Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 41 Dr. Bloch’s Jahrgang XXII. Zentraloroan für die gesamten Interessen des Zudentums. Wien, 13. Oktober 1905. — Lrscdetnt jeden Freitag. — Brief-Adresse: Mten» IX/I. Kerggasse 39. Telegramm-Adresse: ÄSlocD's Mocbenscbrttt. Mlien. Ä---Ä K. K. PostsparKassrn-Rmk Llearing-VerKebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/1, Derggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847. V-« »--« Artugsprri» für Srsterrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzeleiemplare SO Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. •-» Inhalt: Leitartikel: Die Juden in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Korrespondenzen: Zangwill und die englische Regierung. Juden als Soldaten. Tie Familienreinheit und Familientreue bei dem Obergermanen. Königgratz, Reichenberg. Eine Halbe-Million-Stiftung. Berlin. Anstalt für jüdische Schwachsinnige. Ein antisemitisches Hotel in Frankfurt a. M. Die Inden auf der skandinavischen Halbinsel. Paris. Das Marmoretsche Serum. Petersburg. Jüdische Soldaten in Rußland. — Vermischtes: Ehrung für den k. k. Landesschulrat Dr. Gustav Kohn. Wien, Karlsbad, Wsetin. Ein neues jüdisches Internat in Budapest. — Feuilleton: Satan Mekatrig. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Die Juden in de« Vereinigte« Staate« non Nordamerika. Ein Beitrag zum 250jährigen Jubiläum der Niederlassung der Juten in New-Dork. T. Mächtige Stellung der Juden. Bei den Verhandlungen, welche der in Amerika als Friedensdelegierter weilende russische Minister Witte mit einigen jüdischen Notabeln gepflogen hatte, schrieb dieser die feindselige Stellung der Bevölkerung der Vereinigten Staaten Rußland gegenüber dem großen Einfluß der Juden in diesem Lande zu. In der Tat ist die Einwirkung der jüdischen Bevölkerung auf die äußere und innere Politik der Vereinigten Staaten von Nordamerika unverkennbar. Man braucht nur an die Munizipalwahlen in New-Dork einerseits und an den 25jährigen Kampf der Vereinigten Staaten um Anerkennung der amerikanischen Pässe in Rußland andererseits zu denken, um die von den Juden in Amerika eingenommene Stellung zu ermessen. Und doch steht der Einfluß des Judentums in diesem Riesenreich noch in seinem Anfangsstadium. Von den 1V2 Millionen gegenwärtig in den Vereinigten Staaten lebenden Juden wohnen 150.000 erst seit 40 Jahren und kaum 250.000 seit 25 Jahren im Lande. Ferner sprechen 40 Perzent der dortigen jüdischen Bevölkerung noch kein englisch, und endlich ist nahezu der vierte Teil der dortigen Juden, weil sie noch nicht die gesetzliche Zeit von 5 Jahren im Lande verweilen, noch mehr aber aus alter jüdischer Nachlässigkeit nicht einmal naturalisiert. Welche Zukunft dem Judentum in Amerika bevorsteht, wenn erst alle Einwanderer die englische Sprache erlernt, das Bürgerrecht erworben und überhaupt im Lande feste Wurzeln gefaßt haben, läßt sich noch kaum übersehen. In dem glücklichen Amerika, das keine Schlösser hat, weder „Ahnen" noch Vorurteile besitzt, wird noch der Mensch nach dem genommen, waS er wirklich wert ist. In einem solchen Lande mit den unbegrenzten Möglichkeiten, das keine Staatskirche besitzt und nach Abkunft und Nationalität seiner Bürger nicht fragt, muß ein so fleißiges, nüchternes, wiß- und lernbegieriges und vor allem überaus unternehmungslustiges Volk wie das jüdische es sehr weit bringen können. Die Zukunft des jüdischen Volkes liegt jenseits des Wassers. Von Christoph Columbus bis George Washington. Der jüdische Einfluß in Amerika ist übrigens keineswegs jüngeren Datums. Schon an der Entdeckung des Kontinents waren die Juden in hohem Grade beteiligt. Die Ausrüstung der Columbus'schen Expedition ist nicht von der Königin Jsabella, welche angeblich zu diesem Zwecke ihre Diamanten verpfändet habe, erfolgt. Vielmehr haben die beiden Maranos, Louis de Santagel, Generalkontrolleur von Aragonien und Hofminister des Königs, sowie Gabriel Sanchez, Finanzminister von Aragonien, die zur Ausrüstung der Columbus'schen Schiffe nötigen Mittel der Königin vorgeschoffen und zwar ohne deren Diamanten als Unterpfand erhalten zu haben. Letztere hat ihre in der Weltgeschichte berühmt gewordenen Diamanten schon längst vorher verkauft, und zwar nicht etwa, um einen so hervorragenden Kulturzweck, wie die Entdeckung Amerikas, sondern um den mörderischen Krieg gegen die Mauren zu fördern. Nicht die „katholische" Königin, wie die klerikalen Geschichtsschreiber unserer Schuljugend einreden wollen, sondern zwei spanische Juden haben die Entdeckung Amerikas, finanziell ermöglicht. Außer dieser pekuniären Hilfe hat Columbus den Juden nahezu alle wiffenschaftlichen Vorbereitungen seiner Reise zu verdanken. Abgesehen von den berühmten astronomischen Tabellen des jüdischen Gelehrten Zacuta, welche wiederum von einem Juden Joseph Vecincho aus dem Hebräischen ins Lateinische übertragen und dem großen Genuesen persönlich überreicht wurden, haben die Karten deS Jehuda CresqueS, des Kartenjuden, oder deS Kompaßjuden, sowie die von demselben Meister angebrachten Verbesserungen deS Kompaffes dem kühnen Seefahrer es erst ermöglicht, sich mit seinen drei Nußschalen auf dem endlosen Ozean einigermaßen zurecht zu finden. Sind so die finanziellen und wiffenschaftlichen Vorbedingungen zur Entdeckung Amerikas so gut wie ausschließlich daS Werk der Juden, so haben Angehörige unseres Volkes unter Einsetzung der eigenen Person zur Verwirklichung der hohen Kulturaufgabe daS ihrige auch physisch beigetragen. Ein Bruder deS Gabriel Sanchez, deS Ausrüsters der Expedition, Roderigo Sanchez, wurde von der Königin Jsabella zum finanziellen Leiter derselben erkoren. Meister Bernal war der Arzt und Marco der Chirurg der Expedition. Ferner befand sich unter den einfachen Matrosen ein Jude namens Alsonso de la Calle. Ein fünfter Jude Roderigo de Triana war eS, der zuerst den Ruf