als die Studenten zur Feier der Proklamierung der Konstitution eine friedliche Manifestation veranstalteten. Es entspann sich zwischen zwei Rednern, Abramow, Exmitglied des revolutionären Komitees, und Panaiotka, von griechischer Herkunft, ein öffentlicher Zwist. Der letztere schwur Rache und gab denn auch das Zeichen zu den Feindseligkeiten gegen die Juden. Die aufgehetzte Volksmenge teilte sich in zwei Banden unter je einem Chef. Jeder dieser beiden Führer war mit einer Lifte der auszuplündernden Häuser und einer Glocke versehen; jedesmal erscholl das Glockenzeichen, wenn ein neues Haus in Angriff genommen wurde. Man verunreinigte die Wände, besprengte die Möbel mit Petroleum, legte Feuer an und weiter gings. In den Lüden stahl man soviel man konnte und verbrannte den Rest. Als beim Angriff auf das Magazin von Libiduiski, dem reichsten jüdischen Kaufmann von Ismail, zwei Kinder durch Schüsse schwer verwundet lvnrdeu, verdoppelte sich die Wut der Menge. Im Augenblick war das Magazin geplündert und in Brand gesteckt. Um 9 Uhr abends stand der vierte Teil der Stadt in Flammen. Erst um 1 Uhr morgens zeigte sich die bewaffnete Macht und begann die Banden zu zerstreuen; aber auch dann konnte Jeder noch rauben, was er wollte, und man nahm sich noch bequem Zeit, gerade die Kassenschränke zu erbrechen. Auf den Ruinen sah man in den folgenden Tagen Frauen und Kinder in der Asche herumsuchen und den Schnee fortschaben in der Hoffnung, einige Handvoll Mais oder Mehl zu finden. In ganz Ismail blieben nur zwei Manufaktur- und vier Spezereiläden, die Christen gehören, übrig. Die Juden sind vollständig de.' Wohltätigkeit ihrer Brüder im Auslande überliefert. Die Israeliten in R e u i, K i l i a und Belgrad haben dagegen nur wenig bei den letzten Unruhen gelitten, die hier keinen rein antisemitischen Charakter trugen. Kilia zählt 3500 Juden unter 12.500 Einwohnern, Jeui 1000 unter 5000. In diesen Städten haben die Christen, größtenteils Bulgaren, die Juden unter ihren Schutz genommen, was die Hooligans, das von der Polizei bezahlte Raubgesindel, einschüchterte. In ganz Bessarabien sind gegenwärtig die Geister mehr als je in Erregung. Das Leben und Gut aller ist in Gefahr, die Anarchie ist vollständig, jeder rettet sich wie er kann. Die wohlhabenden Familien, Christen wie Juden, gehen zu Dutzenden nach Rumänien. Gegen ein gutes Trinkgeld lassen die Grenzwächter sie passieren, doch mehr als ein Flüchtling wurde bei dem Versuche, Rußland zu verlassen, ermordet oder beraubt. So griffen am abends die Hooligans die jüdischen Passagiere auf dem Bahnhofe von Kischenew an, plünderten sie aus und töteten vier von ihnen. Am folgenden Tage raubte mast dem von Odessa flüchtenden Osias Jascut zwischen den! Stationen Palitz und Ungheni 140.000 Rubel, die er bei zember Russen und Juden handgemein und es gab beiderseits Tote und Verwundete. Diese Unruhen ereigneten sich bei Gelegenheit der Beerdigung der Frau Etla Buschuer, einem der Opfer des Pogroms von Kalarasch. Was die Situation in Bessarabien beträchtlich kompliziert und erschwert, das ist einerseits die immer stärker werdende Agrarbewegung, andererseits die nationale Agitation der Rumänen. Die Bauern haben soeben eine Petition an den Zaren mit der dringenden Forderung um Landverleihung gerichtet, die Rumänen haben ihrerseits zwei Ligen gebildet unter der Präsidentschaft der Advokaten Felimion und Teodosiu. Diese »Ligen haben den obligatorischen Gebrauch der rumänischen Sprache in den Schulen, Kirchen und Gerichten auf ihr Programm gesetzt. Bukarest. Am 26. Kislew feiert unser Rabbiner Herr Dr. M. Beck seinen sechzigsten Geburtstag. Seit 32 Jahren bekleidet er diesen schweren, von vielen Stürmen erschütterten Posten. Aus Deutschland zu uns gekommen, stellte er seine ganze Kraft in den Dienst der rumänischen Juden und erstrebt die Verbesserung der mißlichen Lage derselben. Trotz manchen Undankes und mancher bitteren Enttäuschung, segelt noch heute der Sechzigjährige mit jugendlicher Geistesfrische und hellem Enthusiasmus seinem hohen, sich vorgestecktem Ziele zu. Mit Befriedigung kann der Jubilar auf seine verrichtete Arbeit zurückblicken. Denn, wenn auch die rechtliche Stellung seiner Glaubensgenossen in Rumänien noch vieles zu wünschen übrig läßt, so ist ihre moralische Lage nicht im geringsten hinter derjenigen der andern Juden zurückgeblieben. Durch Gründung unzähliger jüdischer Schulen jedweder Natur brachte er das kulturelle Niveau seiner Gemeinde schnell in die Höhe. Der Ausschluß der Juden aus den Staatsschulen hätte zum größten Unheil werden können, wenn er nickt den Weg gebahnt hätte, zur Gründung eigener jüdischer Schulen. Und so kann unsere Gemeinde Bukarest in dieser Beziehung als Mustergemeinde hingestellt werden; denn sie besitzt außer mehreren jüdischen Knaben- und Mädchenvolksschulen noch ein jüdisches Gymnasium, eine Handelsschule, eine Handwerkerschule, zwei Mädchenge werbeschulen, die zumeist Herr Dr. Beck selbst begründet oder deren Gründung er angeregt hat. Mitten im politischen Kampfe stehend, konnte er nur wenig Zeit der jüdischen Wissenschaft widmen, die in der von ihm durch lange Jahre herausgegebenen jüdisch-rumänischen Zeitschrift „Rsvista israelita“ eine würdige Pflegestätte fand. Seine didaktischen Werke, sein Handbuch der jüdischen Glaubenslehre und seine wörtliche Uebersetzung der Bibel, die aus einem tiefen Bedürfnis hervorgegangen find, fanden in allen jüdischen Schulen Rumäniens Eingang. Seine lautere Gesinnung, sein unerschrockener Mut und seine selbstverleugnerische Opferwilligkeit und Hingebung bewirkten, daß er sich weit hinaus über die Grenzen seiner Gemeinde bei Reich und Arm, Jud und Christ einer großen Achtung erfreute. _ L. 8. Vermischtes. Äranzablösungsspenden zugunsten der Chewra-Kadischa I., Seitenstettengafse 4 für arme kranke Glaubensgenosse«. Anläßtich des Ablebens des sei. Dr. Sigmund Herz!: Von Viktor und Mathilde Popper L 20.—, Rudolf Pichler 20.—, Salo Landau K 10.—. Zusammen K 50.—. Anläßlich des Ablebens des sel. G u st a v T r e b i t s ch: Von Dr. P. K. K 6.—. Anläßlich des Ablebens der sel. Rosa Bermann: Von Albert Winterberg K 10.—. Anläßlich des Ablebens der sel. Charlotte Siebenschein: Von B. W. — E. W. L 20.—. 4. Dezember um 10 UhrW«. . Anläßlich des Ablebens der sel. Zallel Mörser: Von —0 - - Markus Kohn K 10.—. Anläßlich des Ablebens des I. Max Herbert: Von -Dr. Heinrich Haase K 20.—. Anläßlich des Ablebens des sel. k. k. Kom.-Rat Adolf .Bernfeld: Von Dr. A. Bing K. 20.-, Adolf Stern 5.—,N. Sobotka 10.—, Eduard Wiener 20.—, Grete und Jenö Kopstein, Graz 10.—, Adolf Paul Bernfeld 10.—, Otto Bernfeld 10 —, Gustav sich hatte. In Kala ras ch wurden Sonntag den 3. De-^Vernfeld io.-, Hans Bernfeld H—. Zusammen K io5.