Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 13 Dr. Mocb's MtocbenscvrM. Kette 305 Behandlung wird jedem Patienten zuteil. Bei Männern sind männliche, bei Frauen weibliche Wartepersonen. Der Krankenbesuch ist den ganzen Tag gestattet; die allgemeine und aufrichtige Teilnahme tut jedem der dort untergebrachten Kranken sehr wohl. Die Aussicht von den Krankenzimmern geht über den Tempelberg viele Meilen weit bis über den Jordan. Fahrt nach Hebron. Wir waren 5 Reisende, die wir von Jerusalem mit eigenem Wagen, vorbei am Grabe Rachels, wo wir hielten und unsere Andacht verrichteten, in fünf Stunden nach Hebron gelangten. Bei einem ungarischen Glaubensgenossen fanden wir daselbst freundliche Aufnahme. Am darauffolgenden Morgen besuchten wir das Bethaus — es waren an 30 erwachsene Personen anwesend — und „duchenten" wir auch hier, wie in Jerusalem. Wir begaben uns dann zur Höhle Machpela und beteten aus einem zu diesem Zwecke besonders verfaßten Gebetbuche an den Gräbern unserer Patriarchen. Man erzählte uns auch, daß der berühmte Nachmanides in der Nähe bestattet sei, und zeigte uns die Grabstätte. In Hebron gibt es etwas Industrie; Glas wird erzeugt, Tongeräte und Ziegenfell-Schläuche gehören auch zu den Erzeugnissen Hebrons, das durchwegs Häuser mit flachen Dächern hat. Wir besuchten auch den ehrwürdigen, etwas über 70 Jahre alten Chacham-baschi, R. Cheskia Medini, den Oberrabbiner Hebrons, der uns freundlich willkommen hieß und hebräisch mit uns konversierte. Er bot uns feine Zigaretten an, reichte beim Abschiede jedem von uns die Hand und entließ uns mit einem treuherzigen „Schalom".*) Ein kräftiges Mal in Hebron, dazu den ausgezeichneten Hebron-Wein ließen wir uns sehr gut schmecken und bestiegen nach dem Tischgebet den Wagen zur Rückfahrt nach Jerusalem. Wir fuhren durch das Tal Eschkol, durchs berühmte Traubental, sahen von ferne des Propheten Jona Grab und hielten unterwegs beim Mautgebäude Rast, wo die Pferde gefüttert wurden. Wir beteten Mincha und nahmen dann schwarzen Kaffee als Zugabe zum Mautgeld von ungefähr 10 Hellern, das jeder Reisende bezahlen muß. Bei den Salomons-Teichen, Betlehem und dem Grabe Rachels kamen wir wieder vorbei und langten bei eingetretener Dunkelheit, nach guter Fahrt auf der ganz guten Straße, in Jerusalem an. Etwa 20 Kronen kostete die ganze Fahrt für 5 Passagiere und wir waren mit unserem jüdischen Lohnkutscher besonders zufrieden. Besuch zweier jüdischer Kolonien. a) Risch on le-Zion. Diese Kolonie umfaßt einen Flächenraum von 621 da und produziert ausschließlich Wein von vorzüglicher Qualität, Getreide gedeiht gar nicht. Die gesamte jüdische Einwohnerschaft dieses Dorfes beträgt dermalen an 650 Seelen. Auf unserer Rückreise von Jerusalem nach Jaffa fuhr ich — erzählt Herr Kohn — nach der südlich von letzterer Stadt gelegenen Kolonie. Unser Stellwagen, der täglich, laut Konzession, die Fahrt von Rischon le-Zion nach Jaffa und zurück macht, brachte uns in zwei Stunden nach Rischon. Auf unserm von zwei Pferden recht gut gezogenen Omnibus haben 10 Personen Platz. Wir fuhren zwischen Orangen- und Zitronengärten, vor Plantagen vorbei, die durch besonders konstruierte Räder — von Pferden oder Rindern bewegt, die das Wasser aus den Brunnen schöpfen — bewässert werden. Wir begegneten jüdischen Kolonisten, die mit eigenen Wagen nach Jaffa fuhren, um ihre Boden- Produkte zu veräußern oder Einkäufe zu besorgen. Herr Rabinowitsch, Kolonist aus Rischon, der in Jaffa von meinem projektierten Besuch erfahren hatte, ritt voraus, erwartete mich bei der Einfahrt in die Kolonie, führte mich in sein Haus und ich mußte sein Gast sein. Im Hofe wachsen Eukalyptus-Bäume, die hier überall angepffanzt werden, um die Luft fieberfrei zu machen. Es herrscht infolgedessen auch in Rischon und Umgebung die beste Gesundheit. Zum Nachtmahl bot mein Gastfteund mir *) Mittlerweile ist er leider im Kislew d. I. verschieden. Diese wahrhaft patriarchalische Gestalt bleibt uns unvergeßlich, wie auch sein besonders herzlicher Empfang, den er uns bereitete. Kaffee, Eier und selbstgebackenes, schmackhaftes Weizenbrot an, später holte er aus dem Keller eine Flasche selbst gekelterten Wein, der vorzüglich mundete. In dem mir angebvtenen Zimmer fand ich ein sehr reines Bett und durchwegs moderne europäische Möbel. Nach dem Nachtmahl begaben wir uns in die berühmten Kellereien, die, von Baron Edmund v. Rothschild erbaut, jetzt von der Jewish Colonisation Association verwaltet werden. Es war schon dunkel, als wir auf die Straße traten, doch wird Rischon von Straßenlampen beleuchtet. Vorher besuchten wir noch — es war halb 9 Uhr abends — die im 1. Stock des Gemeindehauses gelegene Synagoge. Es fand ein Talmud-Vortrag statt; der Vortragende war der Rabbiner der Kolonie und gleichzeitig der „Maschgiach" aus Jerusalem, der die Weinbereitung beaufsichtigte. Bekanntlich wird aller Wein hier ,,8ed6l Pesach“ bereitet. Wir wurden von den anwesenden „Lernenden" aufs herzlichste begrüßt. Wir begaben uns dann in die Kellereien, die taghell elektrisch beleuchtet waren und in denen — es war gerade der 1. September, die Haupt-Weinlesezeit — sehr fleißig gearbeitet wurde. Dampfmaschinen waren in voller Tätigkeit — auch Eis wird mittelst Dampfmaschine, um künstlich die entsprechende Temperatur in den Kellereien hervorzurusen, erzeugt — und wurden wir nicht müde, alles zu betrachten. Die Arbeiter sind durchwegs Jehudim, unter denen ein großer Teil Temaniten sind. In den letzten Jahren wurden durchschnittlich 50.000 Hektoliter Wein produziert; 70 Arbeiter find hier während des ganzen Jahres und im Juli und August noch weitere 100 Personen beschäftigt. Der Rischon le-Zion-Wein hat schon jetzt den Weltmarkt erobert und er wird als Medizinalwein von Autoritäten seit neuester Zeit vielfach und mit bestem Erfolg empfohlen. Am Rückweg hielten wir auf einer Bank in dem gut gepflegten Parke von Rischon le-Zion Rast und konnten uns von diesem paradiesischen Plätzchen nur schwer trennen. Nach sehr gut verbrachter Nacht kam nach der Morgenandacht im Gotteshause, der alle Kolonisten beiwohnten, ein kräftiges Frühstück. Im Orte ist ein Doktor, eine Schule, eine Bibliothek, auch eine Musikkapelle aus jüdischen Musikanten gebildet und eine k. k. österreichische Post. Freudig begrüßten wir das österreichische Wappen, wie in Jerusalem, so auch hier über dem k. k. österreichischen Postamte. Nach herzlichem Abschiede von meinem Gastgeber fuhr ich nach Jaffa zurück. d) Fahrt nach Peßach-Tikwah. Peßach-Tikwah, die älteste Kolonie, vor 27 Jahren von einigen jüdischen Einwohnern Jerusalems begründet, mehrmals verlaffen, seit 20 Jahren jedoch in ununterbrochenem Betriebe, zählt dermalen zu den blühendsten Dörfern Palästinas und umfaßt ein Areal von 1600 ha. Hier gedeihen Wein, Oliven, Mandeln, Maulbeer- und Orangenbäume und Getreide. Gute Wiesen tragen viel zu einer rationellen Viehzucht bei, die die Milchwirtschaft sehr begünstigt. Ein stattlicher, neu angepflanzter Eukalyptus-Wald hatte eine gründliche Besserung der gesundheitlichen Verhältnisse zur Folge, und es leben jetzt über 800 jüdische Seelen hier in guten Verhältniffen. Noch am selben Nachmittag gegen 4 Uhr fuhr ich nach der Kolonie Peßach-Tikwah. In einer Familie fteundlich ausgenommen und ähnlich wie in Rischon bewirtet, begab ich mich nach dem Hotel, in welchem ein blendend weißes Bett mir über Nacht vorzügliche Nachtruhe gewährte. Früh besuchte ich die stattliche, massiv gebaute Synagoge. Alle Kolonisten beten hier täglich, früh und abends, — es wird hier auch, wie in Jerusalem, an den Wochentagen des Morgens von den Kohanim der Priestersegen gesprochen. In zwei Nebenräumen wird außerdem auch noch gebetet und täglich „gelernt". Peßach-Tikwah hat einen Rabbiner, einen Doktor, eine Apotheke und eine Schule. Drei Brunnen im Orte geben ein sehr gesundes und gutes Waffer. Pferde treiben je ein Rad, welches das Waffer schöpft und dann überall hinleitet. Gegen 10 Uhr vormittags bestiegen wir den Wagen, der uns nach Jaffa zurückbringen sollte. Wir fuhren vor einem fischreichen