Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Sir i>l Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 823 Feuilleton. ZUM Gedächtnis von Zodoc Kahn. Grabrede gehalten zu Paris am 11. Dezember von Salomon Reinach. Vizepräsidenten der „Allianl,e Ismelite Universelle?- Meine Heren! Wenn ich hier an Stelle des Präsidenten der Alliance das Wort ergreife, so geschieht es, um unserem verehrten Freunde eine schmerzliche Mühewaltung zu ersparen, bei der seine Beredsamkeit durch die innere Bewegung gemeistert werden könnte. Der hervorragende Mann, dem wir hier die letzten Ehren erweisen, die Ehre seines Landes und des Judentums, war einer der frühesten Mitarbeiter an der großen Schöpfung der Alliance Israelite, deren Ehrenpräsident er seit 15 Jahren gewesen ist. Beinahe 40 Jahre lang widmete er ihr, ohne sich irgendwie zu schonen, die wohltätigen Kräfte seines Wortes, seines Verstandes, seines Herzens. Er hatte sie beinahe schon bei ihrer Entstehung kennen gelernt; noch jung an Jahren, begann er mit ihr und für sie zu arbeiten, zu einer Zeit, als noch niemand die ruhmvolle Rolle, die ihr bei der ökonomischen und sozialen Entwicklung der Judenheit bestimmt war, voraussehen konnte. Er hat bei allen Aktionen, allen Maßnahmen mitgewirkt, die ihre Tätigkeit nach und nach näher bestimmten und entfalteten, die ihren Einfluß erweiterten und ihre Hilfsquellen vermehrten. Niemand wird die Geschichte der Alliance schreiben können, ohne beinahe bei jedem Schritte auf den Namen unseres Freundes zu stoßen. Gleichweit entfernt von jenem Kleinmut, der vor notwendigen Aenderungen zurückschreckt, und jener Neuerungswut, die all zu oft nützliche Reformen kompromittiert, hatte er von Anfang an eine gleichsam gebieterrisch klare Auffassung von der erzieherischen Aufgabe der Alliance, von der ihr obliegenden Pflicht, unseren Brüdern im Orient, ohne sie ihren religiösen Gewohnheiten zu entfremden, das Licht der Erkenntnis, die Methoden und die Werkzeuge nützlicher Arbeit zu bringen, Wohltaten, die das abendländische Judentum nicht für sich reservieren durfte. Damit diese Aufklärung sich vollziehen konnte, damit der moralische, intellektuelle und materielle Stand unserer zurückgebliebenen Glaubensgenossen sich durch das Lehrlingswerk und das Schulwerk erhob, bedurfte es bei den Leitern, wie bei allen ihren Hilfskräften einer hartnäckigen Entschlossenheit, eines standhaften Vertrauens zu der hohen Bedeutung des Unternehmens, wie zu der Lebenskraft und Lenksamkeit des Judentums. Zadoc Kahn hatte alle diese Eigenschaften, die beinahe Tugenden zu nennen sind, und wußte davon auch denen mitzuteilen, die an seiner Seite arbeiteten. Es genügte, ihn im Laufe einer unserer Sitzungen zwei- oder dreimal über die Fragen jeder Art, die uns beschäftigten, sprechen zu hören, um außer seiner ausgebreiteten Bekanntschaft mit den verschiedensten Gegenständen die feinfühlige und sichere Art und Weise zu bewundern, mit der er es verstand, den Schwierigkeiten durch eine Mischung von Einsicht und Anmut beizukommen. Diese außerordentliche Liebenswürdigkeit Zadoc Kahns, die sich in seiner Stimme, wie in seinem Lächeln ausdrückte, hatte nichts Angelerntes, nichts Konventionelles. Es war der unwillkürliche und selbstverständliche Reflex einer unerschöpflichen Güte. Zadoc Kahn war unendlich gut und nachsichtig. Er suchte mit einem rührenden Eigensinn nach Entschuldigungen auch für diejenigen, die seinen leidenschaftlichen Gerechtigkeits- und Wohltätigkeitssinn aufs stärkste verletzten. Er sah nur in allerletzter Linie wenn er es überhaupt sah, in den Handlungen der Menschen die Wirkung von Bosheit und Mißgunst. Er entzog sich der Verlegenheit, das Schlechte zu hassen, indem er nicht daran glaubte oder darin einen Irrtum beklagte. Wie viele Male hörten wir ihn, wie er Aufregung besänftigte, Ungeduld zügelte, in naher und ferner Vergangenheit Beispiele aufwies, um entmutigten Seelen Hoffnung zu spenden und Glauben den Geängstigten! So oft sich um den Tisch, an den sein Platz verwaist ist, seine Kollegen — die es bis gestern waren —, seine Bewunderer und Freunde versammeln werden, um über die Interessen zu wachen, die ihm so teuer waren, werden fie sich seine Gedanken und Ratschläge ins Gedächtnis rufen und werden den Hauch dieser Erinnerungen auch aus die Jugend zu übertragen suchen, die ohne Zweifel in demselben Geiste der Solidarität und des Fortschrittes unser Werk sortsühren und vollenden wird. Seit den ersten Tagen der Alliance, als ihre Mitglieder mehr Begeisterung als Mittel hatten, war es ihr Bestreben, durch Förderung der landwirtschaftlichen Kolonisation die traurige Lage der Israeliten in gewissen Ländern zu verbessern, in denen sie Opfer ungerechter Vorurteile sind, die der Geist des 18. Jahrhunderts nicht beseitigen konnte. An dem Tage, da es möglich war, von Worten zu Taten überzugehen, gehörte Zadoc Kahn zu der kleinen Zahl derjenigen/die inmitten von unaufhörlich wachsenden Schwierigkeiten und Hindernissen den rationellen und methodischen Gang des neuen Exodus leiteten. Die landwirtschaftlichen Kolonien, die die Alliance in Asten, Afrika, in dem weiten Amerika begründet hat oder die daselbst unter ihrem Einfluß entstanden sind, haben Zadoc Kahn gegenüber eine Dankesschuld, die die Zeit nur immer vergrößern wird in dem Maße, als die Wirkungen seiner Fernsicht sich immer mehr offenbaren werden, als sein allen Prüfungen standhaltender Optimismus sich immer schöner rechtfertigen wird. Diese Werke find noch jung, das XX. Jahrhundert wird ihre Früchte reisen sehen. Man wird in einem weiteren Kreise begreifen, wie groß die Klugheit der wenigen Männer war, die diesen großen glücklichen Veränderungen in der Lage tausender Israeliten zuerst vorgesehen und sodann fichergestellt haben. Ein nun bereits blühendes Dorf in Argentinien trägt den Namen Zadoc Kahn's. Dieser Name ist geliebt und verehrt. Er lvird heute von der ganzen Judenschaft beweint, aber nirgends von mehr Dankbarkeit, von mehr Liebe gehegt, mit mehr Tränen geehrt, als in jenen entlegenen Gegenden, wohin das alte Bienenvolk Israel einen jungen Schwarm entsendet hat. Was das hauptsächliche und unmittelbare Wirkungsgebiet der Alliance betrifft, die Ecole Normale in Auteuil, die Pflanzstätte ihrer Lehrer, die verschiedenartigen von ihr in Afrika und im Orient begründeten Erziehungsinstitute, so darf man sagen, daß das Urteil unserer Zeitgenossen, Christen Mohammedaner oder Israeliten sie bereits weit über den Ehrgeiz ihrer Begründer hinaus anerkannt hat. In den Augen Zadoc Kahn's. der die Seele so vieler nützlicher Werke war, gab es kein nützlicheres als das unsere. Hundertmal hat er es in seinen Ansprachen, seinen Predigten, seiner persönlichen Propaganda der Freigebigkeit aller empfohlen. „An uns ist es", so sprach er im Jahre 1883, „an uns, die wir durch die Vorsehung begünstigt find, Schulen zu schaffen, wo das Kind das Gefühl seiner Pflichten seiner Würde, seiner Ehre, seiner Tugend erwirbt; an uns, an uns allen, die wackere, großmütige Alliance Israölite zu unterstützen, die seit langem den heiligen Krieg unternommen und herrliche Siege errungen hat, deren Werk aber nicht zum glücklichen Ende gebracht werden kann, ohne die eifrige, warmhe^ige und reiche Hilfe aller jener, die die Ehre haben, zu gleicher Zeit Israeliten und Söhne eines „freien Landes zu sein". Diese eifrige, warmherzige reiche Hilfe für die Alliance durfte Zadoc Kahn mit Fug von andern fordern; hat er selbst doch niemals aufgehört, sie darzureichen bis zur Ermüdung, bis zur Erschöpfung seiner Kräfte. Und hätte er nichts anders als dieses geleistet — aber wie viele große Dinge schuldet man ihm außerdem, — er würde verdienen, in den Annalen undin dem pietätvollen Gedächtnis der Judenheit den Ehrenplatz unter denen einzunehmen, die, um sich seines edlen Ausdruckes zu bedienen, die Ehre haben, zugleich Kinder eines freien Landes und Israeliten zu sein.