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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-06-02 · 22 (2.6.1905) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 346 Dr. Dlocb's Mocvenscvrttl. Nr. 22 Sitzung des Ausschusses am 15. Mai 1905 u m 2 Uhr nachmittags. Einstimmig werden gewählt: Herr Dr. Alfred Stern, Wien, zum Präsidenten; Herr Dr. Arnold R o s e n b a ch e r, Prag, zum I. Vizepräsidenten; Herr Dr. Emil Byk, Lemberg, zum II. Vizepräsidenten; Herr Dr. Gustav K o h n, Wien, zum Kassaverwalter; Herr Wilhelm P a p p e n h e i m, Wien, zum Schriftführer. Jüdischer Turnverein in Prag. Am Lt). Mal vormittags wurde eine Deputation des konstituierenden Ausschusses des jüdischen Turnvereins von Seiner Exzellenz dem Statthalter von Böhmen, Kr äsen Coudenhove, in Audienz empfangen. Die Abordnung l estand aus den Herren JUDr. Teller als Sprecher, Kand. Ing. Leo Kornfeld und I. U. E. Arthur Bergmann. Dr. Teller hielt an den Statthalter folgende Ansprache: „Zu Beginn des laufenden Jahres bat sich in Prag ein jüdischer Turnverein konstituiert. Ten Gründern desselben schwebte die feststehende und allgemein bekannte Tatsache vor, daß den Juden die Mitgliedschaft in den tschechischen Vereinen zur faktischen, in den deutschen Turnvereinen zur moralischen Unmöglichkeit geworden ist, und sie beabsichtigen demnach durch Gründung dieses neuen Turnvereines den jüdischen Bürgern und Studenten ohne Unterschied ihrer Mutter- und Umgangssprache die Möglichkeit zu bieten, um abseits eines jeglichen politischen Getriebes sich frei und unbehindert dem Turnsport widmen zu können." Weiter überbrachte der Sprecher dem Landeschef die Einladung zu der am 11. Juni um 11 Uhr vormittags im Hause Elisabethstr. 6 stattfindenden feierlichen Einweihung der Turnhalle durch Enthüllung eines Bildnisies Sr. Majestät des Kaisers. Sr. Exzellenz erwiderte der Deputation folgendes: „Ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihre liebenswürdige Einladung und für die Bekanntgabe der Konstituieru g des Vereines. Es freut mich, daß Sie den Mannesstolz besitzen, sich von Vereinen, in welchen man Sie nicht mag, loszulösen und selbstständig und ohne politische Fragen aufzuwerfen, sich sportlich bilden wollen. Ich dauke nochmals und wünsche, daß Ihr Verein, wie es vorausznsetzen ist, prosperieren möge." Bezüglich der Einladung sagte Se. Exzellenz zu, daß er, wenn es seine Zeit gestatten u erde, zur Einweihung kommen werde. Karlsbad. (Ein antisemitischerStadtrat.) Am 20. Mai fand vor dem hiesigen Bezirksgerichte die Ehrenbelcidigungsklage des Kaufmann Ludwig Zentner jun. gegen den Zinngießer Josef Drumm, Hausbesitzer und Stadtrat (Deutschradikal) statt. Wie die Anklageschrift ausführt, hat der Herr Stadtrat Drumm am 2. Mai in der Marktbrunnkolonade, als der Kläger seinen Trinkbecher aus der Hand des Brunnenmädchens übernehmen wollte, sich zu dem Kläger gewendet und. aus voller Brust ihn angeschrien: „Lausiger, dreckicher Judenbou, dumms Moidl, du wirst doch niat an dreckichen Judenstinker an sna un dreckichen schäbigen Juden Wasser hinlangen und wirst dich niat mit ihm ogebn. Der soll sich a Judenmensch nehma. Klog mi stinkender Jud." Nach durchgeführter Verhandlung wurde Stadtrat Drumm zu 300 Kronen Geldstrafe, eventuell 48 Stunden Arrest und zur Tragung der Kosten verurteilt. Budapest. Ministerialrat Ludwig Ballai hat anläßlich der jüngst abgehaltenen Sitzung der Repräsentanz der Pester israelitischenReligionsgemeinde folgende bedeutsame Rede gehalten: „Ich lege großes Gewicht auf die Gründung solcher Institutionen, die berufen sind, das religiöse Leben intensiver zu gestalten. Es ist daher natürlich, daß ich den rituellen und Unterrichts-Angelegenheiten hervorragende Wichtigkeit beimesse. In letzterer Zeit jedoch macht sich ein Gebrauch geltend, der die Tätigkeit der Gemeinde in einem Lichte erscheinen läßt, als ob das Hauptmerkmal ihrer Wirksamkeit die Wohltätigkeit, hauptsächlich die Entwicklung von Spitälern wäre. Von Jahr zu Jahr entwickelten sich die Krankenanstalten, immer wieder wird eine neue Spitalsabteilung gegründet, jede neue Stiftung bringt der Gemeinde neue Lasten und steigert nur das schon seit Jahren vorhandene Defizit derselben. Aber in heutiger Zeit, wo in der Oeffentlichkeit alle Schichten der Bevölkerung mit einander auf dem Gebiete der Humanität weiteste n, wo der Staat die Geltendmachung der gesetzlichen Wohltätigkeit als eine seiner hervorragendsten Kulturaufgaben betrachtet, kann die Förderung der Ueberproduktion an Spitälern nicht zu den ersten Aufgaben einer Gemeinde gerechnet werden. Ich weiß, daß Sie der Manipulation derselben nicht ausweichen können, Werl dies Stiftungen sind, die einen bestimmten Zweck haben, aber auf die Stiftungen zahlt die Gemeinde darauf, und diese Spitäler werden — was nicht verschwiegen werden kann — eher von Andersgläubigen ausgesucht. Ich weiß übrigens ganz gut, daß es nicht populär ist, von den Spitälern so zu sprechen, aber der eigentliche Zweck meiner Rede ist nicht gegen die Spitäler, sondern auf die intensivere Entwicklung des religiösen Lebens gerichtet, indem ich nach zweifacher Richtung hin eine energischere, kräftigere Tätigkeit verlange. In erster Reihe wünsche ich, daß in jedem Bezirke unserer Hauptstadt ein bescheidenes, aber geschmackvolles und gemnterhebendes Bethaus errichtet werde, damit unsere Religionsgenossen nicht nur an den beiden Hauptfeiertagen, sondern möglichst an jedem Sabbathe, oder auch täglich ihrem Andachtbedürfniffe Genüge leisten könn n und damit jener beschämende Zustand aufhöre, der darin liegt, daß man zu den hohen Feiertagen Bethäuser in solchen Lokalen improvisiert, die das ganze Jahr hindurch profanen Zwecken dienen. Man muß nicht gerade verschwenderisch ausgestattete, sondern zweckentsprechende Bethäuser bauen. Der zweite Moment ist das Jnslebentreten eines höheren Frauenkurses. Tagtäglich sehen wir, welche Ausdehnung die Taufen gewinnen. Die ausländischen sogenannten „Gesellschafterinnen" beginnen in den Familien oft als Proselytenmacherinncn ihr zerstörendes Werk an den Kindern unl> beenden es an den Eltern. Ihr Erfolg wird durch die Charakterschwäche erleichtert, welche hauptsächlich durch die Sucht, in christliche Gesellschaft zu geraten, gefördert wird. Diesem Uebel muß mit aller Kraft entgegengcarbeitet werden." Russische Siege. Eine Depesche vom Sonntag meldet: „Siedlce, 27. Mai. Heute früh wurden niedrere hundert Israeliten, die sich in einem Walde in der Nähe der Stadt zusammengerottet hatten, von Truppen umzingelt und in das Stadtgefängnis abgeführt. Hierbei wurden 0 Personen verwundet, darunter sieben schwer." Aehnliche Siege der russischen Truppen sind aus Ostasien noch nie berichtet worden. Aber in der Heimat, im Kampf mit Weibern, Kindern und Wehrlosen, da feiert die russische Soldateska einen Triumph nach dem anderen Diese letzte Siegesdepesche aus Siedlce ist überaus charakteristisch. Mehrere hundert Israeliten haben sich in einem Walde „zusamimngerottet". Vermutlich, weil sie in der Stadt ihres Lebens nicht sich.r waren. Sie werden von Truppen umzingelt und ganz ruhig und gelassen ins Smdtgefängnis abgeführt. Bei dieiem Spaziergang passiert der eskortierenden Truppen das Malheur, fünfzig ihrer Gefangenen zu verwunden, darunter sieben schwer. Und solche Scheußlichkeiten ereignen sich Tag für Tlg. Die Kosaken revanchieren sich an den Inden für die Schläge, die sie von den Japanern bekommen. Wahrhaftig, kein Kriegsunglück, das die russischen Machthaber träfe, könnte groß genug sein, um als ausreichende Strafe für die unaufhörlichen Greuel zu gelten, die im Innern des Reiches sub mwxieim imperntorw Tag für Tag begangen werden. ' Baron Alphonse Rothschild. Paris. Das Aufsehen und die Teilnahme, die der Tod des Barons Alphonse Rothschild hier erregt, sind begreiflich angesichts der einzigartigen Stellung, die der Chef des Hauses Rothschild in der Gesellschaft und in allen Zweigen des öffentlichen Lebens einnahm. Gleich nach dem Bekanntwerden der Todesnachricht schrieben sich in dem Palais dicht an der Place de la Concorde der Präsident der Republik, Ministerpräsident Rouvier und fast alle Minister und zahllose Mitglieder der politischen, aristokratischen, künstlerischen, wissenschaftlichen und Finanzkreise ein. Alle Blätter bringen spaltenlange Artikel über das Leben und die letzten Augenblicke des Verstorbenen, den „Debats" in einem Leitartikel „einen großen Finanzier" und „einen guten Bürger" nennen. Es wird daran erinnert, wie Alphonse Rothschild der stete Berater der Finanzminister war, wie er in allen Krisen den öffentlichen Kredit stützte, wie er 1871 an der Spitze des Syndikates stand, das eine Anleihe für die Zahlung der Kriegsentschädigung garantierte. Noch vor einem Monat hielt er in der Verwaltungsratssitzung der Nordbahn, deren Präsident er war, eine Rede, in der er aus die Ursachen der wachsenden Mutlosigkeit des französischen Kapitals hinwies. Die Rede machte großen Eindruck. Am 25. Mai abends fühlte er sein Ende nahen. Er vereinte seine Familie und das Hauspersonal an seinem Bett und nahm Abschied. Morgens

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