Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 6 Or. Bloch’s Iahrza«ßXLH Tentralorgan für die grssmmten Interessen des Iudenthums. A. k. Poftfparrassrn-klmt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. LrdarUon und Administration: . Wien IX/I, Berggaffe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Wie«, IO. Februar 1005. -»—»4- —-- Erscheint jeden Freitag. -'H' - Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe LS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie». »erugsprri« für Sestrrrrich: Halbjährig 8 Krone«. Einzelexemplare 50 Heller. LLr'» Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 20 . Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Die Standpunkte der antisemitischen Presse — Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst-und historischen Denkmälern des Judentums. — Propheten und Psalmisten. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Beratung über den einheitlichen Lehrplan für den Religionsunterricht an Mittelschulen. — Der einheitliche Lehrplan für den Religionsunterricht an Mittelschulen. Entscheidung kontroverser israelitischer Religionsgemeindefragen in Ungarn. Unterricht der Analphabeten in der Armee. Budapest, Baden. Troppan, Olmütz, Prag. Direktor Salomon Schütz. Die Bestattung von Konfessionslosen. Hannover. Eine antisemitische Geschmacklosigkeit. Proklamation des „Bundes". Wie Trepow Ruhe schaffen-will. Ein jüdisches Mädchen auf dem Kriegspfade. — B e r ui l s ch t e s: Kranzablösungsspenden zugunsten der Ehewra Kadischa. Jüdische Gefangene in Japan. Israelitische Gesellschaftsreise nach dem Heiligen Lande. Wien. Jüdische Toynbee-Halle. G^az, St. Pölten, Trebüsch, Klasno, Budapest, Györ, Belovar, Kopenhagen, New-Aork. — Feuilleton: Eine Geschichte aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. DieStandprrrrkte der antisemitischen Presse. Daß der Antisemitismus eine Begleit- und Folgeerscheinung sittlicher Verrohung ist, das hat sich doch schon tausendfältig erwiesen. Nun ist aber eifriger denn je die antisemitische Presse an der Arbeit, zu beweisen, daß zu seinen Voraussetzungen neben der moralischen Verwilderung doch auch noch eine ganz besondere geistige Borniertheit gehört. Man kann die Probe darauf täglich machen. Was immer sich begeben möge, was aus dem Rahmen der alltäglichen Ereignisse heraustritt, es wird so lange gedreht und gewendet, bis sich aus der Sache ein schweres Verschulden, an: liebsten eine Blutschuld — nicht dieses oder jenes Juden, sondern gleich der ganzen Judenschaft herauskonstruieren läßt. Was ursprünglich nur als grotleskes Problem für Witzblätter erscheint, die Kopulierung der heterogensten Begriffe und Vorstellungen, um sodann durch die Ueberraschung der seltsamen Vermählung das befreiende Lachen auszulösen, das wird hier berufsmäßig mit voller Ernsthaftigkeit und der vollen Absicht, eine ernste Wirkung zu erzielen, betrieben. Man soll nichts verschwören. Man kann sich hundertmal vorsagen, es sei doch zu dumm, für jedes beliebige Ereignis, spiele es sich nun in Japan oder in Südafrika, an der Newa oder an der Seine ab. immer die Juden und nur die Juden verantwortlich zu machen, man wird doch niemals, man beachte wohl, niemals falsch prophezeien, wenn man voraussagt, daß die antisemitische Presse mit unfehlbarer Sicherheit bei diesem Schluß all ihrer Weisheit landen wird. Die menschliche Dummheit scheint nach dieser Richtung hin keine Grenzen zu haben, und in philosophischer Erkenntnis dessen spekuliert die erwähnte Presse darauf und freut sich des Geheimnisses ihrer Erfolge. Wenn sie nicht mehr auf die Dummheit spekulierte, wovon sollte sie leben? So ist es eine ausgemachte Sache, daß die Revolution in Rußland von den Juden angezettelt wurde. Während der ganzen abgelaufenen Woche war das wieder der Gegenstand der Tagesordnung für die Erörterungen jener Presse, die da vorgibt, das Volk aufzuklären und zu belehren. Die Revolution ist nach einem „systematisch ausgearbeiteten" Plane in Szene gesetzt worden, und „niemals noch zeigte sich in so überzeugender, ja verblüffender Weise der Anteil, den das jüdische Element an jenen Unternehmungen hat, welche sich gegen die staatliche Autorität richten und deren letztes Ziel der vollständige Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung ist". Die jüdischrevolutionären Tendenzen sind notorisch, und die Schuld des Judentums „ist erwiesen und kann nicht mehr in Abrede gestellt werden". Die Juden benützen das russische Volk als Slurmbock für ihre selbstsüchtigen Zwecke, uni an den: antisemitischen Rußland Rache zu nehmen. Die Logik ist ein bischen konfus. Das russische Volk hat die Juden bei jeder Gelegenheit verfolgt, geplündert, sie auch, wenn es vom gestohlenen Branntwein genügend animiert war, erschlagen, und nun rächen sich die hinterlistigen Juden dafür, indem sie keine Ruhe geben, bis für dieses Volk ein wenig Luft und Freiheit erkämpft ist. Das „Deutsche Volksblatt" verfolgt die Arbeit der Juden mit Staunen, ja mit einer Art Bewunderung, sogar ein „Grauen" erfaßt die Herren vom „D. V.". Es sind eben zartnervige Herren. Das haben sie ja schon bei der Polnaer Affäre bewiesen. Die Verruchtheit der Juden zerreißt ihnen das Herz, aber was sie tröstet, das ist, daß die Opfer der in den Straßen Petersburgs gegen eine wehrlose Volksmenge siegreichen Armee nicht vergeblich gefallen sind. „Man wird n-n überall, vielleicht auch in jenen Kreisen, in welchen stets mitleidig gelächelt zu werden pflegt, wenn man aus den verderblichen Charakter des Judentums aufmerksam macht, endlich die Gefahr erkennen, welche die internationale Wühlarbeit der Juden bildet, und sich dazu entschließen, jene Maßnahmen zu treffen, welche notwendig sind, um die arischen Völker und die von ihnen geschaffenen und heilig gehaltenen Institutionen zu schützen." Wir wissen nicht, welche heilig gehaltenen Institutionen hier gemeint sind, aber wir wissen, daß, wenn einem Journalisten schon gar nichts mehr einfällt, er, immer jene „Maßnahmen" empfiehlt, „welche notwendig oder geeignet erscheinen könnten". Nach diesen Antezedentien wird man sich nicht mehr verwundern, daß der Aufschrei der Entrüstung der ganzen gebildeten Welt über die brutale Gewaltsamkeit, zu deren Opfer Maxim Gorki, einer der ruhmvollsten unter den zeitgenössischen Geistesheroen Rußlands, gemacht worden ist, keinen Widerhall gefunden hat in antisemitischen Kreisen. Auch da ist — es ist zu dumm, aber es ist so — der sichere Standpunkt gefunden worden: „Die ganze Aktion ist nur ein Beweis der jüdischen Solidarität." Der Standpunkt ist unanfechtbar, weil er uneinnehmbar ist; er gehört zu jenen, von welchen es heißt, selbst Götter kämpfen wider sie vergebens. „Ei, ei," bemerkt das „Deutsche Volksblatt" mit bezaubernd anmutiger Schalkhaftigkeit, „ist Maxim Gorki eppes gar einer von ünsere Lait'?" In der Tat, Gorki ist kein Jude, ist es nie gewesen, er ist un-