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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-02 · 22 (2.6.1905) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 22 Dr. Bloch's Wochenschrift' Seite 347 um vier Uhr verließ ihn das Bewußtsein. Rothschild war auch Mitglied des Institutes und Kommandeur der Ehrenlegion. Freiherr Alphonse gehörte auch zu den Regenten der Bank von Frankreich. Seiner künstlerischen und wissenschaftlichen Verdienste wegen erwählte ihn 1885 die Akademie des Beaux-Arts zu ihrem Mitgliede. Er war als Kunstsammler einer der feinsten Kenner und hat auch manches junge Talent unterstützt und gefördert. Sein Wohltätigkeitssinn war wie der der meisten Rothschilds ein sehr ausgeprägter; so ließ er zum Beispiel dem Pariser Stadtrate alljährlich im Winter für die Armen 100.000 Franks überwiesen. Freiherr Alphonse v. Rothschild hinterlüßt außer seiner Witwe zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Die Erstere ist seit 1883 die Gattin des bekannten Sportsmans Maurice Ephrussi, der Sohn, Freiherr Eduard v. Rothschild, der jetzt das Erbe seines Vaters antreten wird, verheiratete sich erst vor einigen Monaten mit einem Fräulein Halphen. und diese Hochzeit gab dem jetzt Dahingeschiedenen Gelegenheit, zum letzten Male die soziale Machtstellung, deren er sich erfreute, zu genießen, denn die Träger aller vornehmsten oder ältesten Namen der französischen Aristokratie drängten sich an jenem Tage in dem israeltitischen Tempel, wo die Trauung des jungen Freiherrn Eduard v. Rothschild gefeiert wurde, der, wie nebenbei bemerkt sei, auch der erste Offizier ist, der aus der Familie Rothschild hervorging und als Lieutnant des Beurlaubtenstandes dem 6. französischen Husarenregiment angehört. Das Leichenbegängnis des Barons Alphonse Rothschild hat, dem Wunsche des Verstorbenen entsprechend, in prunkloser Weise stattgefunden. Imposant gestaltete es sich nur durch die massenhafte Teilnahme der Bevölkerung, welche den großen Boulevard entlang bis zum Friedhofe Pöre-Lachaise Spalier bildete, und durch die immense Anzahl der Trauergäste, welche zur Leichenfeier im Geburtshause Rothschilds, Rue Lafitte, erschienen, wohin die Leiche aus dem Sterbehause übertragen worden war. Unter den Anwesenden bemerkte man den ehemaligen Präsidenten der Republik, Casimir-Perier, einen Vertreter des Präsidenten Loubet, die Minister, zahlreiche Mitglieder der Diplomatie, der Aristokratie, der Finanzwelt und der gesellschaftlichen, akademischen und künstlerischen Kreise. Aus Wien waren Bankdirektor Blum und der Präsident der Wiener „Chewra Kadischa" (Fromme Brüderschaft), Salo Cohn, als Repräsentant dieses Vereines erschienen. In einem schwarzdrapierten Salon im Erdgeschosse des Trauerhauses war die Leiche aufgebahrt. In zwei Nebensalons weilten die Mitglieder der leidtragenden Familie: Der Sohn und die beiden Brüder des Verstorbenen, dessen Schwiegersöhne Baron Albert Rothschild aus Wien und Maurice Ephrussi, sowie dessen Schwager Lord Rothschild, welche die Kondolenzbezeignngen der Anwesenden entgegennahmen. Nachdem in Anwesenheit des Großrabbiners von Frankreich die liturgischen Gebete verrichtet worden waren, wurde der Sarg auf einen zweispännigen Trauerwagen gehoben und der lange Zug setzte sich nach dem Friedhofe in Bewegung. Vorerst zu Wagen die Rabbiner und ihre Assistenten, sodann zu Fuß die Delegationen des Hauses Rothschild, der Bank von Frankreich, der Nordbahn und zahlreicher Wohltätigkeitsvereine, deren Gönner der Verstorbene war, unmittelbar hinter dem Trauerwagen schritten die leidtragenden Verwandten, Oberst Chabaud als Vertreter des Präsidenten der Republik, die Mitglieder der Regierung, die Vertreter der Akademie, die Delegierten der Maires von Paris, des Konsistoriums, vom österreichischen Konsulat, welches sich im Bankhause Rothschild befindet, Konsul Baron Jacobs, Vizekonsul Fürth und Konsulatskanzler Popper sowie viele andere. Auf dem Fiedhofe wurden die letzten Gebete verrichtet und Psalmen gesungen, sodann der Sarg in der Familiengruft beigesetzt, welche sich auf der israelitischen Abteilung des Pöre-Lachaise unweit vom Grabmal der Tragödin Rachel befindet. Die Vorgänge in Warschau. Aus Warschau wird uns von einem Freunde unseres Blattes geschrieben: Die Unruhen, die seit dem 24. d. M. in Warschau stattfinden, tragen einen eigenartigen Charakter. Die Urheber der Tumulte sind ausschließlich Juden, und zwar vorzugsweise Mitglieder der über ganz Polen und Litauen verbreiteten mächtigen jüdischen Arbeiterorganisation des sogenannten „Bundes". Ihre Wut richtet sich gegen ein gewisses lichtscheues Gesindel, das im Gegensätze zu westlichen Großstädten Europas in Warschau stark von jüdischen Elementen durchsetzt ist, gegen Zuhälter und namentlich die „Noschowniki", die Messerhelden". Diese Burschen waren der bittere Beigeschmack einer jeden Manifestation, sie fehlten bei keiner größeren Menschenansammlung, und wenn jeder Zusammenstoß alsbald in eine Plünderung ausartete, so waren dahinter nur die Zuhälter, freilich im Vereine mit notorischen Gaunern und Hehlern und anderem Gesindel, zu suchen. Sie terrorisierten die Stadt, raubten am helllichten Tage und erpreßten insbesondere von jüdischen Passanten unter Drohungen Uhr und Börse. Das Vorgehen dieser Gesellschaft war nun ganz dazu angetan, den „Bund" aufs äußerste zu diskreditieren, indem die begangenen Untaten kurzerhand den jüdischen Arbeitern, insbesondere den Mitgliedern des „Bundes" in die Schuhe geschoben wurden. Deshalb beschloß der „Bund", eine reinliche Scheidung von diesem zur wahren Landplage gewordenen Gesindel durchzusühren. Hierzu wurden tausend Mann designiert, die nach einem vorher bis ins Detail festgesetzten Plan vorgiugen und am 24. d. M. truppweise die Kaschemmen, Bordelle, Hehlernester u. s. w. überfielen, die Zuhälter und Messerhelden erschlugen und sämtliche Wertsachen vernichteten. Es wurde gemordet und demoliert, aber nicht geplündert. Daß dieser Akt der Lynchjustiz einige Tage anhalten konnte, verdankt man der Polizei, die froh war, von den Mefferhelden befreit zu werden, gegen die sie schon seit Jahren einen erfolglosen Kampf führte. Angesichts der beschriebenen Zustände wird man in dieser Razzia nur einen gerechtfertigten Akt der Notwehr erblicken. Es wurden übrigens ausschließlich Israeliten justifiziert; der „Bund" erklärte, er hoffe, daß die christlichen Arbeiter in ähnlicher Weise mit dem arischen Gesindel aufräumen werden. Einem anderen Briefe aus Warschau entnehmen wir folgende Stellen: Unter den vielen Ueberraschungen und Aufregungen, die uns hier seit Neujahr beschert wurden, ist gewiß die seit vorgestern Abend inszenierte Demolierung der Wohnungen, in denen Dirnen Hausen, die einzige, wo die Polizei und das Militär eine gewisse Rücksicht gegen die Ruhestörer walten lassen. Ueber die Ursache des „Kampfes gegen die Unfittlichkeit" hört man verschiedene Meinungen. Man sagt, in einem solchen Hause wäre die Herausgabe eines entführten Mädchens an die Eltern verweigert worden, und hieraus soll sich die allgemeine Verfolgung der Besitzer solcher Wohnungen und die Demolierung der Möbel entwickelt haben. Gegen tausend Wohnungen find ausgeräumt und die Möbel durch die Fenster auf Höfe und Straßen geschleudert worden. Es wurde nichts geraubt, soweit meine Information reicht, ich selbst habe in den Trümmerhaufen viele Silbergeräte liegen sehen. („Berliner Tagblatt".) Das Leichenbegängnis der Opfer von Schitomir. Aus Schitomir wird gemeldet: Hier hat unter gewaltiger Teilnahme das gemeinsame Begräbnis der Opfer stattgefunden, die bei den hiesigen Judenmaffakres zugrunde gegangen find. Man kann sich denken, welche Jammerszenen die auch aus der Nachbarschaft herbeigeeilten Familien der fünfzehn Toten aufführten, als sie den Särgen folgten, die in der nachstehenden Reihenfolge nach dem städtischen Friedhof gebracht wurden: 1. Der Kiewer Univerfitätshörer Leopold Weinstein; 2. der Techniker Iwan Blinow, ein Christ, der sich den angreifenden Strolchen gegenübergestellt hatte, und von ihnen erschlagen worden war; 3. der 27jährige Handwerker Israel Pak; 4. der 14jährige Lehrling Jsak Gusinow; 5. der 19jährige Schriftsetzer Leopold Dofik; 6. der 23jährige Schriftsetzer Riesmann; 7. der 7jährige Knabe Riesmann, ein jüngerer Bruder des vorigen; - 8. der 44jährige Schmiedemeister Josef Abraham Guger; 9. der 20jährige Fleischhauer Josef Racker; 10. der 45jährige Hausbesitzer Elias Elischanski; 11. der

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