Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 834 Dr. Llocv's MlocvenscvrtN. Nr. 52 Kranker wird für solche Kranke bestimmt sein, welche in Spitälern keine Aufnahme finden. Im Heim der krankenpflegenden Schwestern, wie es solche auch in Deutschland gibt, sollen jüdische Krankenpflegerinnen ausgebildet werden. Die Gratiswohnungen sollen solchen ehrbaren, verarmten jüdischen Familien Unterkunft bieten, welche nicht imstande sind, die Kosten für ein Obdach aufzubringen. An den Gratiswohnungen werden Werkstätten angebaut, in welchen arme Gewerbetreibende ihre Arbeiten verrichten können. In Verbindung mit diesen Institutionen soll eine Volksküche und ein Tempel erbaut werden. Die Ausführung dieser Anstalten, d. h. deren Aufbau und Einrichtung, wird wohl noch einige Jahre auf sich warten lassen, aber dann wird die Chewra-Kadischa einen Reichtum an Wohltätigkeitsinstituten besitzen, wie sie keine Chewra-Kadischa der Welt aufzuweisen vermag. Ja, nur wenige Großgemeinden können sich rühmen, Wohltätigkeitsakte in so großem Style auszuüben, wie dies die einzigartige Pester Chewra-Kadischa tut. Dr. Franz Mezei verlas einen herzergreifenden Jammerbericht über das unsagbare Unglück, das über unsere unschuldigen russischen Brüder, ihres erhabenen Glaubens wegen, in noch nie dagewesenem Maße hereingebrochen ist. Die Generalversammlung genehmigte den Vorstandsbeschluß, wonach die Chewra-Kadischa X 5000 dem russischen Hilfswerk zuwendet. Die Generalversammlung genehmigte auch obige Unterbreitung einhellig. Budapest. Der ungarische israelitische Handwerks- und Ackerbauverein hielt unter Vorsitz des Hofrates Armin Neumann eine Ausschußsitzung. An Spenden sind eingelaufen von Ludwig Agoston K 1000 als Stiftung, von Frau Berthold Klein, Frau Jakob Fürst de Maroth, Frau Jakob Schwarz und Karl Popper Naturalienspenden zur Ausstattung des Lehrlingsbeims mit Wäsche, zu welchem Behuse auch das Damenkomitee X 500 spendete. Der Ackerbauminister hat dem Vereine 30 komplete Serien seiner landwirtschaftlichen Bücherausgaben behufs Verteilung an die Ackerbauzöglinge zur Verfügung gestellt. Zur Vorlage gelangte der Bericht des Ackerbaukomitees in Angelegenheit der zu errichtenden Schulgärtnerei und auf begründeten Antrag des Komiteepräsidenten Hofrat Berthold Weiß wurde das Präsidium ermächtigt, den Ankauf eines geeigneten Territoriums durchzuführen und zur teilweisen Beschaffung der Kosten eine Sammlung einzuleiten. Begeisterung erregte die Meldung des Sekretärs, daß die Präsidentin des Damenkomitees Frau Jakob Fürst de Maroth, zur Errichtung der geplanten Gärtnereianlage die erste Stiftung im Betrage von K 2000 erlegte. Sodann wurde die feierliche Verabschiedung von 34 freigesprochenen Handwerkszöglingen vorgenommen und auf Antrag des Exekutivkomitees die Neuaufnahme von 98 Handwerkszöglingen genehmigt. Schließlich wurde die Veranstaltung einer Chanukafeier beschlossen. Zur spanisch-jüdischen Frage. Am 17. Dezember hat sich in Madrid in einer Versammlung, die der Senator Dr. Angel Pulido einberufen hatte, unter allgemeiner Zustimmung ein Komitee gebildet zu dem Zwecke, die Ideen dieses Herrn, die dahin gehen, die sephardischen Juden wieder ins spanische Land zu ziehen, zu propagieren. Diesem Komitee gehören außer Dr. Pulido noch einige bedeutende Männer an, andere, so der Präsident der Handelskammer, haben ihre tätige Mithilfe zugesagt. Bei diesem Stande in der neuesten Geschichte der „spanischjüdischen Frage" ist es wohl angebracht, einige Rückblicke auf ihre Entwicklung zu werfen, umsomehr als sie bisher noch sehr wenig beachtet wurde. Dr. Pulido hat auf vielen Reisen in den Donauländern, der Türkei, Griechenland, Kleinasien, Marokko re. viele sephardische Juden kennen gelernt, ihre Sprachen, Sitten und Lebensgewohnheiten studiert und ist dabei zu der Ansicht gekommen, daß diese zwei Millionen Menschen, deren Vorfahren von der katholischen Jsabella aus dem Lande vertrieben wurden, Spanien, das, wie er sich als Liberaler nicht verhehlte, unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht weiter zu existieren vermag, neue Kräfte zuzusühren imstande sein müßten. Bestärkt wurde er hierin durch den begeisterten Empfang, den er, wie er sagt, überall bei den Sephardim gefunden hat. Er machte es nunmehr zu seiner Lebensaufgabe, diese „Spanier ohne Vaterland" wieder mit dem Mutterlande zu vereinigen, und hat seitdem nicht aufgehört, für seine Idee in Wort und Schrift tätig zu sein. Auch in zwei Büchern („Lspanoles sin patria“ und „Los israelitas espanoles y el idionna Castellano“) hat er seine Ansichten niedergelegt. Zuletzt hat er nach einer Artikelserie im „Liberal", in der er leider auch den Empfang König Alfons durch Dr. Gaster und Francis Montefiore hervorhebt, obige Versammlung einberufen, die zur Konstituierung des Komitees führte. Man mag sich zu der Frage stellen, wie man will, anerkennenswert ist der Eifer, mit dem Pulido, der natürlich, was ihm niemand verargt, die Sache als spanischer Patriot auffaßt, das einmal als richtig Erkannte verfolgt und für Aufklärung unter seinen Landsleuten sorgt. Und wenn dabei einem kleinen Bruchteil unseres Landes, und wären es auch nur die jetzt gräßlich verfolgten marokkanischen Juden, Ruhe und Sicherheit geboten würden, so muß man dem Urheber gewiß dankbar sein. Daß Pulido unter dem Sephardim Freunde für .seine Idee gefunden hat, beweist ein im „Liberal" abgedrucktes langes Telegramm, das er nach jener Versammlung von der bedeutenden Firma Santo Semo aus London empfangen hat und in dem diese unter Hinweis auf die Tatsache, daß fast alle Alfonse Judenfreunde gewesen seien, die Hoffnung ausspricht, daß Alfonso XIII. diese „schöne alfonsinische Tradition" fortsetzen und die definitive Wiedervereinigung der spanischen Juden mit ihrem Lande herbeiführen möge. Bemerkenswert ist für uns an der ganzen Sache vor allem das Eine: Während in Rußland ein Pobjedonoszew erklärt, die Staatsraison verlange, daß man ein Drittel der Juden vertreiben, ein Drittel zum Glaubenswechsel bringen und das restliche Drittel morden müsse, bricht sich in Spanien die Erkenntnis Bahn, daß es zum Wohle des Landes erforderlich sei, die Enkel der vor 400 Jahren vertriebenen Juden wieder als gleichberechtigte Bürger aufzunehmeu. Willi David. London. Die in der Generalversammlung des Board of Deputies vom 3. Dezember gefaßte Resolution, die Veranstaltung einer öffentlichen Demonstration gegen die Greuel in Rußland „möglichst bald" in die Hand zu nehmen, ist in überraschender Weise verwirklicht worden. In der am 10. Dezember abgehaltenen Sitzung teilt der Vorsitzende des Board Mr. D. L. Alexander mit, daß Lord Rothschild nach längerem Widerstreben seine Zustimmung zur Abhaltung eines Protestmeetings endlich gegeben hat. Diese Sinnesänderung ist durch Mr. Karl Stettauer herbeigesührt worden, der erklärt hatte, eine solche Kundgebung könnte keineswegs den russischen Juden schaden. Die russische Regierung fürchtete sich vor der öffentlichen Meinung in Europa weit mehr als sie es öffentlich zugeben will. Die Protestversammlung, welche wahrscheinlich am 8. Jänner in der Queen's Hall stattfinden wird, wird unter Beteiligung aller in Politik, Handel. Wissenschaft und Literatur hervorragenden Männer von Lord Rothschild geleitet werden. Der Erzbischof von Canterbury, das Haupt der anglikanischen Kirche, wird die erste Resolution beantragen und der Bischof von Ripon, sowie der katholische Erzbischof von Westminster dieselbe befürworten. London. (Jüdische Kandidaten bei der nächsten Wahlkampagne.) Bei den im Monat Jänner in England stattzufindenden Neuwahlen zum Parlament werden nicht weniger als 20 Juden sich um ein Mandat bewerben. Davon werden 2 als Tarifreformer der Chamberlain'schen Schule, 7 als Unionisten, 7 als Liberale und 4 als Konservative kandidieren. Von den Kandidaten sind 12 bereits Mitglieder des gegenwärtigen Unterhauses. Es sind das die Unionisten: H. H. Marks, Captain Jessel Walther Rothschild und Louis Sinclair, die Liberalen M. Levy, Stuart M. Samuel, Rufus Jsaacs und Harbert Samuel, der neuernannte Unterstaatssekretär des Innern. Als Konservative fitzen im gegenwärtigen Unterhaus: der neue Sir Benjamin L. Cohen, Sir Harry S. Samuel, Colonel Lucas und Sir Edward Sassoon.