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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-01-20 · 3 (20.1.1905) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 40 Dr. Dlocb's Mocbenscbrltt. Sir« 3 aussprechlich innigen Familienglückes begrüßten und die wir heute von so unaussprechlich schmerzlicher Trauer erfüllt sehen. Der Mund, der die hier Eintretenden immer mit der gewinnendsten Herzlichkeit begrüßte, er ruht geschlossen unter der Sargdecke — der Tod hat sein unlösbares Siegel auf ihn gedrückt. Herr Heinrich K l i n g e r! Wir kommen heute wehmutsvoll in Dein Haus, um Abschied zu nehmen von Dir, auf immer. Auf immer, das ist bis auf den Tag, wo der Engel des Todes uns alle wieder mit Dir vereint, in jener Welt, in der es keinen Tod gibt und keine Trennung. Eine ganze große unzählbare Gemeinde steht als Leidtragende an dieser Bahre, denn einer ihrer Besten und Edelsten, dem ihr Aller Wohl am Herzen lag, scheidet aus unserer Mitte. Und uns kann hier nur ein Gedanke tröstend emporrichten, den ein Weiser des Altertums in folgendem Ausspruch niedergelegt: „Man könne die Menschen alle in zwei Klassen einteilen, in solche, von denen man nach ihrem Scheiden nichts weiter zu sagen weiß, als: Sie sind d a g e w e s e n, und in solche, von denen man sagen muß: Sie haben gelebt, das heißt, gelebt, gewirkt, geschaffen, die Spanne Zeit, die man Menschenleben nennt, mit edlem Tun ausgefüllt. Und in solchem Sinne können wir nun auch von dem tiefbetrauerten, nunmehr aus unserer Mitte scheidenden hochverehrten Manne wahrheitsgetreu sagen: „Herr Heinrich Klinger, Du bist nicht bloß dagewesen — denn Dein ganzes Leben war von unermüdlicher Arbeit und Schaffensfreude und zugleich auch von edelstem — gemeinnützigem Streben und Schaffen ausgefüllt. Dieselbe tröstende Lehre enthält aber auch der Thora- Abschnitt, der gerade diese Woche an der Reihe ist. Als unsere Väter während ihrer Wüstenwandcrung nach der Landschaft M a r a kamen, deren Bitternis sie zur Verzweiflung brachte, da zeigte ihnen Gott einen Baum, der die wundertätige Kraft besaß, ihnen alle Bitternis zu versüßen. — Doch die größte Bitternis und Betrübnis des Lebens ist der Tod — und selbst schon der bloße Gedanke an den Tod, den unerbittlichen und unausbleiblichen, der seine Fangarme unaufhörlich nach uns ausstreckt, doch das einzige, was uns selbst diese Bitternis zu versüßen vermag, ist das den Menschen erfüllende Streben, dem Baume zu gleichen, der durch die edlen Früchte, die er trägt, die Menschen erfreut. Und wie lehrvoll und gedankentief ist die bekannte biblische Gleichnisrede von den Bäumen, die sich einen aus ihrer Mitte zum Führer und Leiter, zum Oberhaupte wählen wollten. Sie gingen vor allem zum Olivenbaum und sprachen: Dein alle schmerzlichen Wunden linderndes Oel erscheint uns als Bild der Sanftmut und Milde, der edlen Herzensgüte und der weisen Friedensliebe, welche ja die größte und unentbehrlichste Tugend des Führers ist, sei darum du unser Führer und Oberhaupt. Doch er lehnte die Würde ab. Diese große Tugend allein genüge noch zum Führer nicht. Da gingen sie zum Feigenbaum und sprachen: Die Süßigkeit deiner Früchte erscheint uns als Bild der Beredtsamkeit, die ja dem Führer so dringlich nottut. Das kluge Wort, zur rechten Zeit und mit Wärme und Kraft gesprochen, wie überzeugend und wie siegreich bewährt es sich, um den Streit der Meinungen zu schlichten und Klarheit in jede Sache zu bringen. Darum sei du unser Führer. Jedoch auch er lehnte ab — denn auch die Beredtsamkeit allein reiche nicht zum schwierigen Führeramte hin. Da wendeten sie sich endlich an den Weinstock und sprachen: O, deine edle Frucht, die Gott und Menschen erfreut, sie erscheint uns als das treffende Bild idealer Begeisterung, die für alles Gute, Edle und Göttliche sich und Andere entflammt, ja, du und nur du bist der rechte Führer, unter dessen Leitung wir emporzublühen hoffen! Allein auch er lehnte entschiedenst ab, denn jede der drei großen Eigenschaften vereinzelt reiche nicht hin, nur wenn sie alle drei mit vereinter Kraft harmonisch Zusammenwirken könnten, dann erst gäben sie den rechten, gotterwählten Führer. Nun hier, vor der Majestät des Todes, wo eben nur die lauterste Wahrheit am rechten Platze ist, dürfen wir es auch wahrheitsgetreu aussprechen: Herr Heinrich K li n g e r, Du hattest tatsächlich die drei edlen Eigenschaften harmonisch in Dir vereinigt. Du warst voll Milde und Herzensgüte und ebenso auch die verkörperte Friedfertigkeit, Du fandest in den Beratungen und Versammlungen immer das rechte Wort, mit Kraft und Wärme gesprochen, und Du trügest auch den idealen Sinn und die Wärme der Begeisterung für alles Gute und Edle in Deinem Herzen. Und darum, wenn wir jetzt unter unseren heißesten Tränen Deine irdische Hülle in das Grab senken, Dein unsterbliches Ich wird nicht aufhören, auch in unserer Mitte fortzuleben und auch segensreich fortzuwirken, so daß Dein hebräischer Name (c‘*n), der „Leben" bedeutet, sich an Dir bewahrheiten werde. Und wenn Du nun Abschied nimmst von Deinem häuslichen Heiligtum, in welchem die Schilderung des Psalmenbuches (Kap. 128, 3) von der im Hause waltenden, treuen Gattin und den trefflichen Söhnen und Töchtern zur Wirklichkeit geworden war, so rufen wir Dir gerührten Herzens den biblischen Scheidegruß nach: m»>-i cd*« d'tt dsvi1?# anai Amen. Dann brachte Oberkantor G u t t m a n n, begleitet von den ersten Kantoren und dem Chorpersonal der Gemeindetempel, die Trauergesänge zum Vortrage, worauf der Sarg gehoben wurde. Sämtliche Teilnehmer der Trauerversammlung folgten dem Sarge zu Fuße bis zum Rathauspark, wo die Wagen bestiegen wurden. In der Zeremonienhalle der israelitischen Abteilung des Zentralfriedhofes trug Oberkantor Don Fuchs die Trauergesänge vor und Oberrabbiner Dr. Güdemann trat an die Bahre und sprach folgende Worte: Wenn ein Mensch stirbt, so sagt man in der Regel von ihm: es ist mit ihm zu Ende. Von dem Manne aber, an dessen Bahre wir stehen, dürste es richtiger heißen: er ist am Ziele. Denn seine ganze Lebensführung war eine zielbewußte und planmäßige. In diesem Plane gab es nichts Kleines, auch das Geringste hatte seine Wichtigkeit und Bedeutung. In diesem Plane gab es aber auch nichts Kleinliches, alles war von großen Gesichtspunkten erfaßt und geordnet. Auf diesem Plane beruhte seine Gelassenheit, sein Gleichmut, seine vornehme Gesinnung und seine sichere Haltung. Die Devise seines Lebens hätte das Wort sein können, das Moses unseren Vätern am Meere zuruft: „Bleibet fest und ihr werdet die Hilfe Gottes schauen." So unwandelbar treu ist er immer Gott, dem Judentum und sich selbst geblieben. Wir haben das gesehen und bewundert während der Zeit, da er an der Spitze unserer Gemeinde stand. Es war eine der schwierigsten, aber auch eine der glänzendsten Perioden in der Geschichte unserer Gemeinde. Wie ein erfahrener Steuermann lenkte er mit fester, ruhiger Hand das Schiff unserer Gemeinde. Seine Flagge trug die alte Aufschrift: „Gott ist mein Panier", seine echte jüdische Gesinnung charakterisiert ihn und seine Amtsführung. Und eben dieser Gesinnung hatte er auch seine großen Erfolge zu danken. Sein Lebenswerk, das er von kleinen Anfängen durch unermüdlichen Fleiß und rechtschaffenes Streben zu ansehnlicher Höhe gebracht, hinterläßt er festgegründet wackeren Söhnen, hohe Ehren und Auszeichnungen sind ihm zuteil geworden, die allgemeine Achtung seiner Mitmenschen und die Verehrung seiner Glaubensgenossen hat ihn auf seinem Lebensweg begleitet, und was das Höchste ist: eine Frau, wie es wenige gibt, stand an seiner Seite und hat ihm bis zu seinem letzten Atemzug die aufopferndste Treue bewiesen, und ebenso hat ein Kreis von vortrefflichen Kindern und hoffnungsvollen Enkeln, der auch nicht leicht seines Gleichen findet, als ein wahrer Ruhmeskranz sein Alter umgeben. Er ist am Ziele, er hat den Lebensplan, den er in jungen Jahren sich entworfen haben mag, als einer der glücklichsten Menschen ausgeführt. Warum sollten wir über seinen Tod klagen? Erheben wir uns vielmehr an diesen: musterhaften und inhaltsreichen Leben, dem jeder Schmerz erspart, dem kein Wunsch versagt, dem keine Hoffnung unerfüllt geblieben ist. Wie sein Leben ein gesegnetes war, so wird sein Andenken gesegnet bleibem Amen.

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