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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur.,26. Dr. Bloch’s gnIpgiraglXll. MM Centrslorgsn für die gefammten Interessen des Iudenthums. =X A. ft. Postsparrasten-Amt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Ardarlion und Administration: JDit« IX/1, Berggafse Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Wie«. 30. Juni ISOS. -E Erscheint jeden Freitag. -'V* ■> S1 - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie». X- »rprS»Prri» flir Srstrrrrtch: Halbjährig S Aroneo. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» »u»l«nd: Halbjährig 10 Arouen. Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene "etitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Der Morgen naht! — Zur zwanzig Millionen-Spende des Baron Nathaniel Rothschild. — Die Inden in Marokko. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Der Walzerkönig Strauß. Zum Bericht der Ostafrika- Exvedition. Fünfzigjähriges Jubiläum einer jüdischen Lehranstalt. Preßburg. Offizierskorps und Judentum. Haagen, Paris. Rumänische Zustänoe. Dle Barrikaden von Lodz. Die russische Gesellschaft über die Judenfrage. Odessa. Juden auf dem Schlachtfeld. Beim Friedensrichter. Zur Geschichte der chinesischen Juden. Von den Juden in Bombay. — Vermlschtes: Wien. Retseeindrücke aus Palästina. Befählgungsprüfung für Kindergärtnerinnen. Kinderheim für verkrüppelte Kinder, Wiener-Neustadt, Jungbunzlau, Brünn, Djakovar, Straßnitz, Berlin. Professor Alexander Strakosch. Frankfurt a. M., Petersburg, London, Paris. — Feuilleton: Aus finstern Zeiten. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Der Morgen naht! Die r^ussischen V,e rfassungsen t.w^ü r f e. Wenn heutzutage das delphische Orakel noch in Betrieb wäre, so hätte es die schönste Gelegenheit, wieder einen unbedingt zutreffenden Spruch zu fällen: „In Rußland dämmert es!" Orakelsprüche haben das Vorrecht, dunkel zu sein. Nun denn, dunkel genug lägen die Dinge hier, und Dämmerung ist gewiß nicht Helligkeit. Sie haben aber vornehmlich das Privileg, doppelsinnig zu sein. Wie hat doch der, selbst durch die ersten Sprach- und Lesebücher berühmt gewordene Spruch recht behalten: „Es wird-ein großes Reich zu Grunde gehen!" Zufällig war es nur nicht das Reich, das der gekrönte Fragesteller meinte, sondern sein eigenes. Recht behalten würde also der Spruch auch hier jedenfalls, einfach aus dem Grunde, weil die Dämmerung ein Uebergangsstadium — in zweifacher Hinsicht bedeutet. Es gibt nämlich eine Morgendämmerung und eme Abenddämmerung. Welcher Art sie aber auch sei, sie stellt einen unhaltbaren Zustand vor. Die Dämmerung geht dem Sonnenaufgang voraus oder sie gibt Zeugnis vom Niedergang, und da endlich auf den Abend erst die Nacht, dann aber auch mit planetarischer Sicherheit dieser der Morgen folgen muß, so kann ein Zweifel nicht mehr bestehen, daß der Orakelspruch recht behalten müßte. Ist es denn nun wirklich eine zu optimistische Annahme, daß die in jedem Wortsinne unverantwortliche Gewaltherrschaft in Rußland im Niedergang begriffen sei? Der Despotismus kracht in allen seinen Fugen; er ist ein „sprechendes" Haus geworden, das nachgibt in der Front; es knistert im Innern, und selbst der Hof bietet keine Sicherheit mehr. Gewaltige Stöße von außenyer haben den mächtigen Bau zum Wanken gebracht, der im Innern in keiner Werse gestützt war. Und nicht nur, daß er nicht gestützt ward, er ward und wird auch von innenher berannt. Alan braucht kein Prophet zu sein und nicht auf einem privilegierten dreibeinigen Orakelstuyl zu fitzen, um da die Dämmerung, den Niedergang, zu künden. An diese Dämmerung knüpft aber die Hoffnung an. „Und scheint die Sonne noch so schön, einmal muß sie untergehen." Das ist unbestreitbar. Wenn aber das richtig ist, dann ist es auch so gewiß, wie die Sonne ihren Kreislauf beendet, daß dem Untergang auch ein Sonnenaufgang folgen muß. Es war schon mehr als Dämmerung, es war die tiefste, schwärzeste Nacht, unter welcher unsere Brüder, die Juden in Rußland, zu leiden hatten. Gottes Mühlen mahlen langsam aber sicher, und was auch die Juden in den zwei Jahrtausenden der Diaspora gelitten haben mögen, in großen Intervallen und Epochen hat sich doch immer im großen Gang der Weltgeschichte das Watten einer göttlichen Gerechtigkeit gezeigt. „Qui mange du Pape, en meurt“, behauptet die christliche Frömmigkeit. Gemeint wird damit gewöhnlich, allerdings zu Unrecht: Wer dem Papste etwas nimmt, stirbt daran. In Wahrhett ist aber damit gesagt, mit Beziehung auf die berüchtigten Gastmähler des Papstes Alexander Borgia, daß es gefährlich sei, sich von einem Papste Liebes erweisen zu lassen. Wollen wir die Lesart gelten lassen, daß es verhängnisvoll fei, sich an den Rechten und Vorrechten eines Papstes zu vergreifen, dann dürfen wir aber darauf Hinweisen, daß es sich immer und überall schließlich doch gerächt hat, wenn Versündigungen begangen worden find an dem jüdischen Volke und an dem, was sein teuerster Schatz ist, an seiner Religion. Im fernen Westen gibt das verödete Spanien Zeugnis davon und im Osten liefert nun das mächtige, das mächtig gewesene Rußland die Bestätigung. Aber der Morgen naht! Wie trüb auch die Gegenwart sei, wie nichtswürdig die Verfolgungen, unter welchen Tag für Tag und unablässig unsere Brüder zu Hunderten zugrunde gehen und verbluten, die Dämmerung ist doch Hoffnung, denn das ist Morgendämmerung und sie kündet Morgenröte. Noch sträubt sich zwar die Gewaltherrschaft. Wer wird sich darob wundern? Es find die letzten zuckenden Reflexbewegungen einer absterbenden Gewalt, die förmlich nach einem Naturgesetz noch den Willen zum Leben bejaht und die sich noch auszubäumen versucht in Betätigung des Selbsterhaltungstriebes. Daneben macht sich aber auch das Menschenrecht mit der Kraft eines Naturgesetzes geltend, und es hat die glorreiche Bürgschaft des endlichen Erfolges für fich, daß es ein Recht und kein Unrecht ist. Der Verfassungsentwurf Bulygin's und das Gutachten des Ministerkomitees, betreffend die Revision der Judengesetze, versuchen noch immer — auch jetzt noch immer! — sich um den Kern der Sache herumzudrücken, den Pelz zu waschen, ohne ihn naß zu machen, Freiheiten zu schaffen ohne deren notwendigste Voraussetzung — die Gerechtigkeit, aber alle diese Versuche find ebenso unhaltbar, wie es jetzt noch halbe Maßregeln in Rußland sein können.

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