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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-01-20 · 3 (20.1.1905) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
3 (20.1.1905)
Date
1905-01-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 38 Nr. 3 Mocb's MwcbenscbrM. Sache der vou der bayrischen Bezirksbehörde und der Wiener Polizeidirekrion weiter fortgeführteu Untersuchung sein, genau festzustellen, ob und durch wessen Einfluß und Verschulden Julius K. zur Flucht aus dem Elternhause bewogen wurde, ob und durch welche Zwangsmittel er sieben Monate seinen Eltern entzogen wurde, wo er sich in diesen sieben Monaten aufgehalten hat, mit einem Worte, ob hier das Verbrechen der Entführung Minderjähriger nach österreichischem Gesetze und das Verbrechen der Entziehung aus der väterlichen Gewalt nach deutschem Gesetze verübt worden ist oder ob mau es lediglich mit den Erdichtungen eines verlogenen Knaben zu tun habe. Nach Ermittlung der etwaigen Schuldigen wird unser Rechtsschutzbureau mit aller Energie deren Strafverfolgung durchführen. Vom Znbrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Die jüdische Solidarität. - Die Wahl Lawsou's. — Die amerikanische Einwanderung. — D i c a n t \- semitische Nächsten liebe. — Indische Nckrn 1 c » in Rußland. — Baden v e i W i e n, die N a r o d n i l i ü y" und die j L d i s ch c S o l i d ci r i t ä t. — G r a f P ü ck l c r.) Ein Schlagwort, mit dem die Apostel des Antisemitismus besonders gern arbeiten, ist das von der — Solidarität des Judentums. Ein recht brauchbares Schlagwort, geeignet zur Verspottung und zur Verhöhnung, aber auch tauglich, anzufeuern und ein Beispiel zu geben. Je nachdem man es braucht und für beide Fälle eingerichtet, ob man nun kalt oder warm zu blasen wünscht. Einmal illustriert man die Wehleidigkeit und Feigheit des Judentums damit. Ganz Israel schreit auf, wenn einem Juden einmal irgendwo auf die Hühneraugen getreten wird, heißt es, und eine Welt von Hohn und Verachtung soll sich in dem geistvollen Kernsatze ausdrücken. Nehmt euch ein Muster daran, Christen, heißt es das andere Mal, wie die Juden zusammenhalten und für einander einstehen. Es war in den letzten Tagen wieder recht viel von der berühmten jüdischen Solidarität in den antisemitisch n Preßorganen die Rede, sowohl in diesem wie in jenem Sinne. An Anlaß hat es leider nicht gefehlt, fehlt es nie. Aus England kam die Nachricht, daß im Mileend-Distrikt von London der Konservative Lawson gegen den Liberalen Strauß, allerdings mit sehr knapper Mehrheit gewählt worden sei. Alles ist unseren antisemitischen Blättern Hekuba? Ein etwaiger Sieg des Liberalismus — in England hatte den Schlaf ihrer Nächte auch nicht gestört, aber hier gab es doch eine neue und interessante Nuance für sie. Lawson ist ein Verfechter der sattsam bekannten Alien- Bill, die ja aufgerichtct ist, insbesondere um die Einwanderung der Juden aus jenen Bezirken, wo sie am meisten bedrückt sind und wo der Anreiz, Gerechtigkeit und menschenwürdige Existenz in der Fremde zu suchen, angesichts des ungeheuren Elends und der herrschenden Rechtlosigkeit am mächtigsten wirkt, also aus Rußland und Rumänien, einzuschränken, wo nicht ganz zu verhindern. Die Antisemiten verkünden es jubelnd: der Antisemitismus hat auch nach England hinübergegriffen! Frankreich befriedigt sic schon längst, und nun eröffnet sogar das freie Amerika erfreuliche Aussich.cn. Das maßlose Elend in Rußland treibt jetzt gerade mehr Leute in die Fremde, die lieber alle Unsicherheiten des Lebens auf sich nehmen wollen, als die permanente Sicherheit der Peinigung. Die staatlichen Behörden in Amerika setzen der Einwanderung unbemittelter Elemente — und die Juden in Rußland sind die ärmsten Menschen auf der Welr — Schwierigkeiten entgegen. Selbst die jüdischen Vereine in Amerika warnen vor der Einwanderung. Denn schon haben sie sich an den bisherigen Unterstützungen verblutet und sind mit ihren Mitteln zu Ende. Es ist eine weltgeschichtliche Tragödie des Elends, die sich da vor den Augen der geläuterten Zivilisation abspielt. Die antisemitische Presse jubelt. „Man sieht, wie notwendig es ist, sich der Ueberflutung durch ein Gesindel zu schützen, das nur Korruption und Verbrechen ins Land bringt und nicht des m inde st en Mitleids wert ist. Es wäre sehr wünschenswert, daß auch bei uns energische Maßnahmen getroffen würden, damit sich diese abscheulichen Parasiten nicht in unseren Gegenden festsetzen und unser Volk aussaugen können." Das sind die Verkünder der christlichen Moral, und das ist die Presse jener, die berufen sind, christlich. Liebe zu predigen. Was mußte sich begeben, ehe einberufene jüdische Rekruten sich dazu aufraffen konnten, dem Minister des Innern ein Telegramm wie das folgende zu senden: „Wir, die einberufenen Rekruten des Koweler Bezirkes, flehen Eure Exzellenz aus der dumpfen Kammer des Polizeigefänguisses, wohin wir gesteckt wurden, an, uns von der Erniedrigung und von den Leiden zu retten. Wir sind steiwillig erschienen, um die heilige Bürgerpflicht des Militärdienstes zu erfüllen. Mau hat uns aber direkt von der Militärbehörde unter einer Soldateneskorte wie Häftlinge nach der Polizei gebracht. Wir sind hier in einem engen, dunklen und dumpfen Wanzennest eingesperrt, wie es gemeinen Verbrechern gebührt. So haben es die Behörden beschlossen. Wofür denn? Für welches Verbrechen? Müssen denn diejenigen, die berufen wurden, das Vaterland zu verteidigen, zuerst alle möglichen körperlichen und moralischen Qualen erleiden? Der Vorsitzende der Assentierungskommission und der Bezirkskommissär begehen an den jüdischen Rekruten Gesetzwidrigkeiten, verlangen Unmögliches und Unerhörtes und verhöhnen sie. Jni Namen des Gesetzes und der Menschlichkeit bitten wir Sie, zu verordnen, daß man uns aus der Haft entlasse und der Militärbehörde übergebe." Und wie gerechtfertigt muß ein solcher Aufschrei sein, wenn russische Zeitungen alle Bedenken überwinden und ihm ihre Publizität leihen! Wenn solche Erscheinungen in allen Himmelsrichtungen im Judentum Kummer und tiefes Erbarmen wecken, so mag man dieses Gefühl immerhin mit dem Schlagwort der jüdischen Solidarität zu brandmarken trachten, sicherlich ist es doch kein unedlem Gefühl. Wäre sie nur vorhanden, in genügendem Maße vorhanden, diese Solidarität, vielleicht stünden die Dinge dann besser. Da haben sie'vor Kurzem eine große Versammlung in Baden bei Wien abgehaltea. Anwesend waren die Hausbesitzer von Baden, Weikersdvrf und Umgebung, die Mitglieder des Gremiums der Hoteliers und Fremdenbeherberger, der Bczirkshauptmann und die Bürgermeister von Baden und Weikersdorf und zahlreiche sonstige Honoratioren, und auf der Tagesordnung stand die Hebung des Fremdenverkehrs. Wenn Baden ein blühender Badeort geworden ist, so haben sicherlich die Juden in erster Linie ihren Anteil daran. Man denke sich die jüdische Beteiligung weg, — was bleibt noch übrig von dem Weltbade? Und doch haben die Badener Autochthonen immer mit dem Antisemitismus geliebäugelt, sind sogar bei wiederholten Anlässen stramm und unentwegt bahnbrechend vorangegangen für das christlich-soziale Element und den alldeutschen Antisemitismus. Wo war da die jüdische Solidarität? Eine Solidarität auch nur für eine einzige Saison hätte ungemein heilsam wirken müssen für alle Zukunft, — wo war sie? Oder: die „Ocsterreichische Wochenschrift" hat erst vor Kurzem festgestellt, daß eine Nummer der „Narodni listy", die mit unflätigen Beschimpfungen der Juden angefüllt war, nicht weniger als fünfundfünfzig Ankündigungen jüdischer Firmen enthielt. Wo ist da die Solidarität, die hier gewiß eine Wunderkur verrichten könnte? Die Wahrheit ist, daß diese vielgerühmte und vielgeschmähte Solidarität tatsächlich nicht besteht. Bestünde sie, dann könnte Vieles anders sein. So viel die Antisemiten höhnen mögen, es ist nur di'. Solidarität des Unglücks. Eine positive Grundlage hat das wirre Gerede allerdings und sie gereicht dem Judentume nicht zur Schande. Es ist die Ehre des jüdischen Gemütes, daß es fremdes Leid zu empfinden vermag, als sei es das eigene, und wenn der Jude unruhig wird, paries cum proximus ardet, wenn's in der Nachbarschaft brennt, so hat er auf Grund tausendjähriger Erfahrungen alle Ursache dazu. Er muß sich den Vers von vorne wiederholen: tarn tua res agitur! Denn das darf nicht übersehen werden: Wenn sonst ein Mensch etwas anstellt, sich gegen Recht und Gesetz vergeht, so hat er die Folgen für sich zu

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