Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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©eile 818 Dr. JBlocD s Mocvenscbrtn. Nr. 51 Was die Zeitungen über die Greuel in Rußland berichten, kann noch lange nicht das Bild wiedergeben, das tatsächlich sich darbietet, so man sie von diesen Schwergeprüften zu hören bekommt. Die Leser der „Neuen Freien Presse" werden sich vielleicht noch auf die Notiz erinnern: „Eine Frau, namens Berta Seifer ist mit fünf Kindern angekommen, die Frau mußte ins Irrenhaus wegen Verfolgungswahnsinn, die Kinder sind privat untergebracht worden." Beim Lesen dieser Notiz verständigte ich einen hiesigen Kaufmann namens Opper, ob diese Frau nicht identisch sei mit seiner Schwägerin, von der ich wußte, daß sie hierher kommen wollte. Meine Vorahnung traf zu, seine Frau reiste sofort nach Wien, wo sie die unglückliche Frau doch beruhigen konnte. Der Kinder hat sich inzwischen in hochherziger Weise eine edle Frau angenommen. Ich begehe keine Indiskretion, wenn ich ihren Namen nenne — Frau Baronin Jelka Oppenheimer-Tedesco, die alle fünf Kinder in ihrem eigenen Schlafzimmer untergebracht, für sie mütterlich sorgte und ihnen noch nach Triest eine zuverlässige Begleiterin in der Person des Frl. Paula Kornstreicher verschaffte. Selbstredend lehnte die Frau Baronin die Annahme der zurückzuerstattenden Spesen ab. Mehr aber als das Geld schätze ich ihre persönliche Mühe! Ich habe Gelegenheit gehabt, die Frau Seifert zu sprechen, die kann sich noch jetzt von den erlebten Greueln nicht erholen; in der Nacht, im Schlafe sieht sie noch immer die blutgierigen Kosaken. Eine andere Dame, namens Nadja Rosenzweig, die Frau eines angesehenen und reichen Zuckerfabrikanten, die ebenfalls hier mit ihren Kindern weilt, kann auch ein Lied davon singen! Und nach einem solchen Lande sollen wir die blutig aufgebrachtenGelderschicken? Rabbiner Dr. B r e t t h o l z. Cin Nachtrag zu meinem „Appell an die jüdischen Frauen in Oesterreich" in Nr. 50 der „Oesterreichischen Wochenschrift". In dem betreffenden Aufruf wurde darauf verwiesen, daß über Anregung einer Dame aus deu vornehmsten Kreisen in Frankfurt am Main eine Propaganda im Werke ist, welche den Zweck verfolgt, die jüdischen Gemeinden zu bestimmen, eine Anzahl der nach den gemordeten Stammesgenossen in Rußland Hinterbliebenen Waisenkinder zur Erziehung aufzunehmen. Nun gestatte ich mir in Ergänzung des Berichtes nachzutrageu, daß auch in Frankfurt a. M. das Bestreben besteht. Anstalten zur Erziehung der betreffenden Waisenkinder zu errichten. Das diesbezügliche Schreiben hat folgende" Worilaut: „Empfangen Sie für den Ihrer werten Zuschrift vom vorigen Monat beigelegten Aufsatz „Ein Vorschlag zur Erwägung" herzinnigen Dank. Aus jeder Zeile spricht das warme Mitgefühl, daß Sie für unsere Glaubensbrüder in Rußland empfinden. Auch mir kam gleich am Anfang unserer Tätigkeit unmittelbar nach den erschütternden Nachrichten der Gedanke, sofort das Interesse für die zurückgebliebenen Waisenkinder zu erwecken. Ebenso habe ich bei der Trauerfeier, die wir hier veranstalteten, in meiner Ansprache mit großem Nachdruck auf die ärmsten Geschöpfe hingewiesen, die ihrer Eltern beraubt wurden, und dort, wo alle um ihre eigenen Kinder besorgt sind, so leicht keine Annehmer finden können. Auch von anderer Seite ist hier die Fürsorge für die russischen Waisenkinder mit besonderer Warme betont worden, und nachdem auch in London, Paris und Berlin die Sache bereits angeregt ist, ist nicht daran zu zweifeln, daß ein vereintes Vorgehen in dieser wichtigen Frage erzielt werden wird. Ich gebe von Ihrem werten Schreiben auch unserem Komitee Kenntnis. Sobald die Sache weitere Förderung gefunden und einer von den vielen bereits gemachten Vorschläge, die auf fast alle Methoden der Kindererziehung sich erstrecken, zur Annahme gelangt, werde ich Ihnen sehr gerne davon Mitteilung machen. Senden Sie Ihren schönen Aufsatz immerhin in alle Kreise, von denen Sie eine Förderung sich versprechen, und Sie werden sicherlich zur Erreichung des guten Zweckes wesenilich beitragen. Sehr gerührt hat mich Ihr Hinweis auf unseren unvergeßlichen Plotke." Möchten uns Männer, wie er einer war, in dieser schweren Zeit erstehen u. s. w." Diese beiden Bestrebungen sind keinesfalls als entgegenstehend zu betrachten, sondern in beiden Fällen wird dasselbe Ziel verfolgt: die unglücklichen, verlassenen Kinder zu versorgen und ist ja die Zahl derselben so groß, daß selbst nach Unterringung einer Anzahl in Gemeinden oder bei einzelnen Familien, noch immer Kinder genug zurückbleiben, für die die Gründung von Waisenhäusern, verbunden mit Schulen, notwendig wäre. Beide Bestrebungen verdienen also Förderung. Mähr.-Weißkirchen, 15. Dez. 1905. Dr. I. Rabbinowicz Bezirksrabbiner. Mar Fleischer. Einen der Besten und Edelsten hat ein nnerforschliches Geschick herausgeholt aus den Reihen der Lebenden, der Wirkenden und Schaffenden: Max Fleischer, der große Künstler, diese Zierde der Wiener Gemeinde, ist nicht mehr. Mitten aus einem arbeitsreichen, der Pflege seiner Kunst und dem Wohle seiner Mitmenschen gewidmeten Leben ist er uns entrissen worden, vorzeitig und unerwartet, und ein grausames Verhängnis hat es ihm versagt, nach einer freudlosen Kindheit, nach den Kämpfen und Stürmen seines Mannesalters sich eines heiteren, ungetrübten Lebensabends zu erfreuen, die Früchte seiner rastlosen mühevollen Lebensarbeit einzuheimsen. Max Fleischer, ein Kind armer Eltern, hat seine reichen unbestrittenen Erfolge in der Kunst, der er sich mit Herz und Seele gewidmet, ausschließlich seiner hervorragenden Begabung und seinem rastlosen Fleiße zu danken. Es kann nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, auch nur annähernd ein Bild seiner reichen schöpferischen Tätigkeit auf allen Gebieten der Architektur zu entwerfen; hier sei nur eines Gebietes gedacht, zu dem er sich aus Neigung und durch den ihm tief eingewurzelten religiösen Sinn hingezogen fühlte: dem Tempelbau und dem Entwürfe künstlerischer Grabdenkmäler. Die Tempel im VI., VIII. und IX. Wiener Gemeindebezirke, die in Budweis, Pilgram, Krems, Lundenburg, Nikolsburg und der im Bau begriffene in Brünn sind herrliche Werke seiner ureigensten schöpferischen Kraft, seiner künstlerischen Ueberzeugung, daß die der Verehrung des Höchsten gewidmeten Stätten streng monumental gebaut werden sollen. Daß er hiefür den gvthischen Stil am geeignetsten befunden, hängt wohl mit seinem hervorragenden Anteile an dem Bau des Wiener Rathauses und mit seiner schwärmerischen Verehrung für seinen großen Lehrer, Dombaumeister Friedrich Freiherr v. Schmidt, zusammen, der seinerseits wieder Fleischer als seinen begabtesten Schüler schätzte und förderte. Welch' hohe Kunstwerke aber Fleischer auch in anderen Stilarten zu bilden verstand, lehrt ein Gang auf dem weiten Totenfelde unserer Stadt, das nun auch ihn ausgenommen zur ewigen Ruhe. Was Max Fleischer in seinen zahlreichen öffentlichen Stellungen, als langjähriger Vorstand der Kultusgemeinde und insbesondere als Präsident des Mariahilfer Tempel-Vereines geleistet, braucht in diesen Blättern nicht erörtert zu werden. Aber was war seine ausgezeichnete öffentliche Wirksamkeit gegen die zahllosen Werke edelster Menschlichkeit, die seinem goldenen Herzen, seinem wahren Mitgefühle mit allem Leid entsprangen? Nichts Menschliches war ihm fremd. Immer fand man bei ihm eine hilfreiche Hand, und was noch mehr ist, ein freundliches Wort und tröstenden Rat. In den entsagungsvollen Tagen einer langen Sturm- und Drangperiode hat er sich seine angeborene vornehme Gesinnung, seinen bewundernswerten Takt, seinen liebevollen Blick für alles Gute im Menschen erhalten, und wie er sich in seinem Berufe die Pflege des Schönen erkoren. so ließ er sich in seiner Lebensführung, in seinen Gesinnungen und Handlungen stets von den Geboten reinster Ethik leiten; wenn einer, so war Max Fleischer ein vollkommener Mensch. Unendlich viel Liebe hat er gesäet und viel Liebe hat e^ geerntet. Seine hartgeprüfte Frau, die treue Gefährtin unb aufopferungsvolle Pflegerin in seiner schweren langen Krankheit, die Freunde, die ihn wie einen weisheitsvollen, gütigen Patriarchen verehrten, seine Angestellten, die in unwandelbarer Zuneigung an ihm hingen, beklagen und betrauern aufrichtig seinen Heim" gang, denn ihnen allen ist arges Herzleid widerfahren. Unersetzlich und unvergessen wird Max Fleischer bleiben in seinen Werken und in der Erinnerung der Menschen! B o n d y.