Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 24 (15.6.1905)
- Date
- 1905-06-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 24. Dr. Bloch’s Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. .. A. k. xostspsrraffrn-Arnk Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Ledarlion und Administration: Wien IX/l, VerggaWe Nr. 39. Ttlophon Nr. 14.847. IC — * Wien, 15. Jnni 1905. Erscheint jeden Freitag. - >— 4 I . 4-- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. »- » »rprssprri» fltr Srstrrrrtch: Halbjährig 8 Jtroncn. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Banzjährig 20 » Anzeigen: Die4malgespaltene ^etitzeile 24 Heller. m Jnbalt: Leitartikel: Gott der Eine und Einzige. — Politischer Zionismus und Ebibath Zion. — Vom Jahrmarktdes Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Die jüdischen Ovfer in der Seeschlacht von Tsuschima. Die englische ^remdenbill und die Wiener Antisemiten. Zur Genealogie des Vize-Bürgermeisters Dr. Porzer. Fördert die Handwerke. Ans einem Briefe des früheren amerikanischen Gesandten in Berlin und Ex-Präsidenten der Eornell-Universität Professor Andrew White. Abendmahlkelch und Ansteckungsgefahr. Ein jüdischer Marketender. Die Zukunft des Judentums. — Korrespondenten: Bericht der Baron Hirsch- Stiftung. Baron Rathaniel Rothschild. Moderne Ritualmordfabrikation. „In der Rasse liegt die Schweinerei". Audienz des Bürgermeisters von Ezernowitz. Prag, Graz, Hagen, Frankfurt a. M., Paris, Schitomir, Uganda. Deutsch-israelitischer Gcmeindetag. Der badische Fivanzminister Moritz Ellstätter. Judenexzesse in Rußland. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Ehewra-Kadischa. Bethausspenden. Wien. Die Llonnmenta Judaica. Alliance Israelite Universelle. Graz. Budapest, Nagybecskerek, Zürich, New-Iork. — Feuilleton: Aus finstern Zeiten. — Neue Bücher. — Brieflasten. — Inserate. Gott der Eine und Einzige. Es ist eine böse Zeit. Throne wanken, Könige werden abgesetzt und die Schrecken der furchtbarsten Despotie verli-ren ihre Wirkung. Das Undenkbare ist Ereignis geworden: die Macht des gewaltigsten Militärstaates der Erde ist zerschmettert und der Zar bekennt sich als Besiegter. Wäre dieses Wunder im grauen Altertum geschehen, da noch jedes Volk seine eigenen Götter verehrte und jede Aenderung des Völkerschicksals dem Walten des Ueberirdischen zuschrieb, dann hätte es einen Massenabfall von den nationalen und den Uebertritt zu den bisher feindseligen Göttern nach sich gezogen. Aber heute gibt es fiir die ganze Welt nur einen Gott, zu dem in verschiedenen Riten und Kulten gebetet wird. Die Einen umgeben seinen Thron mit einer Schar von Engeln und Heiligen, die Andern erkennen ihn in furchtbarer Majestät als den Einzigen. Man kann Gott leugnen, aber wenn man ihn bejaht, dann find Juden, Christen, Mohammedaner und Buddhisten Kinder desselben höchsten Wesens, dessen Allmacht und Allgüte die Menschen aller Zungen umfaßt. Der Zar glaubt an Gott, denn er hat seinen Generälen und Soldaten fromme Heiligenbilder mit auf den Weg gegeben, als sie zu dem grausen Morde in der Mandschurei auszogen, er hat durch Meßopfer und Bittgänge den Sieg für seine Fahnen erfleht. Die Heiligenbilder blieben unwirksam, die Opfer und Prozessionen waren vergeblich — nicht ein einziges Mal im Zeiträume von fünf Vierteljahren gelang es seinen Heerführern und Admirälen, auch nur den kleinsten Erfolg über das mißachtete gelbe Zwergvolk im fernen Osten zu erringen, das Zehntausende seiner Hünen dahinmähte, wie die Saat auf dem Felde. Der Zar ist ein frommer Mann! Er hat an Gott geglaubt, als er in die Schlacht zog, und er glaubt an Gott in dem Augenblicke, wo er, gedemütigt und in sein stohes Herz getroffen, um Frieden bitten muß. Denn ob die vieldeutige Sprache der Diplomaten es zugeben will oder nicht, tatsächlich ist e r es, der um Frieden bittet, der in grauenvoller Not und Angst die Forderungen des siegreichen Feindes bewilligen muß, um sich und seinen Thron vor Schlimmerem zu retten. Wenn aber Nikolaus H. auch jetzt noch seinen Blick zum Höchsten wendet, dann muß er sich sagen, daß diese schreckliche Prüfung über ihn gekommen, weil er Gott versucht hat, Gott, der derselbe ist für die Juden wie für die Christen, für den Zaren wie für den elendesten jüdischen Bettler. Vor 6 Jahren hat der junge Zar die Welt mit einer herrlichen, unvergeßlichen Tat überrascht. Er erließ sein Friedensmanifest, in welchem er die Völker der Erde aufrief, die Streitaxt zu begraben, dem männermordenden Kriege zu entsagen und ein neues goldenes Zeitalter, das Zeitalter des ewigen Friedens, über die Menschheit heraufzuführen. Nichts berechtigt zu der Annahme, daß es dem jungen Herrscher mit diesem Friedensrufe nicht ernst gewesen wäre. Nikolaus II. mag kein Geistesriese sein, aber er ist ein Mann voll tiefen Gemütes, dem jede Frivolität fernliegt. „Friede den Völkern auf Erden" — der mächtigste Monarch der Erde, hatte dies fromme Wort des Evangeliums zur Tat machen wollen. Aber in seinem eigenen Reiche ist es zu Schanden geworden! In seinem eigenen Reiche lebt ein Volk von fünf Millionen der ärmsten, verachtetsten, gleich Hunden gehetzten Menschen. Dieses Volk glaubt an Gott, wie der Zar an ihn glaubt, nur betet er zu ihm in anderen Formen. Es sind die Juden. Galt das erlösende Wort des Zaren nicht auch für diese? Waren sie nicht Menschen wie er, des Friedens weniger bedürftig als alle anderen Nationen, die nicht in Knechtschaft leben und nicht von Hunger aufgerieben werden? Es kamen die blutigen Ostertage von Kischenew und dann kamen noch die zahllosen Judengreuel an anderen Orten. Hatte der Zar daran Schuld oder seine zügellosen Beamten? Gleichviel, es liegt im Wesen der Despotie, daß für jedes Geschehnis die oberste Spitze verantwortlich gemacht wird. Nikolaus U. war nicht mehr der Friedenszar, er selbst hatte den von ihm verkündeten Frieden gebrochen, mit seinem Purpur wurde der Massenmord an wehrlosen Menschen gedeckt. Und es gibt nur einen Gott, der das Gute belohnt und das Böse bestraft, der Gott, der seine Hand hält über Juden und Christen. Da Nikolaus den Frieden gebrochen hatte, zu deffen Verkünder er auserwählt war, ist auch an ihn der Frieden gebrochen worden. Von weither streckte Gott seinen Arm aus, um den Frevel zu züchtigen, und entsetzlich war diese Züchtigung wie der Frevel selbst. Die zehn Plagen, die der Herr über Pharao verhängte, waren Liebkosungen gegenüber den zerschmetternden Schlägen, die den Zar und seine entmenschten Höflinge und Berater trafen.-